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Die Frage der Tierärztin, die alles ins Rollen brachte
Ich bin Tierärztin in einer kleinen Praxis am Rand von Lüneburg, seit einundzwanzig Jahren, und normalerweise sehe ich Katzen mit Zahnstein und Hunde, die Schokolade gefressen haben. Kein Zebra. Nie ein Zebra. Deshalb weiß ich noch genau, wie mein Handy an jenem Dienstagabend im März klingelte, kurz vor Ladenschluss, während ich gerade die letzte Spritze für den Tag aufzog.
Am Apparat war Renate Brockmann, die den kleinen Freizeithof draußen Richtung Amelinghausen betreibt, mit Ponys, ein paar Alpakas und einer Voliere voller Wellensittiche für Kindergeburtstage. Ihre Stimme klang dünn, fast atemlos. Auf der Landstraße, keine zwei Kilometer von ihrem Hof entfernt, sei ein Anhänger umgekippt, Transport eines Wanderzirkus, der seit Wochen Ärger mit dem Ordnungsamt hatte. Ein Zebrafohlen war aus dem beschädigten Verschlag entkommen und lief seither panisch zwischen den Fichten am Straßenrand.
Ich packte Sedativum, Verbandsmaterial und eine Wärmedecke ein und fuhr los, obwohl ich wusste, dass mir für ein Fluchttier von der Größe eines Zebrafohlens eigentlich die Erfahrung fehlte. Auf der B216 stand bereits ein Streifenwagen mit Blaulicht, zwei Beamte hielten den Verkehr an, und im Scheinwerferlicht sah ich das Tier zum ersten Mal: klein, vielleicht vier Monate alt, mit einer blutigen Schramme am linken Hinterlauf, die Flanken schweißnass vor Angst.
Renate war schon da, kniete im Straßengraben, sprach in einem Ton mit dem Fohlen, den ich sonst nur von Müttern kenne, die ihr Kind aus einem Albtraum holen. Kein einziges hektisches Wort, nur dieses gleichmäßige Murmeln, während sie sich zentimeterweise näherte. Ich blieb erst mal zurück, mein Köfferchen in der Hand, weil ich spürte: Hier braucht es keine Spritze, sondern Geduld.
Der Zirkusbesitzer, ein Mann namens Dorner, kam die Böschung hochgestapft, das Funkgerät in der Hand, und verlangte, man solle "seine Ware" sofort zurückgeben, bevor die Versicherung Fragen stelle. Einer der Polizisten hielt ihn am Ärmel fest und fragte nach den Transportpapieren. Dorner hatte keine dabei, nur eine zerknitterte Quittung aus Tschechien, wo er das Tier vor zwei Jahren gekauft hatte, angeblich von einem "seriösen Züchter", dessen Namen er nicht nennen konnte.
Es dauerte fast vierzig Minuten, bis das Fohlen aufhörte zu zittern und sich von Renate berühren ließ. Ich legte ihm eine dünne Schiene an, mehr aus Vorsicht als aus Notwendigkeit, der Lauf war nur angeschlagen, kein Bruch. Der Amtstierarzt vom Landkreis, den die Polizei inzwischen alarmiert hatte, traf ein, warf einen Blick auf Dorners fehlende Papiere, auf die Rippen, die man unter dem struppigen Fell des Fohlens zählen konnte, und beschlagnahmte das Tier noch an Ort und Stelle wegen Verstoßes gegen die Tierschutz-Transportverordnung.
Dorner schrie noch etwas von "eurer Behördenwillkür", dann fuhr sein Kombi mit quietschenden Reifen davon, den beschädigten Anhänger ließ er einfach am Straßenrand stehen. Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen, nur zwei Wochen später einen Brief seines Anwalts in der Amtstierarztakte, in dem er Schadensersatz forderte. Nichts davon wurde je bewilligt.
Renate durfte das Fohlen, das sie inzwischen Matilda nannte, vorläufig auf ihrem Hof unterbringen, während das Veterinäramt die endgültige Vermittlung klärte. Ich fuhr in den folgenden drei Monaten jede Woche raus, kontrollierte den Lauf, dann das Gewicht, dann irgendwann nur noch aus Gewohnheit. Matilda wurde zutraulich auf eine Art, die für ein Wildtier fast beunruhigend war, folgte Renate wie ein Hofhund, stupste die Alpakas beim Fressen zur Seite.
Im Juni kam die Nachricht vom Veterinäramt Lüneburg: Wegen einer Formalität, Matilda war nie offiziell "wild" gewesen, sondern als Zirkustier registriert, durfte sie nicht in ein Wildgehege überstellt werden, sondern musste an einen zugelassenen privaten Halter mit entsprechender Genehmigung vergeben werden. Renate beantragte die Haltungserlaubnis noch am selben Tag, ließ auf eigene Kosten den Weidezaun auf zwei Meter zehn aufstocken, wie es die Auflage verlangte, das kostete sie am Ende knapp dreitausendachthundert Euro, die sie sich von ihrem Bruder lieh.
Ich war dabei, als der Bescheid im August kam, ein dünnes Kuvert vom Landkreis, das Renate am Küchentisch aufriss, während der Wasserkocher hinter ihr pfiff und niemand daran dachte, ihn abzustellen. Genehmigt. Unbefristet.
Draußen im letzten Licht sah ich Matilda am Zaun stehen, den Kopf über die neue Latte gelegt, und Renate ging raus, ohne die Genehmigung aus der Hand zu legen, hielt ihr das Blatt einfach hin, als könnte das Tier lesen. Vielleicht konnte es das auf seine Weise. Es blieb ruhig stehen, während der Wasserkocher drinnen endlich verstummte.
