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Der Zettel aus dem Labor in Jena

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Ich bin seit sechzehn Jahren mit Heike verheiratet, und wenn ich ehrlich bin, habe ich ihre Arbeit die meiste Zeit nur mit halbem Ohr verfolgt. Geologin, Fokus auf vulkanisches Gestein, irgendwas mit Isotopen – das war so ungefähr mein Wissensstand. Bis zu dem Abend im März, als sie mit einer Kiste voller schwarzer Steinsplitter in die Küche unserer Wohnung in Freiberg kam und sagte, sie brauche den Esstisch für die nächsten drei Wochen.

Freiberg, Sachsen, für alle die es nicht kennen: altes Bergbaustädtchen, die TU Bergakademie gleich um die Ecke, und bei uns riecht es im Winter nach Kohleöfen aus den Nachbarhäusern, obwohl die meisten längst auf Gas umgestellt haben – so eine Gewohnheit, die sich hält. Heike arbeitet dort im Labor für Geochemie, und was sie mir an dem Abend erzählte, klang zunächst wie Science-Fiction, war aber, wie sich herausstellte, echte Forschung, an der ihre Arbeitsgruppe mit einem Team aus den USA zusammenarbeitete.

Es ging um Basaltglas. Das Zeug, das entsteht, wenn Lava sehr schnell abkühlt – schwarz, glänzend, scharfkantig, ich habe mir beim Sortieren tatsächlich den Finger aufgeschnitten. Vor ungefähr 4,35 Milliarden Jahren, erklärte Heike, während sie die Splitter nach Größe ordnete, war die junge Erde übersät mit diesem Material. Vulkane, Meteoriteneinschläge, überall dieses Glas. Und jetzt hatten sie und ihre Kollegen etwas gefunden, das die größte offene Frage der Biologie berühren könnte: Wie ist aus toter Materie überhaupt Leben entstanden.

Ich erinnere mich, dass ich mit einem Bier am Türrahmen lehnte und fragte, warum ausgerechnet Lavaglas. Sie drehte sich nicht mal um, sondern hielt einfach einen der Splitter gegen die Küchenlampe. Weil es porös ist, sagte sie. Winzige Kanäle, durch die Flüssigkeit durchsickern kann. Und wenn man Nukleosidtriphosphate – die Bausteine von RNA, die genetische Buchstaben quasi – durch diese Kanäle laufen lässt, dann passiert etwas, das niemand erwartet hatte: Sie verketten sich von selbst. Ohne Enzyme, ohne Zellmaschinerie, ohne irgendein Wunder. Einfach nur Chemie, die sich an der Oberfläche des Gesteins entlanghangelt und lange, stabile RNA-Ketten bildet.

Ich muss zugeben, in dem Moment war mir die Tragweite nicht klar. Für mich war das erstmal: meine Frau blockiert den Esstisch, und ich esse jetzt drei Wochen auf dem Sofa vor dem Fernseher. Aber dann, ein paar Tage später, beim Frühstück – sie hatte schwarze Ringe unter den Augen, weil sie halb die Nacht im Labor verbracht hatte –, erklärte sie mir, warum das mehr war als nur ein interessantes Experiment.

Es geht um die sogenannte RNA-Welt-Hypothese. Die Idee, dass ganz am Anfang, bevor es DNA und Proteine gab, RNA allein in der Lage war, sich selbst zu vervielfältigen und gleichzeitig Information zu speichern. Das Problem war immer: Wie sollen sich diese komplizierten Molekülketten spontan bilden, auf einem toten, chaotischen Planeten, ohne dass irgendetwas Lebendiges schon da ist, um zu helfen. Ein Henne-Ei-Problem, sagte Heike, und rührte dabei viel zu lange in ihrem Kaffee, ohne ihn zu trinken. Und jetzt hatten sie einen Hinweis, dass die Lösung erschreckend simpel sein könnte: gewöhnliches vulkanisches Glas, wie es auf der jungen Erde an jeder zweiten Ecke lag.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war ihr Gesicht, als sie die Ergebnisse vom Kollegen aus Boulder, Colorado, per Videocall bestätigt bekam. Ich saß nebenan, hörte nur Gesprächsfetzen auf Englisch, dann brach sie mitten im Satz ab, legte die Hand auf den Mund und schaute mich über den Laptopbildschirm hinweg an. Es funktioniert auch mit Marsglas, sagte sie. Also mit einer Zusammensetzung, wie sie auf dem Mars vorkommt. Basaltisches Gestein ist dort überall verbreitet.

Man muss dazu sagen: Heike ist keine Träumerin. Sie hat einen nüchternen, fast trockenen Blick auf ihre Arbeit, sie mag Fußnoten mehr als Schlagzeilen. Aber an diesem Abend, als die Herbstsonne schon früh hinter dem Nachbarhaus verschwand und der Nachbarshund wie jeden Tag um Punkt sechs anfing zu bellen, weil er sein Futter wollte, saß sie da und sagte etwas, das ich nie vergessen werde: Wenn das stimmt, dann ist der Sprung von toter Chemie zu etwas, das sich selbst kopieren kann, viel kleiner, als wir je gedacht haben. Kein Wunder. Keine kosmische Ausnahme. Nur Gestein, Wasser und Zeit.

Die Wochen danach waren zäh. Das Paper musste durch die Begutachtung, es gab Rückfragen von Gutachtern, einmal saß Heike bis elf Uhr abends am Küchentisch – der inzwischen wieder frei von Steinsplittern war, aber dafür übersät mit Ausdrucken voller roter Anmerkungen – und fluchte leise vor sich hin, weil ein Reviewer aus Cambridge an der Statistik zweifelte. Ich habe in der Zeit gelernt, wann ich besser den Mund halte und wann ein Tee mit Kandis helfen könnte. Meistens half der Tee.

Der Moment, den ich als den eigentlichen Wendepunkt in Erinnerung habe, kam nicht mit Fanfaren. Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend, ich hatte Nudeln mit Pesto gekocht, im Radio lief noch das MDR-Sachsen-Verkehrsfunk-Gedudel, als Heikes Handy summte. Sie las die Mail, stand auf, ging zweimal um den Tisch herum, ohne etwas zu sagen, und setzte sich dann wieder. Angenommen, sagte sie nur. Astrobiology. Fachzeitschrift. Ihr Name stand jetzt als Ko-Autorin unter einer Arbeit, die – das war ihr in dem Moment klarer als mir – vielleicht in zwanzig Jahren in jedem Biologie-Lehrbuch zitiert werden würde.

Ich fragte sie, was das für sie persönlich bedeutet. Sie überlegte lange, drehte die Gabel in den Nudeln, ohne zu essen. Dann sagte sie etwas, das mich bis heute begleitet: Dass sie nie wieder auf einen schwarzen Stein am Wegrand schauen kann, ohne zu denken, dass darin vielleicht der ganze Anfang von allem steckt.

Drei Monate später fuhren wir gemeinsam nach Jena, zu einem Symposium, wo sie einen Kurzvortrag hielt. Ich saß in der letzten Reihe des Hörsaals, zwischen Studierenden mit Laptops, und beobachtete, wie meine Frau vorne am Pult stand und Bilder von porösem schwarzem Glas zeigte, während draußen die Straßenbahn Richtung Lobeda quietschend um die Kurve fuhr – man hörte es sogar durch die geschlossenen Fenster. Am Ende gab es Fragen aus dem Publikum, eine Doktorandin wollte wissen, ob man die Methode auch mit anderen Gesteinsarten testen könne. Heike lächelte kurz, notierte sich die Frage auf einem gelben Klebezettel, den sie danach sorgfältig in ihre Arbeitsmappe klebte – neben ein Dutzend anderer, aus früheren Vorträgen, ein kleines Archiv offener Fragen, das sie nie wegwirft.

Auf der Rückfahrt im Zug, irgendwo zwischen Jena und Chemnitz, die Felder draußen schon herbstlich braun, fragte ich sie, ob sie glaube, dass sie damit die Frage nach dem Ursprung des Lebens endgültig beantwortet hätten. Sie schüttelte den Kopf und sagte, nein, natürlich nicht, das sei nur ein Puzzleteil. Aber ein Puzzleteil, das zeige, dass die Natur selbst diese Aufgabe schon vor 4,35 Milliarden Jahren gelöst hatte, ganz ohne Absicht, ganz ohne Plan – einfach weil Gestein und Wasser und Zeit genug zusammenkamen.

Sie hat den gelben Klebezettel aus Jena immer noch in ihrer Mappe. Und wenn wir jetzt spazieren gehen, an der Mulde entlang, bückt sie sich manchmal nach einem dunklen Stein, dreht ihn im Licht und steckt ihn wortlos in die Jackentasche.

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