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Der Windhund im letzten Zwinger

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„Ich brauche einen sehr alten Hund", sagte die Frau.

Birgit Fenske hob den Blick vom Aufnahmebuch und musterte die Besucherin einen Moment zu lange. Sieben Jahre arbeitete sie jetzt ehrenamtlich im Tierheim „Vier Pfoten Rendsburg", und in dieser Zeit hatte sie so ziemlich jeden Wunsch gehört. Klein sollte er sein, verschmust, „nicht so haarig", „kinderlieb". Ein Mann hatte mal einen Hund „mit traurigen Augen, für Instagram" verlangt. Aber das hier – das war neu.

„Ich brauche einen sehr alten Hund", wiederholte die Frau, als hätte Birgit sie nicht verstanden.

„Wie alt denn genau?", fragte Birgit vorsichtig.

„Den ältesten, den Sie haben. Zehn, zwölf Jahre. Je älter, desto besser."

Die Frau stand am Tresen, eine Stofftasche über der Schulter, aus der ein zusammengerolltes Handtuch und eine Thermoskanne lugten. Klein, schmal, Ende sechzig vielleicht. Das graue Haar zu einem strengen Knoten gebunden, aus dem sich eine Strähne gelöst hatte. An den Füßen ausgelatschte Wanderschuhe mit Matschresten an der Sohle, dazu eine olivgrüne Regenjacke, an den Nähten ausgeblichen. Ihr Gesicht war ruhig. Keine Freundlichkeit, aber auch keine Anspannung – das Gesicht eines Menschen, der genau weiß, wozu er gekommen ist.

„Einen Moment, ich frage kurz Frau Wollek", sagte Birgit und verschwand nach hinten.

Karin Wollek, die Leiterin des Heims, schnitt gerade Brot für die Abendfütterung. Das Messer klopfte gleichmäßig auf dem Schneidebrett, fast wie ein Metronom. Neben ihr stand ein Topf mit erkaltetem Reis-Fleisch-Brei und ein Stapel Edelstahlnäpfe, die noch nach Spülmittel rochen.

„Da vorne steht eine Frau. Sie will den ältesten Hund, den wir haben."

Karin hielt inne. „Den ältesten?"

„Ja. Sagt, je älter, desto besser."

„Merkwürdig." Karin wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Hol sie rein."

*

Die Frau hieß Renate Brügmann. Sie setzte sich auf den Stuhl im Büro, stellte die Tasche auf den Schoß und faltete die Hände. Trockene, sehnige Hände mit kurzen Nägeln und kleinen Rissen an den Knöcheln – Hände von jemandem, der viel mit ihnen arbeitet. Waschen, schrubben, graben, verbinden.

„Frau Brügmann, Ihnen ist klar, dass alte Hunde besondere Pflege brauchen?" Karins Stimme war weich, aber wachsam. „Tierarztkosten, Spezialfutter, oft chronische Leiden. Gelenke, Nieren, Herz. Das ist nicht einfach und nicht billig."

„Ich weiß."

„Haben Sie Erfahrung mit Tieren?"

„Ja."

„Erzählen Sie, wenn Sie mögen."

Renate schwieg einen Moment. Sie sah aus dem Fenster, wo eine Reihe Zwinger stand und ein Stück Zaun mit abblätternder grüner Farbe. Irgendwo dahinter rauschte die B77.

„Bei mir lebt gerade Krümel. Vierzehn Jahre alt, Mischling, halb Labrador, halb irgendwas Struppiges. Ich hab ihn vor zwei Jahren aus dem Heim in Neumünster geholt. Er sollte eingeschläfert werden, Arthrose in den Hinterläufen, keiner wollte ihn. Vor Krümel hatte ich Bruno, ebenfalls Mischling, auf beiden Augen blind. Grauer Star, unbehandelt. Den hab ich mit elf genommen, er ist anderthalb Jahre bei mir geblieben. Vor Bruno – Cora, eine alte Schäferhündin mit Hüftdysplasie. Cora war acht Monate bei mir."

Sie zählte ruhig auf, ohne Rührung in der Stimme, fast wie eine Einkaufsliste. Aber jeden Namen sprach sie eine Spur langsamer aus als den Rest des Satzes. Als gäbe sie jedem noch eine zusätzliche Sekunde Anwesenheit.

Karin legte den Stift weg und nahm die Brille ab.

„Sie holen sich also gezielt alte Hunde?"

„Ja."

„Darf ich fragen, warum?"

Renate sah sie direkt an. Graue Augen, ruhig, ohne Trotz und ohne Rechtfertigung.

„Weil sie sonst keiner nimmt. Alle wollen Welpen. Oder junge Hunde, höchstens drei Jahre. Und der alte Hund sitzt im Zwinger und wartet. Und versteht nicht, wofür. Er hat sein ganzes Leben lang jemanden geliebt, zu seinen Füßen geschlafen, an der Tür gewartet. Und dann landet er hier. Weil das Herrchen gestorben ist, oder umgezogen, oder einfach keine Lust mehr hatte. Und ihm bleibt vielleicht noch ein Jahr, vielleicht zwei. Ich will nicht, dass er das auf Beton verbringt."

Im Büro wurde es still. Nur von draußen war das dumpfe, rhythmische Bellen eines Hundes zu hören – kein Zorn darin, nur Langeweile.

„Kommen Sie mit", sagte Karin und stand auf. „Ich zeig Ihnen was."

Sie führte Renate durch den Flur nach draußen, vorbei an den ersten Zwingern, wo junge Hunde sich an den Gittern aufbäumten und bellten, um Aufmerksamkeit bettelten. Renate ging an ihnen vorbei, ohne stehen zu bleiben. Erst beim letzten Zwinger, ganz hinten in der Ecke, wo der Wind vom Kanal her über den Betonboden fegte, hielt Karin an.

Dort lag ein Hund. Ein Windhund, grau im Gesicht, mit trüben Augen und eingefallenen Flanken. Er hob nicht einmal den Kopf, als sie kamen. Nur die Ohren zuckten kurz.

„Das ist Sultan", sagte Karin. „Windhund, dreizehn Jahre alt. Kam vor drei Wochen von einer Rennbahn in der Nähe von Hannover, als er zu langsam wurde. Der letzte Zwinger, den er hier bewohnt, ist auch der einzige, den er hier hatte – er steht seit drei Wochen auf der Abgabeliste. Wenn niemand ihn nimmt, kommt er nächste Woche in die Statistik der Tiere, die wir aus Platzgründen nicht mehr halten können. Wir haben keinen Sterbeplatz, verstehen Sie – aber wir haben auch keinen Platz für dreißig Hunde, wenn nur zwanzig Zwinger da sind."

Renate kniete sich hin, ohne zu zögern, ohne die nasse Kälte des Betons zu beachten. Sie steckte die Finger durch das Gitter. Sultan hob den Kopf, roch an ihrer Hand, und legte ihn dann wieder ab – aber diesmal näher an ihre Finger.

„Der hier", sagte sie.

„Frau Brügmann, er hat einen Herzfehler. Der Tierarzt hat das letzte Woche festgestellt. Er braucht täglich Tabletten, die nicht billig sind. Er wird wahrscheinlich nicht mehr lange—"

„Der hier", wiederholte Renate, ohne aufzublicken. „Wie lange braucht die Formalität?"

*

Sie unterschrieb die Papiere am selben Nachmittag, am Küchentisch im Büro, während draußen der Oktoberregen gegen die Fenster trommelte und aus dem kleinen Radio auf dem Regal die Verkehrsmeldungen für die A7 liefen. Karin gab ihr eine Tüte mit den Herztabletten, einen Zettel mit der Dosierung, die Telefonnummer der Tierklinik in Rendsburg, die nachts Bereitschaft hatte.

„Kann ich fragen", sagte Karin, während sie die Mappe zuklappte, „was mit den anderen passiert ist? Mit Krümel, mit Bruno, mit Cora?"

„Sie sind gestorben. Alle drei. Bei mir, im Bett, in der Küche, unterm Apfelbaum im Garten. Nicht auf Beton."

„Und danach holen Sie sich sofort den nächsten?"

„Nicht sofort. Aber bald. Es gibt immer einen nächsten, der wartet."

Karin nickte langsam und reichte ihr die Leine.

Was Karin nicht fragte, weil man solche Dinge in einem Tierheimbüro nicht fragt, war der Grund hinter dem Grund. Das kam erst zwei Monate später ans Licht, an einem Dienstagabend im Dezember, als Birgit zufällig mit dem Fahrrad an Renates Reihenhaus am Stadtrand vorbeikam, um eine vergessene Akte vorbeizubringen, und durchs Küchenfenster hineinsah.

Renate saß am Tisch, Sultan lag mit dem Kopf auf ihrem Fuß, und an der Wand über dem Sofa hing eine gerahmte Fotografie: ein Mann um die sechzig, daneben ein Schäferhund. Birgit erfuhr später, von einer Nachbarin, den Rest. Renates Mann Joachim war vor vier Jahren gestorben, mit dreiundsechzig, an einem Herzinfarkt, im Wohnzimmer, während der Hund – ihr gemeinsamer Hund, ein Schäferhund namens Ares – neben ihm gesessen und gewartet hatte, bis Renate von der Arbeit nach Hause kam und ihn fand. Ares war damals schon elf Jahre alt. Renate hatte ihn noch zwei Jahre gepflegt, bis er selbst starb, in ihren Armen, auf dem Küchenboden, an genau der Stelle, wo Joachim gelegen hatte.

Seitdem holte sie sich, was niemand sonst wollte. Alte Hunde, die wussten, wie es ist, auf jemanden zu warten, der nicht mehr kommt. Sie gab ihnen das, was Ares am Ende gehabt hatte, nur früher: eine Küche, in der jemand ist. Ein Fußende, an dem jemand liegt. Keine Rechnung dafür, kein Dank verlangt – nur die Gewissheit, dass es diesmal jemand sieht, wenn der Moment kommt.

Sultan lebte noch elf Monate bei ihr. Er starb im September des folgenden Jahres, an einem Sonntagmorgen, auf der Decke neben Renates Bett, mit ihrer Hand auf seinem Brustkorb.

Zwei Wochen später stand Renate wieder am Tresen im Tierheim „Vier Pfoten Rendsburg". Diesmal hatte Birgit die Frage schon parat, bevor die Frau den Mund öffnete.

„Den ältesten, den wir haben?"

„Ja", sagte Renate. „Wenn möglich, mit einem kranken Herzen."

Diesmal fragte niemand mehr, warum. Karin holte die Liste aus der Schublade, ohne ein Wort, und legte sie auf den Tresen. Ganz oben stand ein Name: Cäsar, Mischling, zwölf Jahre, Niereninsuffizienz im Anfangsstadium, seit sechs Wochen ohne Interessenten. Renate strich mit dem Finger über den Namen und nickte einmal, kurz, als wäre die Sache damit entschieden – was sie auch war.

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