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Der Kater, der die Siedlung in Sendling bestieg – und der Schlosser, der ihn schließlich ertappte
Zuerst verschwand der Gummiball des Sohnes. Dann eine Hausschuh, der linke, unter der Fußmatte vor der Tür. Barbara Kowalczyk aus dem Wohnblock an der Implerstraße im Münchner Stadtteil Sendling führte darüber Buch wie über eine Einkaufsliste, die sie nie schreiben wollte: eine Socke, ein Geschirrtuch, eine Gummiente vom Balkon der Nachbarin im Erdgeschoss. Die Sachen kamen nicht zurück. Sie verschwanden einfach, als würde nachts jemand durch die Siedlung ziehen und alles einsammeln, was zu niedrig lag.
Sie war einundfünfzig, arbeitete als Buchhalterin bei der Hausverwaltung zwei Aufgänge weiter und liebte Ordnung – in den Unterlagen und vor der eigenen Wohnungstür. Deshalb traf sie das Verschwinden des Hausschuhs mehr, als es sollte. Es ging nicht um einen Schaden von hundert Euro. Es ging um das Gefühl, dass sich nachts etwas abspielte, worüber sie keine Kontrolle hatte.
Die Nachbarn hatten unterschiedliche Theorien. Herr Brandner aus dem vierten Stock war überzeugt, es seien die Jugendlichen vom Nachbarblock, die mit ihren Mopeds. Jemand anderes vermutete einen Obdachlosen, der manchmal am Müllplatz übernachtete. Niemand dachte an eine Katze.
Dabei gab es einen. Rot getigert, dick, mit einem weißen Fleck auf der Brust, hieß Erdapfel und lebte seit vier Jahren bei den Kowalczyks. Abends schlüpfte er durch ein gekipptes Fenster im Erdgeschoss hinaus und kam erst gegen Morgen zurück, mal unter der Gartendusche der Nachbarn, mal unter dem Forsythienbusch. Barbara dachte, er streune durchs Treppenhaus, kratze im Kinderwagenabstellraum und komme hungrig heim. Nie brachte sie ihn mit der Serie kleiner Diebstähle in Verbindung, die sich schon im dritten Jahr durch die Siedlung zog.
Der Wendepunkt kam im April, als das silberne Armband der Enkelin verschwand, das sie zum Trocknen auf das Balkongeländer gelegt hatte, nachdem sie damit beim Abwasch im Wasser gespielt hatte und vergaß, es wieder mit hineinzunehmen. Das Armband hatte ideellen, keinen materiellen Wert: ein Geschenk der verstorbenen Schwiegermutter, im Laden vielleicht fünfzig Euro wert, für die Familie aber unbezahlbar. In dieser Nacht beschloss Barbara: Jetzt reicht's.
Sie rief ihren Sohn Marcin an, Schlosser mit eigener Werkstatt an der Tegernseer Landstraße, und bat ihn, ihr eine Infrarotkamera zu leihen, wie er sie Kunden für Garagen einbaute. Marcin kam mit seinem alten VW Transporter, im Overall, der noch nach Schmierfett roch, und montierte eine Kamera über dem Hauseingang, eine zweite richtete er auf den Balkon. „Mama, du glaubst wirklich, da läuft nachts ein Dieb rum und sammelt Socken ein?", fragte er lachend, ließ die Kamera aber hängen.
Die Aufnahme der ersten Nacht zeigte nichts. In der zweiten huschte eine rote Gestalt unter der Straßenlaterne beim Müllplatz vorbei, etwas im Maul tragend. Barbara spulte den Clip dreimal zurück, bevor sie den Fleck auf der Brust erkannte.
Erdapfel.
Sie glaubte es zunächst nicht. Sie brachte die Aufnahme zu ihrem Sohn, und der fuhr, statt zu lachen, zu einem Zoofachgeschäft an der Boschetsrieder Straße und kaufte eine zweite, batteriebetriebene Minikamera, die er mit Klettband am Halsband des Katers befestigte. Eine Woche lang verfolgten sie Erdapfels Route Aufgang für Aufgang.
Der Kater brach immer um zweiundzwanzig Uhr dreißig auf, immer denselben Weg: durchs Kellerfenster, am Zaun des Spielplatzes entlang, unter den geparkten Autos hindurch. Er besuchte sechs Erdgeschossbalkone und zwei Terrassen. Er nahm mit, was niedrig lag und roch – Gummispielzeug, Geschirrtücher, Socken, die auf Geländern trockneten, einmal sogar einen Damenpantoffel Größe achtunddreißig, der einer Nachbarin aus dem Nebenhaus gehörte.
In drei Jahren, wie Barbara später zusammen mit ihrem Sohn hochrechnete, während sie die Aufnahmen mit Berichten der Nachbarn in der Facebook-Gruppe der Siedlung abglich, hatte Erdapfel über sechshundert Gegenstände nach Hause gebracht. Die Rekordnacht war im Mai – elf Stück auf einmal, darunter eine Kindermütze mit Bommel und ein Geschirrtuch mit Aufdruck aus dem Wirtshaus an der Ecke, das offenbar nach dem Fensterputzen draußen zum Trocknen gehangen hatte.
Er fraß nichts davon. Er brachte es einfach und legte es unter den Forsythienbusch oder hinter den Müllplatz, als würde er sich ein Lager anlegen. Der Tierarzt, dem Barbara die Aufnahme zusammen mit dem Kater bei der Kontrolluntersuchung zeigte, zuckte mit den Schultern: Jagdinstinkt ohne Beute, sagte er, komme vor, besonders bei kastrierten Katern – sie suchten einen Ersatz für die Jagd.
Barbara berief eine Eigentümerversammlung im Gemeinschaftsraum der Hausverwaltung ein, brachte ihren Laptop mit und zeigte die Aufnahmen. Es gab mehr Gelächter als Ärger. Herr Brandner, derselbe, der die Moped-Jugendlichen verdächtigt hatte, gab zu, drei Paar Socken vom Balkon verloren zu haben, und hatte seinen Enkel bereits wegen angeblicher Schlamperei angeschnauzt.
Doch der Fall des Armbands war weiterhin offen – dieses eine Stück fand sich nicht unter den Sachen unterm Busch, nicht im Keller, in keinem der Verstecke, die Marcin mit der Taschenlampe abgesucht hatte, während er Schritt für Schritt am Fundament des Hauses entlangging. Barbara erstellte eine Liste aller Orte, an denen Erdapfel seine Beute deponierte – vier Punkte in der Siedlung, jetzt auf einer von ihrem Sohn handgezeichneten Skizze markiert – und grub jeden davon persönlich mit Gartenhandschuhen um.
Das Armband fand sie an einem fünften Ort, der nicht auf der Liste stand: in einer Fuge zwischen den Gehwegplatten beim Teppichklopfgestell, wo Erdapfel es offenbar unterwegs verloren oder absichtlich tiefer versteckt hatte als sonst. Sie grub es mit einem Esslöffel aus, mit demselben, mit dem sie zuvor versucht hatte, den Kater vom Sessel zu verscheuchen.
Am selben Abend, am Küchentisch, das Armband in der Hand, den Kater schlafend auf dem Stuhl daneben, schrieb Barbara einen Aushang für das Schwarze Brett im Eingang: kurz, mit Telefonnummer, mit der Bitte, dass jeder, dem in den letzten drei Jahren etwas gefehlt hatte, am Samstag in den Keller Nummer 4 kommen und die Kiste mit den Sachen durchsehen solle. Unter den Aushang schrieb sie einen Satz, ohne Komma vor dem „und": der Dieb ist gefasst und geht nachts nicht mehr ohne Leine raus.
Am Samstag kamen elf Leute in den Keller. Sie holten sich Socken, zwei Spielzeuge, das Geschirrtuch aus dem Wirtshaus – der Wirt lachte am lautesten. Der Pantoffel Größe achtunddreißig kam zurück zu seiner Besitzerin, die ein halbes Jahr lang nur mit einem einzelnen Ersatzschuh herumgelaufen war.
Erdapfel darf seither nur noch an der Leine auf den Balkon, unter den Augen von Barbara, die dabei Tee trinkt und zusieht, wie der Kater am Geranientopf schnuppert, ohne etwas erreichen zu können, das ihm nicht gehört.
