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Werkstatt in Gelsenkirchen, dreiundvierzig Jahre alt
Meine Schwiegermutter hat zu jedem, der es hören wollte, gesagt, ich hätte ihren Sohn "aufgefressen". So ihr Wort. Als würde ich Menschen verspeisen wie Frikadellen. Dabei hatte ich nur eines getan: seine Autowerkstatt am Leben gehalten, während er in Bochum in der Reha lag.
Ich heiße Kerem, bin dreiundvierzig, und die Werkstatt in der Ückendorfer Straße gehörte eigentlich meinem Schwiegervater Manfred. Der hatte sie fünfunddreißig Jahre lang geführt, bevor er sie meiner Frau Susanne und mir überschrieb – offiziell, mit Notar, mit allem Drum und Dran. Zwei Hebebühnen, eine Lackierkabine, ein Kundenstamm, für den andere Werkstätten in Gelsenkirchen ihre rechte Hand geben würden. Susannes Mutter Ingrid, meine Schwiegermutter, hat das nie verwunden. Für sie war klar: Der Betrieb gehört der Familie Brauer, nicht mir, dem Kerl aus Herne, den ihre Tochter sich da geangelt hat.
Vor vierzehn Monaten dann der Unfall. Manfred stürzte von der Hebebühne, Wirbelbruch, drei Operationen, monatelange Reha. In der Zeit habe ich die Werkstatt geschmissen – allein, mit zwei Angestellten, die kurz vor der Kündigung standen, weil sie ihr Gehalt nicht mehr sicher glaubten. Susanne saß jeden Abend an der Küchenzeile in unserer Wohnung in Bismarck und hat die Buchhaltung gemacht, mit dem Taschenrechner ihres Vaters, der noch nach Werkstattöl roch. Ich bin um sechs Uhr morgens aufgestanden, habe Kunden vertröstet, Ersatzteile bei Euro-Teile in Buer bestellt, und abends im Krankenhaus gesessen, bis die Schwester mich rausgeworfen hat.
Ingrid kam einmal vorbei. Stand in der Tür der Werkstatt, roch an der Luft wie an etwas Verdorbenem, und sagte: "Das hier war mal ein anständiger Betrieb." Dann drehte sie sich um und fuhr mit ihrem Passat zurück nach Buer, wo sie in einer Eigentumswohnung lebt, die Manfred ihr nach der Scheidung vor Jahren gelassen hatte – denn ja, die beiden waren längst geschieden, aber das hinderte sie nicht daran, sich weiter als Herrin über sein Lebenswerk zu fühlen.
Was Ingrid nicht wusste: Manfred hatte mir aus dem Krankenbett heraus, mit zitternder Hand, eine Vollmacht unterschrieben. Nicht aus Misstrauen gegenüber Susanne – die Vollmacht lief auf uns beide -, sondern weil er wusste, dass seine Ex-Frau versuchen würde, sich einzumischen, sobald er wehrlos war. Er kannte sie schließlich fünfundzwanzig Jahre lang.
Und genau das passierte. In der sechsten Woche seiner Reha erschien Ingrid mit einem Anwalt aus Essen bei uns in der Werkstatt und behauptete, Manfred sei "in seinem Zustand" nicht geschäftsfähig gewesen, als er den Betrieb überschrieben hatte, und dass sie als "nächste Angehörige" das Recht habe, die Geschäfte zu führen, bis er wieder gesund sei. Sie stellte sich zwischen mich und den Kunden, mitten am Vormittag, während ein Getriebe auf der Bühne hing, und sagte, jeder solle sich das gut überlegen, bei "diesem Mann" noch Aufträge zu lassen.
Ich hätte schreien können. Stattdessen holte ich mein Handy raus und rief Manfred an, direkt aus der Reha-Klinik in Bochum. Ich hielt Ingrid das Telefon hin, auf Lautsprecher, mitten in der Werkstatthalle, zwischen Ölgeruch und dem surrenden Kompressor.
"Ingrid." Manfreds Stimme war noch schwach, aber fest. "Ich habe die Werkstatt Susanne und Kerem übergeben, weil sie es sind, die hier jeden Tag arbeiten. Nicht du. Du warst seit der Scheidung kein einziges Mal hier, außer um mir zu sagen, dass ich zu wenig Unterhalt zahle."
Der Essener Anwalt räusperte sich und meinte etwas von "das müssen wir noch prüfen". Ich legte die Vollmachtskopie und den notariellen Übergabevertrag auf die Werkbank, direkt neben die Ölkanne, damit jeder es lesen konnte. Zwei Kunden, die gerade ihre Autos abholen wollten, standen daneben und sahen zu, wie Ingrids Gesicht dunkelrot anlief.
Sie kam noch zweimal wieder. Einmal rief sie bei unserer Hausbank in Gelsenkirchen-Buer an und versuchte, das Geschäftskonto sperren zu lassen – erfolglos, weil ich als Kontoinhaber mit Susanne eingetragen war, nicht sie. Das zweite Mal schickte sie eine SMS an Susanne: "Dein Vater hätte nie gewollt, dass ein Fremder sein Lebenswerk übernimmt."
Susanne antwortete ihr nicht per SMS. Sie fuhr am nächsten Samstag zu Ingrid nach Buer, mit einer Mappe unter dem Arm. Ich blieb im Auto sitzen, wie vereinbart – das war Susannes Sache, nicht meine.
In der Mappe war die Kopie des Übergabevertrags, unterschrieben von Manfred vor dem Notar Dr. Reinartz in der Munckelstraße, dazu ein Kontoauszug, der zeigte, wie die Werkstatt in den vierzehn Monaten seit dem Unfall einen Umsatz von zweiundsiebzigtausend Euro erwirtschaftet hatte – Geld, von dem Ingrid keinen Cent je gesehen hatte und auch nie sehen würde, weil es ihr schlicht nicht zustand.
Susanne legte die Mappe auf Ingrids Wohnzimmertisch, zwischen die Kaffeetasse und den Aschenbecher, den ihre Mutter seit dreißig Jahren nicht wegwirft, obwohl sie längst nicht mehr raucht. Sie sagte nur einen Satz: "Papa hat entschieden, wem er vertraut. Wenn du das nicht akzeptierst, rede mit seinem Anwalt, nicht mit mir."
Dann nahm sie die Mappe wieder mit – Ingrid hatte gar keine Zeit gehabt, sie überhaupt richtig anzufassen – und ging.
Zwei Wochen später kam Manfred aus der Reha zurück, mit Gehstock, aber klarem Kopf. Er ließ sich in seinem alten Bürostuhl in der Werkstatt nieder, sah sich die Bücher an, die Susanne geführt hatte, und sagte nichts weiter als: "Gut gemacht." Zu Ingrid hat er seitdem nur noch das Nötigste gesagt – meist über den Kredit, den sie ihm noch aus der Scheidung schuldet.
Die Werkstatt läuft heute besser als vor dem Unfall. Ingrid ruft manchmal noch an ihrem Geburtstag an. Susanne nimmt ab, ich nicht. Es gibt Dinge, die man nicht zweimal erklären muss.
