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Die Alte im Supermarkt an der Karl-Liebknecht-Straße
Man hat mir mal gesagt, wer zu viel besitzt, hört irgendwann auf, genau hinzuschauen. Ich, Bastian Wendler, achtunddreißig, Geschäftsführer einer Logistikfirma in Leipzig, hätte das nie unterschrieben. Ich dachte, ich sehe alles. Bis zu diesem Dienstagmorgen im September, an dem eine fremde Frau mich zwischen Konservenregalen aufhielt und meine ganze Gewissheit in zwei Sätzen zerlegte.
Es war kurz nach sieben. Ich wollte nur schnell in den Rewe an der Karl-Liebknecht-Straße, mir einen Kaffee to go und ein belegtes Brötchen holen, bevor die erste Videokonferenz um acht begann. Draußen roch es nach nassem Asphalt, es hatte in der Nacht geregnet, und aus dem Radio an der Kasse lief irgendein Nachrichtensender, leise, mehr Hintergrundgeräusch als Information. Ich war müde. Seit Wochen schlief ich schlecht, vier, fünf Stunden, dann wieder wach, das Handy in der Hand, E-Mails, Zahlen, Lieferverträge. Man könnte sagen, ich war ausgebrannt, aber ich hätte es damals nicht so genannt. Ich hätte gesagt: beschäftigt.
Meine Frau, Carolin, war zu der Zeit noch zu Hause, schlief vermutlich noch, oder saß schon am Küchentisch mit ihrem Tee und ihrem Laptop. Fünf Jahre waren wir zusammen, drei davon verheiratet. Sie führte unsere gemeinsame Buchhaltung, kannte jede Zahl meiner Firma, jedes Konto, jeden Termin. Ich hatte ihr alles gegeben, was ich hatte zu geben – nicht nur Geld, sondern Zugang. Vollmachten. Passwörter. Ich hatte nie einen Grund gesehen, etwas zurückzuhalten.
Im Laden hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich schob es auf die Müdigkeit, auf die viel zu grellen Deckenlampen über der Kühltheke. Dann drehte ich mich mit dem Kaffeebecher in der Hand zur Kasse – und da stand sie.
Eine kleine, gebeugte Frau, vielleicht Mitte siebzig, in einem dunklen Mantel, der ihr zu groß war, ein graues Kopftuch unters Kinn geknotet. Ihre Hände waren rot von der Kälte, obwohl es drinnen warm war. Sie hatte keine Einkaufstasche, kein Körbchen, nichts. Sie stand einfach da, zwischen mir und der Kasse, und sah mich an, als würde sie mich schon länger kennen als ich sie kannte.
„Junger Mann", sagte sie, mit einer Stimme, die kratzig klang, aber nicht unsicher. „Sie sollten genauer hinsehen. Die Frau, die Sie lieben, verbirgt etwas, das Ihnen das Herz brechen wird."
Ich lachte kurz auf, so ein reflexhaftes Lachen, das man macht, wenn man nicht weiß, wie man sonst reagieren soll. „Entschuldigung – wie bitte? Kennen wir uns?"
Sie antwortete nicht direkt darauf. Sie kam noch einen halben Schritt näher, roch nach Mottenkugeln und kaltem Kaffee, und sagte nur: „Machen Sie die Papiere auf, bevor sie es für Sie tut."
Dann drehte sie sich um und ging. Nicht hastig, nicht ängstlich – einfach weg, zwischen die Regale mit dem eingelegten Gemüse, und als ich ihr nachging, war sie nirgends mehr. Ich fragte den Kassierer, einen jungen Typen mit Kopfhörern um den Hals, ob er die Frau gesehen hätte. Er zuckte mit den Schultern. „Welche Frau?"
Ich stand da mit meinem Kaffee, der schon kalt wurde, und mein erster Gedanke war: Schwachsinn. Alte Frau, vielleicht verwirrt, vielleicht eine, die auf der Suche nach Aufmerksamkeit im Supermarkt Fremde anspricht. Ich fuhr zur Arbeit. Ich saß in der Konferenz. Ich hörte kein Wort davon.
Was mich wirklich beunruhigte, war nicht die Frau. Es war der Satz: „Machen Sie die Papiere auf." Denn ich wusste sofort, welche Papiere sie meinen konnte, ohne dass ich wusste, woher eine Fremde davon wissen sollte. Vor drei Monaten hatte ich Carolin gebeten, einen Ordner mit Unterlagen für die geplante Erweiterung unserer Firma – ein zweites Lager in Halle – bei unserem Notar zu hinterlegen. Sie hatte gesagt, sie kümmere sich darum. Seitdem hatte ich nie nachgefragt. Ich vertraute ihr so, wie man nur jemandem vertraut, den man für einen Teil von sich selbst hält.
Am Abend, beim Essen – sie hatte Linsensuppe gemacht, ihre Mutter hatte ihr das Rezept aus Görlitz mitgegeben, wo Carolin aufgewachsen war –, fragte ich beiläufig nach dem Ordner. Ich wollte es leicht klingen lassen. Es klang nicht leicht.
Sie legte den Löffel ab. Nur für einen Moment. Dann sagte sie: „Der liegt beim Notar, das hab ich dir doch gesagt."
„Bei welchem Notar? Ich hab da letzte Woche mit Frau Dr. Albrecht telefoniert, wegen was anderem, und sie hat gar nichts von einer Hinterlegung erwähnt."
„Vielleicht hat sie's vergessen. Ich war da, Bastian."
Ich ließ es an dem Abend dabei. Aber ich schlief in dieser Nacht noch schlechter als sonst, und am nächsten Morgen rief ich Frau Dr. Albrecht selbst an, bevor ich ins Büro fuhr. Sie war ehrlich überrascht. Kein Ordner sei bei ihr eingegangen, sagte sie, weder von mir noch von meiner Frau.
Ich fing an, andere Dinge nachzuprüfen. Ich loggte mich, zum ersten Mal seit Monaten, selbst in unser gemeinsames Geschäftskonto ein, statt mich auf Carolins monatliche Zusammenfassungen zu verlassen. Es dauerte zwei Stunden, bis ich verstand, was ich sah: Über die letzten anderthalb Jahre waren regelmäßig Beträge auf ein Konto überwiesen worden, das ich nicht kannte. Nicht dramatisch hoch auf einmal, aber beständig. Insgesamt kamen ich auf eine Summe von einhundertzwölftausend Euro.
Ich fuhr am selben Nachmittag zu unserem Steuerberater, Herrn Kowalski, mit dem Laptop unterm Arm. Er brauchte nicht lange, um herauszufinden, wem das Konto gehörte: einem Mann namens Jonas Reuter, seines Zeichens Immobilienmakler in Halle – demselben Mann, mit dem Carolin angeblich wegen der „Standortprüfung" für unser neues Lager in Kontakt stand.
Ich hätte an dieser Stelle explodieren können. Stattdessen wurde ich sehr ruhig, fast klinisch. Ich weiß nicht, ob das Angst war oder Kontrolle. Vielleicht beides.
Ich lud Carolin für den folgenden Samstag zu einem Termin ein – ich sagte ihr, es ginge um die notarielle Beglaubigung für Halle, und dass Frau Dr. Albrecht uns beide gemeinsam sehen wolle, um „letzte Formalitäten" zu klären. Ich bat auch Herrn Kowalski, dabei zu sein, unter dem Vorwand, die steuerliche Seite zu erklären.
Am Samstagvormittag, im Besprechungsraum der Kanzlei, mit Blick auf den Marktplatz und die Nikolaikirche, legte ich den Ausdruck der Kontobewegungen auf den Tisch. Kein Wort der Anklage, nur das Papier, in Klarsichthülle, mit gelben Markierungen auf den Beträgen.
Carolin wurde blass. Sie fing an zu reden, schnell, über Anlagen, über eine „Überraschung" für unser Jubiläum, über Jonas als „nur einen Berater". Frau Dr. Albrecht, die den Vorgang längst kannte, weil ich sie am Vortag eingeweiht hatte, unterbrach sie ruhig: „Frau Wendler, es gibt keinen Berater namens Jonas Reuter in unseren Unterlagen für dieses Projekt. Es gibt auch keine Hinterlegung eines Ordners durch Sie."
Carolin schwieg. Zum ersten Mal an diesem Tag.
Ich sagte nur einen Satz, den ich mir in der Nacht davor zurechtgelegt hatte, damit ich in dem Moment nicht ins Schreien geriet: „Ich will nicht wissen, wer er für dich ist. Ich will nur wissen, ob du dachtest, ich merke es nie."
Sie hatte keine Antwort, die irgendetwas wettgemacht hätte.
Ich habe an diesem Nachmittag, direkt in der Kanzlei, mit Herrn Kowalski und Frau Dr. Albrecht als Zeugen, die Vollmacht widerrufen, die Carolin über unser Geschäftskonto hatte. Am Montag darauf habe ich das gemeinsame Konto aufgelöst und ein neues, allein auf meinen Namen laufendes Firmenkonto eröffnet. Die einhundertzwölftausend Euro, die verschwunden waren, wurden Teil einer zivilrechtlichen Forderung, die mein Anwalt gegen Carolin und, wo nachweisbar, gegen Jonas Reuter geltend machte. Die Scheidung reichte ich zwei Wochen später ein, ohne Streit um die Formulierungen, nur mit der klaren Aufteilung: das Haus in Markkleeberg blieb bei mir, ich hatte es vor der Ehe gekauft, dafür gab es Belege.
Jonas Reuter rief mich einmal an, drei Wochen nach dem Termin in der Kanzlei. Ich erkannte die Nummer nicht, nahm ab, weil ich einen Kunden erwartete. Er stammelte etwas von einem „Missverständnis" und dass er „nichts von einer Ehe gewusst" habe. Ich legte auf, bevor er den Satz beendet hatte.
Von der alten Frau habe ich nie wieder etwas gehört oder gesehen. Ich bin noch zweimal extra in diesen Rewe gefahren, an einem Dienstag, zur gleichen Uhrzeit, mit einem Gefühl, das ich mir selbst nicht erklären konnte. Sie war nicht da. Der Kassierer mit den Kopfhörern erinnerte sich nicht an sie, als hätte er die Frage schon vergessen, kaum dass ich sie gestellt hatte.
Ich habe aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, wer sie war oder ob es sie überhaupt gegeben hat in dem Sinn, in dem ich glaubte, sie gesehen zu haben. Was bleibt, ist der Ordner mit den Kontoauszügen in meinem neuen Büro in Leipzig-Plagwitz, oben in der zweiten Schublade rechts, griffbereit für den Fall, dass mein Anwalt ihn braucht. Und die Linsensuppe koche ich mir inzwischen selbst, nach einem Rezept, das ich mir online gesucht habe – nicht das von Görlitz.
