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Der Kraken, der mir das Aquarium gestohlen hat

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Ich heiße Torben Achterberg, ich bin achtundfünfzig, und seit einundzwanzig Jahren betreibe ich das kleine Meeresaquarium am Hafen von Cuxhaven. Kein großer Name, keine Delfine, keine Werbetafeln an der Autobahn – nur zweiundvierzig Becken, ein Souvenirladen mit Postkarten, die niemand kauft, und ein Publikum, das hauptsächlich aus Klassenfahrten und Rentnern aus dem Nachbarort besteht. Wer diese Geschichte kennt, kennt sie wahrscheinlich aus der Sicht meiner Kollegin Frauke, die damals die Presseanfragen beantwortet hat. Ich war derjenige, der am nächsten Morgen die nasse Spur auf dem Boden gefunden hat. Und ich war derjenige, der am Ende die Konsequenzen tragen musste.

Das Tier hieß Matz. Ein Krake, gute drei Jahre alt, den wir aus einem havarierten Krabbenkutter vor Helgoland aufgenommen hatten – er saß im Netz, kaum größer als eine Faust, und ist bei uns auf gut vier Kilo herangewachsen. Ich habe ihn selbst gefüttert, jeden Tag um halb acht, bevor die Türen aufgingen. Hering, manchmal eine Garnele als Belohnung, wenn er die kleinen Rätsel gelöst hat, die wir ihm zur Beschäftigung in die Becken gelegt haben – ein Schraubglas mit Futter drin, das er selbst öffnen musste. Er hat es innerhalb von vier Minuten geschafft. Beim ersten Versuch.

Was in der Zeitung stand, klang immer nach einer niedlichen Anekdote: Kluges Tier findet Weg zurück ins Meer. Was niemand schrieb, war, dass ich in der Nacht davor Streit mit meiner Frau Bianka hatte, weil ich zum wiederholten Mal die Zeit vergessen hatte und erst nach Mitternacht heimkam, weil ich die Deckel der Becken kontrolliert habe – eine Routine, die ich seit einem Wasserschaden im Frühjahr penibel durchzog. Ich habe an jenem Abend jeden Deckel geprüft. Bis auf einen. Bei Becken 17, dem Kraken-Becken, klemmte die Verriegelung seit Wochen, ich hatte einen Ersatzteil-Antrag beim Landesamt gestellt, der irgendwo in einer Schublade in Hannover lag. Ich wusste es. Ich habe es trotzdem nicht an diesem Abend repariert, weil ich müde war und nach Hause wollte.

Um kurz nach fünf Uhr morgens, laut der Überwachungskamera im Flur, hat sich Matz durch einen Spalt von vielleicht acht Zentimetern gezwängt. Kraken haben keine Knochen, nur einen kleinen, harten Schnabel – wenn der durchpasst, passt der Rest auch durch. Er ist über den Fliesenboden gerobbt, an zwei leeren Becken vorbei, bis zu einem Bodenablauf, der mit der Kühlwasserleitung verbunden ist und direkt in die Alte Liebe mündet, unseren kleinen Hafenkanal, der offen zur Elbmündung liegt. Fünfzehn Zentimeter Rohrdurchmesser, gut fünfzig Meter Strecke. Ich habe mir das Video am nächsten Tag siebenmal angesehen. Er hält kurz an, an der Biegung nach dem dritten Becken – als würde er überlegen. Dann geht er weiter.

Ich fand die Spur um sechs Uhr vierzig, als ich mit dem Kaffeebecher in der Hand die Runde machte. Nasse Abdrücke, oval, in gleichmäßigem Abstand, wie Wischer eines viel zu großen Lappens. Ich bin ihnen gefolgt bis zum Abfluss und habe fünf Minuten lang wie ein Idiot in ein Loch in der Wand gestarrt, aus dem nichts mehr kam außer dem leisen Gluckern der Kühlwasserpumpe.

Bianka hat mich an jenem Morgen am Telefon erreicht, weil ich die Kinder nicht zur Schule gebracht hatte, wie versprochen. Ich stand da mit dem Handy am Ohr, roch nach Salzwasser, und konnte ihr nur sagen: Matz ist weg. Sie hat gelacht, dachte, ich mache Witze über einen kaputten Wasserhahn. Als sie begriff, dass ich einen Kraken meinte, sagte sie nur: Natürlich. Am Tag, an dem du mal pünktlich sein solltest. Das war nicht gemein gemeint. Aber es hat gesessen, weil sie recht hatte.

Was in den Zeitungsartikeln fehlte: die zwei Tage danach. Der Anruf vom Landesamt für Naturschutz, der wissen wollte, ob ein "invasiver Vorfall" vorliege – als hätte Matz eine Grenze überschritten und nicht nur ein Rohr. Der Anruf von unserem Träger, dem Verein, der das Aquarium seit den Neunzigern querfinanziert, mit der Frage, ob die Haltungssicherheit generell in Ordnung sei, und dem unterschwelligen Ton, der sagte: Wenn nicht, brauchen wir vielleicht einen neuen Betriebsleiter. Meine Stellvertreterin, Sunniva, die seit zwölf Jahren mit mir arbeitet, hat sich in der Sitzung mit dem Vorstand ausdrücklich vor mich gestellt, hat gesagt, die Verriegelung sei aktenkundig gemeldet gewesen, das Landesamt habe die Ersatzteile über vier Wochen verschleppt. Sie hatte die E-Mails ausgedruckt. Alle achtzehn.

Der Vorstandsvorsitzende, ein pensionierter Zahnarzt namens Dr. Elmshorn, der das Ehrenamt mit der Ernsthaftigkeit eines Bundestagsabgeordneten ausfüllt, hat mich trotzdem zu sich zitiert, in sein Büro über der Fischtheke am Fischereihafen, mit Blick auf die Kutter. Er hat mir eine Mappe hingeschoben: Prüfbericht, Fristen, ein Passus über "Fahrlässigkeit in der Aufsichtspflicht". Ich sollte unterschreiben, dass ich die Verantwortung für den Vorfall allein trage – nicht der Verein, nicht das Landesamt, ich. Als Bedingung dafür, dass ich meine Stelle behalte.

Ich habe die Mappe nicht sofort unterschrieben. Ich bin rausgegangen, habe mich auf die Kaimauer gesetzt, wo die Krabbenkutter anlegen, und habe eine Weile aufs Wasser geschaut, dahin, wo irgendwo zwischen den Buhnen ein Krake namens Matz jetzt vermutlich Krabben jagt, zum ersten Mal seit drei Jahren ohne Scheibe dazwischen. Ich habe gedacht: Er hat sich nicht gefragt, wer schuld ist. Er hat einfach den Spalt gefunden und ist gegangen.

Am nächsten Morgen bin ich mit Sunniva zu Dr. Elmshorn zurückgegangen. Nicht mit der unterschriebenen Mappe. Mit den achtzehn E-Mails, mit dem Wartungsprotokoll, mit dem Kostenvoranschlag für die Verriegelung, den ich seit Februar dreimal eingereicht hatte, und mit einer eigenen Erklärung: eine Seite, in der stand, dass ich die technische Ursache anerkenne, aber die Formulierung "alleinige Fahrlässigkeit" nicht unterschreibe, weil sie nicht der Aktenlage entspricht. Ich habe die Mappe zurückgelegt, mit meiner Version obenauf. Elmshorn hat mich lange angeschaut, dann die Blätter durchgeblättert, langsam, jede Seite. Er sagte nur: Das wird der Vorstand lesen müssen.

Zwei Wochen später kam die Antwort schriftlich: keine Kündigung, aber eine neue Regel, dass technische Mängel binnen zehn Tagen ans Landesamt eskaliert werden müssen, mit Kopie an den Vorstand, nicht nur an mich. Sunniva hat die neue Verriegelung für Becken 17 selbst montiert, mit einem Ersatzteil, das sie über einen alten Kollegen aus Bremerhaven organisiert hat, ohne auf Hannover zu warten.

Matz ist nie zurückgekommen, was niemanden überrascht hat. Ich habe sein Becken drei Monate leer gelassen, dann haben wir dort zwei junge Kraken aus einer Aufzuchtstation in Büsum eingesetzt, mit einer Verriegelung, die man mit Werkzeug öffnen muss und nicht mit einer Fingerspitze.

Bianka fragt mich heute noch manchmal, beim Abendessen, ob ich die Deckel kontrolliert habe. Es ist zu einem Running Gag zwischen uns geworden, aber ich kontrolliere sie tatsächlich jeden Abend, um halb acht, bevor ich nach Hause fahre – nicht aus Angst vor einem weiteren Ausbruch, sondern weil ich inzwischen weiß, dass ein acht Zentimeter breiter Spalt völlig ausreicht, um zu zeigen, wer für was geradesteht.

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