Connect with us

DE

Sohn wählt den Vater mit der Playstation

Published

on

Es war ein Dienstagabend im März, als mein Bruder Mathias mir am Telefon erzählte, was im Gerichtssaal in Freiburg passiert war. Ich, Claudia, seine Schwester und Zeugin dieser ganzen Geschichte, hörte zu und dachte: Da ist er wieder, dieser Mathias, der sich immer als der Vernünftige verkauft.

Ich muss ausholen. Mathias ist mein jüngerer Bruder, dreiundvierzig, Vertriebsleiter bei einem Autohaus in Freiburg. Vor acht Monaten hat er seine Frau Sabine verlassen — nach sechzehn Jahren Ehe, wegen einer Kollegin namens Jana, achtundzwanzig, die in der Marketingabteilung arbeitet. Sabine blieb mit dem gemeinsamen Sohn Lukas, vierzehn, in der Dreizimmerwohnung in Haslach zurück, mit einer Restschuld von hundertzehntausend Euro auf dem Immobilienkredit.

Ich erzähle das aus meiner Sicht, weil ich lange gedacht habe, mein Bruder sei einfach nur ein Egoist. Erst als ich ihn an jenem Abend nach der Verhandlung besuchte — er saß in Jaws neuer Wohnung in der Wiehre auf einem noch eingepackten Sofa, eine Flasche Bier in der Hand, die er nicht anrührte —, verstand ich etwas anderes. Er hatte Angst. Nicht vor Sabine. Vor sich selbst, vor dem Gedanken, dass er in Lukas' Leben nur noch der Mann war, der jeden Monat Geld überwies und am Wochenende Currywurst mit Pommes bestellte.

„Sabine hat aus dem Jungen ein Projekt gemacht", sagte er zu mir, und ich hörte, wie brüchig seine Stimme dabei klang, obwohl er es wie einen Vorwurf formulierte. „Fünf Fächer Nachhilfe. Handballtraining dreimal die Woche. Der Junge hat keine Luft mehr zum Atmen."

Was ich wusste, was er mir nie direkt sagte: Er hatte Lukas' Schuhgröße vergessen. Als er ihm zwei Tage vor der Anhörung die neuen Nike Air Force für hundertfünfzig Euro kaufte, musste er im Laden heimlich googeln, welche Größe Vierzehnjährige normalerweise tragen. Der Verkäufer hat es ihm nachher erzählt, als ich zufällig mit im Laden war, um ein Geschenk für meine eigene Tochter zu suchen.

Vor dem Familiengericht in Freiburg saß Lukas auf dem harten Stuhl und sagte ins Mikrofon: „Ich möchte bei Papa wohnen. Bei ihm und Jana ist es entspannter. Da muss ich nicht ständig für Mathe pauken."

Die Richterin, eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und randloser Brille, fragte nach, ob er verstehe, dass diese Entscheidung dauerhaft sei. Lukas nickte und wiederholte, was er sich offenbar zurechtgelegt hatte: Zu Hause bei Mama gebe es nur Druck, fünf Minuspunkte im Zeugnis, ständige Kontrolle.

Ich saß nicht im Saal. Mathias erzählte mir das später, stolz und zugleich seltsam leise, als würde er selbst nicht ganz daran glauben, was er da gerade gewonnen hatte. Sabines Anwältin hatte gefordert, Mathias solle endlich den vollen Unterhalt zahlen — sechshundertfünfzig Euro monatlich statt der vierhundertzwanzig, die er bisher überwies, und die auch nur unregelmäßig kamen. Mathias' Anwalt konterte mit dem Antrag auf Wechsel des Lebensmittelpunkts. Wenn Lukas bei ihm wohnt, zahlt Sabine.

Ich weiß, wie das aussieht. Ich habe es selbst so gesehen, bevor ich die Details kannte. Aber mein Bruder hat mir in jener Nacht auf dem eingepackten Sofa auch etwas anderes gestanden: Er hatte Angst, dass er Lukas komplett verliert, wenn er nicht irgendetwas tut, das nach Vaterschaft aussieht. Kein Wochenendbesuch würde das Gefühl auslöschen, dass er der Mann war, der einfach gegangen ist. Also griff er nach dem, was am nächsten lag — der Junge wollte weniger Druck, und Mathias konnte ihm weniger Druck bieten. Das war nicht Strategie. Das war Verzweiflung, die zufällig wie Berechnung aussah.

Das Gericht gab dem Antrag statt. Lukas' Lebensmittelpunkt wurde zu Mathias verlegt.

Ich war dabei, als sie die Sachen packten. Sabine stand in der Tür von Lukas' Zimmer, die Arme verschränkt, und roch — das hat sie mir später selbst erzählt, halb lachend, halb den Tränen nah — den Duft von Deo Axe und ungelüftetem Teppich. Lukas warf T-Shirts in eine karierte Sporttasche, ohne sie zu falten.

Mathias kam ohne anzuklopfen herein. Er hatte noch seinen alten Wohnungsschlüssel, den er nach der Trennung nie zurückgegeben hatte — eine Nachlässigkeit, die ihm später noch wichtig werden sollte. Hinter ihm Jana, in einem cremefarbenen Mantel, der nach Kaufhausparfüm roch. Sie schaute sich in der engen Diele um, als müsste sie sich vor etwas ekeln.

„Alles klar, Kumpel?", fragte Mathias. „Taxi wartet unten. Jana hat dir schon ein Zimmer eingerichtet."

Sabine trat ihm in den Weg. „Er hat am Montag ein Referat über den Dreißigjährigen Krieg abzugeben. Ich habe eine Nachhilfelehrerin für Chemie bezahlt, vierzig Euro pro Stunde, drei Stunden im Voraus. Mittwochs um achtzehn Uhr."

Mathias winkte ab, spielte mit seinem Handy in der Hand. „Sabine, jetzt komm mal runter. Welche Nachhilfe. Der Junge zieht gerade erst um."

„Umgewöhnen woran? Daran, dass er nichts mehr tun muss?" Ihre Stimme kippte. „Er hat eine Erdnussallergie, der Epipen liegt im Medizinschrank. Schule beginnt um Viertel nach sieben."

Jana schnalzte mit der Zunge, strich sich über die frisch geglättete Frisur. „Sabine, Sie übertreiben es wirklich", sagte sie mit einer Süße in der Stimme, die wie aufgesetzt klang. „Lukas ist doch schon fast erwachsen. Wir werden das schon hinbekommen. Vertrauen ist wichtiger als Ihre strengen Regeln."

Lukas kam aus seinem Zimmer, schleifte die schwere Tasche hinter sich her, den Rucksack mit der Spielkonsole über der Schulter.

„Wenn du jetzt einfach so gehst — wegen der Hausaufgaben, wegen der Freiheit —, dann gibt es kein Zurück mehr", sagte Sabine zu ihm.

Er zuckte mit den Schultern, sah sie nicht an. „Mama, ich komm doch nicht ins Gefängnis. Am Wochenende esse ich bei dir Rouladen."

Mathias lachte, klopfte ihm auf den Rücken. „Los geht's, Mann. Burger warten."

Die Tür fiel ins Schloss.

Ich war es, die drei Wochen später anrief, weil Sabine sich bei mir meldete — nicht bei Mathias, sondern bei mir, weil sie wusste, dass ich manchmal die Vernünftigere in der Familie war. Sie sagte nur einen Satz: „Sag deinem Bruder, dass ich die Schlösser gewechselt habe. Falls er dachte, er könnte einfach reinspazieren, wann immer er will."

Das war nicht das, was mich beunruhigte. Was mich beunruhigte, war, was danach kam. Lukas rief mich an einem Sonntagabend an, mit leiser Stimme, als säße er im Bad und flüsterte durch die Tür. Er sagte, in der Wohnung bei Papa und Jana esse man meistens Lieferdienst, weil niemand koche. Die Chemie-Nachhilfe war nie neu organisiert worden. Sein Referat über den Dreißigjährigen Krieg hatte er nicht abgegeben — eine Fünf, die erste Fünf seines Lebens. Jana hatte ihm gesagt, er solle sein Zimmer selbst aufräumen, das gehöre schließlich zum „gegenseitigen Respekt". Mathias war fast jeden Abend erst nach acht zu Hause, erschöpft vom Autohaus, und wollte dann nur noch fernsehen.

„Ich vermisse Mamas Rouladen", sagte er mir am Telefon, so leise, dass ich die Lautstärke meines Handys hochdrehen musste. „Aber ich kann jetzt nicht einfach sagen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Das wäre doch peinlich, oder?"

Ich sagte ihm, das sei überhaupt nicht peinlich, das sei einfach nur ehrlich. Mehr sagte ich nicht — ich bin die Tante, nicht die Retterin dieser Geschichte.

Was dann geschah, erzählte mir Sabine selbst, bei einem Kaffee im Café Franz am Augustinerplatz, drei Monate später. Sie hatte nicht auf den Anruf gewartet, in dem Lukas um Rückkehr bittet. Sie hatte etwas anderes getan. Sie war zu ihrem Anwalt gegangen und hatte die Reduzierung des Kindesunterhalts, den sie inzwischen an Mathias zahlen musste, formal anfechten lassen — mit einer Aufstellung aller Ausgaben, die sie weiterhin für Lukas trug: die Chemie-Nachhilfe, die sie ihm trotz allem noch bezahlte, weil sie wusste, dass sonst niemand es tat; den Handballverein, dessen Beitrag von hundertzwanzig Euro im Quartal Mathias vergessen hatte zu überweisen; die neue Brille, die Lukas brauchte und die Jana als „nicht dringend" abgetan hatte.

Und dann tat sie etwas, das ich am meisten bewunderte, auch wenn ich zugeben muss, dass es meinem Bruder wehtat, als er davon erfuhr. Sie kündigte offiziell den Nachhilfevertrag, den sie ursprünglich für Lukas bei der Chemielehrerin abgeschlossen hatte, und übertrug ihn — mit Zustimmung der Lehrerin — auf die Tochter der Nachbarin, ein Mädchen, das dringend Unterstützung brauchte und dessen Eltern sich die vierzig Euro pro Stunde sonst nicht hätten leisten können. Sie erzählte mir das ganz ruhig, ohne jede Genugtuung in der Stimme: „Ich zahle nicht mehr für etwas, das keiner nutzt. Wenn Lukas zurückkommen will, fangen wir neu an. Aber ich warte nicht mehr darauf, dass irgendjemand sich an die Vereinbarung erinnert, die er selbst getroffen hat."

Als Mathias das erfuhr — Lukas hatte es ihm beim Abendessen erzählt, mit gesenktem Blick auf den Teller mit kalt gewordener Pizza —, rief er sofort bei Sabine an. Ich war zufällig bei ihr, half beim Anstreichen des Kinderzimmers, das sie zu einem Gästezimmer umbaute. Ich hörte nur ihre Seite des Gesprächs, ruhig, fast sachlich: „Nein, Mathias. Das war eine freiwillige Leistung von mir, keine gerichtliche Auflage. Wenn du willst, dass Lukas Chemie-Nachhilfe bekommt, dann organisier und bezahl sie. Genau wie den Handballverein. Genau wie die Brille."

Es folgte eine Pause. Dann sagte sie noch: „Und ja, ich habe die Schlösser gewechselt. Falls du vorbeikommen willst, klingelst du wie jeder andere Besucher auch."

Zwei Wochen später stand Lukas vor Sabines Tür, allein, mit dem Schulrucksack über der Schulter und dem Zeugnisheft in der Hand, in dem die Fünf in Geschichte prangte. Er hatte selbst den Bus genommen. Er klingelte. Ich war zufällig da, wieder mit dem Pinsel in der Hand, und öffnete ihm.

Er sagte nichts von Rückzug oder Fehler. Er sagte nur: „Kann ich reinkommen? Ich hab Hunger."

Sabine kam aus der Küche, wischte sich die Hände an der Schürze ab, sah ihn einen Moment lang an. Dann drehte sie sich um und holte den Topf mit den Rouladen, die schon auf dem Herd standen — für sich allein gekocht, wie jeden Sonntag seit drei Monaten.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

сім − 7 =

Також цікаво:

DE16 хвилин ago

Als meine Schwiegermutter bei mir einzog, dachte ich nicht an Pflege

Es war ein Dienstagvormittag im Februar, als mein Mann Torben mit dem Auto seiner Mutter vor unserem Reihenhaus in Lüneburg...

DE16 хвилин ago

Der Kater, der die Siedlung in Sendling bestieg – und der Schlosser, der ihn schließlich ertappte

Zuerst verschwand der Gummiball des Sohnes. Dann eine Hausschuh, der linke, unter der Fußmatte vor der Tür. Barbara Kowalczyk aus...

DE33 хвилини ago

Die Alte im Supermarkt an der Karl-Liebknecht-Straße

Man hat mir mal gesagt, wer zu viel besitzt, hört irgendwann auf, genau hinzuschauen. Ich, Bastian Wendler, achtunddreißig, Geschäftsführer einer...

DE33 хвилини ago

Martas Verdienst

Martina Weller und David hatten sich an der TU Berlin kennengelernt und zwei Jahre nach dem Abschluss geheiratet. Am Anfang...

IT43 хвилини ago

Il conto che la madre dello sposo non aveva mai visto

La sala del Grand Hotel Bellavista, a Bergamo, era decorata con rami di ulivo e tulle color avorio, e i...

PL50 хвилин ago

Babcia Marta i sala, która przestała się śmiać

Nazywam się Wiktor Zalewski, mam dziewiętnaście lat i pochodzę z Radomia. Do gimnazjalnego balu maturalnego przyszedłem z jedyną osobą, jaka...

NL1 годину ago

Nooit stoppen met zoeken

Op het Rembrandtplein in Amsterdam viel die donderdagmiddag de drukte stil. Een oude vrouw lag op de kasseien, één kruk...

LT1 годину ago

Vestuvių vakarienė Trakų pilies restorane

Stalai buvo dengti balta damasto medžiaga, taurės žvangėjo nuo švelnaus skersvėjo, o salėje tvyrojo tas ypatingas šventinis šurmulys, kai visi...