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Die Kerze in Frau Brandts Küche
Rosemarie Brandt zündete am Sonntagmorgen die dritte Kerze auf dem Adventskranz an, obwohl es schon Februar war – sie tat das jeden Sonntag, seit ihr Mann Werner vor sechs Jahren gestorben war. Draußen, in der Schlossstraße von Gütersloh, läuteten die Glocken von St. Pankratius, und wie immer blieb der Klang irgendwie ungehört zwischen den Backsteinfassaden hängen. Früher waren an einem Sonntagmorgen die Bürgersteige voller Menschen mit Gesangbüchern unter dem Arm gewesen. Jetzt sah Rosemarie höchstens den alten Herrn Kaczmarek mit seinem Dackel und zwei Joggerinnen mit Kopfhörern.
Ihre Enkelin Pia war zu Besuch, vierundzwanzig, Werbetexterin bei einer Agentur in Bielefeld, und saß am Küchentisch mit einem Kaffee aus der Bialetti, die noch Werner gehört hatte. Rosemarie stellte den Teller mit Streuselkuchen vor sie hin und fragte, so beiläufig wie sie konnte: „Kommst du heute mit zur Kirche?"
Pia rührte in ihrem Kaffee, ohne aufzusehen. „Oma, ich war seit der Konfirmation nicht mehr drin. Das weißt du."
„Neun Jahre."
„Elf."
Rosemarie setzte sich, die Kaffeekanne noch in der Hand, und ließ sie dann doch stehen. Sie hatte diese Rechnung im Kopf schon oft gemacht, aber es traf sie jedes Mal wieder wie ein kleiner Stoß gegen die Brust. Elf Jahre. Und Pias jüngerer Bruder Tobias, der in Münster Soziologie studierte, hatte ihr letztes Weihnachten beim Gänsebraten offen gesagt, er sei „konfessionslos, schon seit dem Abi" – als wäre das etwas, das man einfach so abhakt wie eine Steuererklärung.
„Es ist nicht so, dass ich gegen euch bin", sagte Pia schließlich. „Ich glaube nur nicht, dass ich da irgendwas finde, was ich nicht auch so hätte. Meine Freundinnen sind alle so. Kaum jemand aus meinem Jahrgang geht noch."
Rosemarie nickte nicht, sie stand auf und ging zum Fenster. Von dort sah man den Kirchturm über die Dächer ragen, grau und massig, wie er es seit hundertfünfzig Jahren tat. Sie dachte an die Kirchenbank, in der sie als Kind neben ihrer eigenen Mutter gesessen hatte, an den Geruch von Weihrauch und nassen Wollmänteln im Winter. Sie dachte auch daran, wie leer die Bänke inzwischen aussahen, wenn Pfarrer Ostermann die Gemeinde begrüßte – vielleicht vierzig Leute, meist über siebzig, verteilt auf Sitzplätze für dreihundert.
„Ich hab neulich einen Artikel gelesen", sagte Pia, jetzt leiser. „Von einem amerikanischen Institut. Die sagen, dass es dort bald ähnlich wird wie hier. Dass Christen in vierzig, fünfzig Jahren keine Mehrheit mehr sind. Bei uns ist das doch längst so."
Das stimmte. Rosemarie wusste es, ohne die Zahlen zu kennen: In Deutschland waren die Konfessionslosen inzwischen die größte Gruppe, größer als Katholiken und Protestanten zusammen in manchen Bundesländern. Die Austrittszahlen, über die man in der Zeitung las, jedes Jahr ein neuer Rekord. Bistümer, die Kirchen verkauften oder zu Wohnungen umbauten, eine davon stand am Stadtrand von Gütersloh, ein ehemaliges Gemeindehaus, heute eine Kindertagesstätte mit bunten Fensterläden.
Sie hätte fast gesagt, das sei nicht dasselbe wie in Amerika, aber sie ließ es. Vielleicht war es genau dasselbe: Kinder, die anders aufwuchsen als ihre Eltern, die sich fragten, wofür sie sonntags früh aufstehen sollten, wenn sie den Trost, die Gemeinschaft, den Sinn auch anderswo fanden – im Sportverein, im Streamingdienst, in der eigenen Wohnung mit Kaffee und Ruhe.
„Und was machst du stattdessen sonntags?", fragte Rosemarie, nicht vorwurfsvoll, nur neugierig.
„Laufen. Manchmal was mit Freunden. Letzten Sonntag hab ich mit Mama telefoniert, eine Stunde lang." Pia zuckte die Schultern. „Ich fühl mich nicht leer, Oma. Ich vermisse es nicht."
Rosemarie schwieg eine Weile. Dann setzte sie sich wieder, nahm Pias Hand über den Tisch, spürte den kühlen Ring an ihrem Finger, ein Erbstück von Werners Mutter, das Pia zur Konfirmation bekommen hatte und seitdem trug – ohne den Glauben, der einmal dazugehört hatte.
„Ich geh trotzdem", sagte Rosemarie. „Nicht weil ich glaube, dass es dich überzeugt. Sondern weil es mir gut tut. Und weil ich Werner dort noch näher bin als sonst wo."
Pia nickte, diesmal ehrlich gemeint, kein Lippenbekenntnis. „Ich fahr dich hin. Und warte im Café gegenüber."
Es war kein Sieg, den Rosemarie sich eingebildet hatte, und auch keine Niederlage. Sie zog ihren Mantel an, den dunkelblauen mit den Hornknöpfen, nahm ihr Gesangbuch aus der Schublade in der Anrichte, wo es seit Jahrzehnten lag. An der Tür blieb sie kurz stehen und sah zurück auf den Küchentisch: die Bialetti, den angebissenen Streuselkuchen, Pias Handy, das gerade eine Nachricht von ihrer Mutter aufblinken ließ.
Am Nachmittag, nach dem Gottesdienst, saßen die beiden im „Café Hedwig" gegenüber der Kirche, Pia mit einem Cappuccino, Rosemarie mit einem Tässchen Pfefferminztee. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, Richtung Bahnhof, voll mit Menschen, die an einem Sonntag ganz woanders hinwollten als in eine Kirche.
„Ich hab was für dich mitgebracht", sagte Rosemarie und legte ein kleines, in Packpapier gewickeltes Päckchen auf den Tisch. Pia öffnete es vorsichtig: ein altes Taschenbuch, Werners Bibel, mit Notizen am Rand in seiner steilen Handschrift, Unterstreichungen in blauem Kugelschreiber.
„Ich schenk sie dir nicht, damit du sie liest wie ein Programm", sagte Rosemarie. „Sondern damit du weißt, wo du sie findest, falls du sie mal brauchst. Mehr verlange ich nicht."
Pia strich mit dem Daumen über den abgegriffenen Einband, über Werners Namenszug auf der ersten Seite, das Datum seiner Konfirmation, 1961. Sie sagte nichts, aber sie steckte das Buch in ihre Handtasche, statt es zurückzulegen. Das war, für diesen Sonntag, genug.
