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Der Umschlag mit dreitausendachthundert Euro
– Wo ist mein blaues Kleid? – fragte ich und blieb im Flur stehen, den Müllsack noch in der Hand.
Renate schälte weiter Kartoffeln am Spülbecken, ohne aufzublicken.
– Das geblümte? Weg. Fleck unterm Arm, und aus der Mode war es auch. Ich verstehe nicht, wie man so was aufhebt.
Mir wurde heiß im Nacken. Das Kleid war weder aus der Mode noch kaputt. Ich hatte es mir vom ersten Gehalt nach der Elternzeit gekauft, in einem kleinen Laden in der Königstraße in Reutlingen. Ich trug es an unserem Hochzeitstag, als Jonas sagte, ich würde endlich wieder lachen wie früher.
– Sie haben mein Kleid weggeworfen, ohne zu fragen?
– Nicht "Sie", Anja, ich bin deine Schwiegermutter. Und ich habe aufgeräumt. Du solltest mir danken.
In diesem Moment wusste ich: Es ging nicht um das Kleid.
Renate war vor neun Monaten zu uns gezogen. Ihre Zweizimmerwohnung in Pliezhausen hatte der Eigentümer verkauft, und die Rente reichte kaum für Medikamente, Miete und Nebenkosten. Jonas hatte damals abends am Küchentisch gesessen, lange in seinem Tee gerührt.
– Nur vorübergehend – hatte er gesagt. – Mama hat sonst wirklich niemanden.
Ich hatte zugestimmt. Was hätte ich sagen sollen? Man lässt die eigenen Eltern nicht im Stich, das hatte ich mir selbst nie anders vorstellen können. Ich hatte sogar gesagt, wir schaffen das schon.
Die ersten Wochen waren anstrengend, aber machbar. Renate kochte Linsensuppe, holte unseren Sohn Paul vom Hort ab, bügelte manchmal Jonas' Hemden. Dann fing sie an, an Kleinigkeiten herumzumäkeln.
"Jonas braucht ein richtiges Frühstück, kein Joghurt zwischen Tür und Angel."
Plötzlich war in unserer Küche kein Platz mehr für meine Gewohnheiten. Sie räumte die Gewürze um, versteckte meine Kaffeemaschine, weil "Kapselkaffee reine Chemie" sei. Sie warf die Nudelvorräte weg, weil sie im falschen Schrank standen. Kam ich von der Arbeit, lag ein Zettel auf der Arbeitsplatte: Quark kaufen, keine Fertigmaultaschen, Fenster im kleinen Zimmer putzen.
Das Schlimmste war, dass Jonas nichts davon sah. Oder nicht sehen wollte.
– Anja, sie ist älter, sie hat ihre Gewohnheiten – sagte er, wenn ich versuchte, mit ihm zu reden.
– Und ich? Habe ich kein Recht auf meine Gewohnheiten in meiner eigenen Wohnung?
Eines Morgens kam ich vor sieben in die Küche. Paul saß am Tisch, blass, still. Renate stand mit einem Teller Grießbrei über ihm.
– Ich hab gesagt, ich will das nicht – flüsterte Paul.
– Ein Kind entscheidet nicht, was gegessen wird – erwiderte Renate. – Zu meiner Zeit gab's solche Mätzchen nicht.
– Paul verträgt keine Laktose. Das wissen Sie.
– Heutzutage hat jedes Kind irgendwas. Ihr erfindet Krankheiten, damit ihr nicht richtig kochen müsst.
Ich nahm den Teller so heftig weg, dass der Brei auf den Boden spritzte. Paul fing an zu weinen, und Renate sah mich an, als hätte ich sie geschlagen.
Abends kam Jonas spät heim. Sie hatte es ihm schon erzählt, bevor ich überhaupt aus dem Bad kam. Ich hörte ihre zitternde Stimme aus dem Flur: "Deine Frau demütigt mich vor meinem Enkel."
Als wir uns im Schlafzimmer einschlossen, war Jonas wütend.
– Wegen Grießbrei? Jonas, sie gibt unserem Sohn etwas, wovon ihm der Bauch wehtut. Sie wirft meine Sachen weg. Sie durchsucht meine Schränke. Ich komme hier langsam nicht mehr zum Atmen.
– Was soll ich denn machen? Meine eigene Mutter rausschmeißen?
Ich schwieg einen Moment. Es tat weh, dass er es so hörte. Als gäbe es zwischen Fürsorge für seine Mutter und Respekt vor mir keine Mitte.
Am nächsten Tag fand ich das leere Etui meines Schmucks im Mülleimer. Das Armband meiner Oma war weg. Renate erklärte, sie habe es der Nachbarin im Erdgeschoss gegeben, "so einen Plunder braucht doch keiner". Da riss in mir etwas. Ohne Geschrei, ohne Szene. Es riss einfach.
Abends packte ich Pauls Schulranzen, holte den Koffer aus der Abstellkammer und stellte ihn neben die Wohnungstür.
– Ich bitte nicht länger um ein bisschen Platz in unserem eigenen Leben. Entweder wir finden bis Ende des Monats etwas Reelles für deine Mutter – eine Seniorenresidenz, betreutes Wohnen, egal was – oder ich ziehe mit Paul zu meiner Schwester nach Tübingen.
– Nein. Ich ziehe eine Grenze. Das hätte ich früher tun müssen.
Zwei Tage lang sprachen wir kaum. Renate knallte demonstrativ die Küchenschränke zu. Jonas schlief auf dem Sofa. Am dritten Tag hörte ich ihn in der Küche zu ihr sagen:
– Mama, Anja hat recht. Das ist auch ihre Wohnung. Du kannst nicht über alle bestimmen.
Es wurde so still, dass ich mit dem Wäschefalten aufhörte.
Sechs Wochen später zog Renate in eine kleine Wohnung im betreuten Wohnen am Stadtrand von Reutlingen, keine zehn Minuten mit dem Bus. Jonas hatte den Papierkram erledigt, den Mietvertrag unterschrieben, die Kaution überwiesen.
Das Kleid bekam ich nicht zurück. Das Armband auch nicht. Aber vor drei Wochen, an einem Samstagvormittag, saß ich mit Jonas am Küchentisch, und wir gingen die Kontoauszüge durch. Renates Rente war zu knapp für die neue Miete plus Eigenanteil, und Jonas wollte automatisch die Differenz von unserem gemeinsamen Konto überweisen, so wie all die Monate zuvor, als sie noch bei uns wohnte und wir ihre Medikamente und Zuzahlungen mitgetragen hatten.
Ich schob ihm den Ordner mit den Kontoauszügen hinüber und legte den Finger auf die Summe: dreitausendachthundert Euro, die wir in neun Monaten für sie vorgestreckt hatten, ohne dass je darüber gesprochen wurde, wer das zurückzahlt.
– Das war unser Beitrag, als sie keine andere Wahl hatte. Jetzt hat sie eine eigene Wohnung mit eigenem Namen auf dem Vertrag. Die Differenz zur Miete zahlt ab jetzt sie von ihrer Rente, notfalls mit Wohngeld vom Amt. Ich rufe morgen bei der Betreuungsstelle an und frage, wie man das beantragt.
Jonas sah auf den Ordner, dann auf mich, und nickte nicht sofort. Aber er widersprach auch nicht.
Am Dienstag saß ich mit Renate am Telefon des Sozialamts in der Warteschleife, den Wohngeldantrag vor mir auf dem Tisch, daneben ihr Rentenbescheid und ihre Mietbescheinigung. Sie unterschrieb die Vollmacht, die ich ihr hinschob, mit spitzem Mund, aber sie unterschrieb.
Paul isst inzwischen wieder Grießbrei, mit Hafermilch, wenn er will. Er besucht seine Oma manchmal samstags, isst dort Kuchen, den sie extra für ihn laktosefrei backt. Ich gebe die Wohnungsschlüssel nicht mehr wortlos aus der Hand, und die Kontoauszüge liegen jetzt in einem Ordner mit meinem Namen drauf.
