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Kätzchen auf der Umgehungsstraße bei Bielefeld
Zwanzig nach sieben morgens auf der Umgehungsstraße bei Bielefeld war Markus Brenner auf dem Weg zur Frühschicht in der Werkstatt an der Herforder Straße, als er etwas sah, das ihn stärker auf die Bremse treten ließ, als es eigentlich klug gewesen wäre. Zwischen den Fahrspuren, dicht an der Leitplanke, huschte ein kleines, graues Etwas hin und her — ein Kätzchen, wenige Wochen alt, klatschnass vom Morgennebel, verstört vom Dröhnen der Motoren.
Die Autos rollten im Minutentakt vorbei. Jemand hupte, jemand wich dem Tier um wenige Zentimeter aus, aber niemand hielt an. Markus war vierunddreißig, hatte zwei Kinder zu Hause in Schildesche und genau acht Minuten bis Schichtbeginn — also keinerlei Puffer. Trotzdem lenkte er auf den Standstreifen, schaltete die Warnblinker ein und stieg aus.
Das Kätzchen erstarrte unter der Leitplanke, presste sich gegen das Metall, als könnte ihm das Blech Schutz bieten vor den Reifen, die nur einen Meter entfernt vorbeidonnerten. Markus zog seine Jacke aus, kniete sich auf den nassen Asphalt und redete leise auf das Tier ein, mit irgendwelchen Worten, egal welchen — Hauptsache, es hörte für einen Moment auf zu zittern.
Hinter ihm bildete sich ein Rückstau. Wieder hupte jemand, lang und gereizt. Markus reagierte nicht darauf. Er streckte die Arme aus, die Jacke wie ein Netz ausgebreitet, und irgendwann sprang das Kätzchen von selbst in die Falten des Stoffes, weil ihm wohl schlicht die Kraft zur Flucht ausgegangen war.
Er steckte es unter seine Arbeitsjacke, kehrte zu seinem Wagen zurück — ein alter Opel Astra, der ohnehin fällig war für die nächste Inspektion — und fuhr weiter, zwanzig Minuten zu spät zur Schicht. Der Werkstattmeister, Herr Kowalski, war die ersten fünf Minuten sauer, bis er das nasse Etwas aus Markus' Overall lugen sah. Dann winkte er nur ab und sagte, er solle das Tier erst zum Tierarzt an der Detmolder Straße bringen, bevor er wieder zur Arbeit erscheine.
Das Kätzchen erwies sich als Weibchen, geschätzt sechs Wochen alt, ausgetrocknet und mit einer leichten Bindehautentzündung, aber ohne Knochenbrüche. Die Tierärztin, eine Frau Ende fünfzig mit zwanzig Jahren Berufserfahrung, sagte es geradeheraus: Noch fünfzehn, zwanzig Minuten, und es wäre vorbei gewesen. Die Behandlung kostete fünfundachtzig Euro — Infusion, Augensalbe, Entwurmung. Markus zahlte mit Karte, ohne lange zu überlegen, obwohl der Monat gerade knapp war, weil die Rate für die neue Waschmaschine noch nicht abbezahlt war.
Mit nach Hause nehmen konnte er das Kätzchen nicht — seine Frau war allergisch, und die Kinder hatten bereits einen Hund, der das vermutlich nicht gut aufgenommen hätte. Abends, nach der Schicht, machte Markus ein Foto des in ein Handtuch gewickelten Tieres und stellte es in die lokale Facebook-Gruppe seines Viertels, dieselbe, in der die Nachbarn Paketmarken tauschen und verlorene Schlüssel suchen. Er schrieb kurz und ohne große Worte: Kätzchen von der Umgehungsstraße gerettet, sucht ein Zuhause, ist gesund, Interessenten dürfen sich melden.
Die Antworten kamen schnell — ein Dutzend innerhalb einer Stunde. Am Ende meldete sich eine ältere Nachbarin aus demselben Treppenhaus, Frau Ostermann, die seit drei Jahren seit dem Tod ihres Mannes allein lebte und schon lange gesagt hatte, sie wünsche sich eine Katze, traue sich aber nicht recht zu, sich richtig um ein Tier zu kümmern. Markus brachte ihr das Kätzchen in einem Schuhkarton, mit einer Decke ausgelegt, und gab ihr sicherheitshalber auch die Nummer der Tierärztin von der Detmolder Straße mit.
Die Katze bekam den Namen Nebelchen — weil sie an jenem Morgen auf der Umgehungsstraße so nass und grau gewesen war. Frau Ostermann stellt ihr seither jeden Tag ein Schälchen auf den Balkon und erzählt den Nachbarn, dass sie zum ersten Mal seit Langem wieder jemanden hat, für den sie morgens ein weiches Ei kocht, weil Nebelchen das Eigelb liebt.
Markus erzählt die Geschichte nicht als etwas Besonderes. Er sagt nur, jeder hätte so gehandelt, wenn er es mit eigenen Augen gesehen hätte — auch wenn die Statistik jenes Morgens etwas anderes zeigte: Dutzende Autos fuhren vorbei, bevor überhaupt jemand anhielt.
