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Wachstuben-Weg 4, Vorpommern

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Acht Töchter hatte Bernhard Lehnert, und keinen einzigen Sohn — die Nachbarn im Dorf hatten Jahre gebraucht, um damit aufzuhören, ihn deswegen aufzuziehen. Erst als seine Frau starb und er selbst zum Pflegefall wurde, begannen dieselben Leute, ihn zu beneiden.

Bernhard war Zimmermann gewesen, sein Leben lang, mit einer Werkstatt am Ortsrand von Loitz, unweit der Peene. Als seine erste Tochter zur Welt kam, Heike, hatte er noch gelacht. Na gut, ein Mädchen. Beim ersten Versuch klappt das selten. Hauptsache gesund, kräftige Lunge, und die Nase hatte sie eindeutig von ihm.

Seine Frau Renate lag erschöpft im Wochenbett und sah ihn schuldbewusst an.

„Ist doch egal", sagte Bernhard. „Wird schon noch ein Junge kommen."

Zwei Jahre später kam Sabine. Dann Petra. Dann gleich zwei auf einmal, Karin und Doris, die Zwillinge. Später Ute. Dann Marlies. Und zum Schluss Steffi, die Jüngste. Damit war Schluss. Acht Töchter. Kein Sohn.

Im Dorf machte man sich einen Spaß daraus. Nicht immer böse gemeint, aber es tat trotzdem weh.

„Bernhard, produzierst du eigentlich nur Ausschuss?", fragte einmal der Nachbar Kurt-Heinz beim Skat, während er sich den Schnurrbart nach dem Klaren abwischte.

„Herr Lehnert, sollen wir dir mal erklären, wie das funktioniert?", grinste ein anderer.

Beim Herrenabend im Vereinsheim, wenn die Männer nach dem Sportplatz noch ein Bier zusammen tranken, zog sich Bernhard meist in die Ecke zurück und schwieg. Was hätte er auch sagen sollen. Mädchen. Nur Mädchen. Er hatte seine Frau nie geschlagen, ihr nie einen Vorwurf gemacht, dass sie ihm keinen Sohn schenkte. Aber Renate sah es ihm an: Jedes Mal, wenn wieder eine Tochter kam, ging er raus auf die Veranda, setzte sich auf die Stufe, zündete sich eine Zigarette an und starrte lange über die Felder. Wortlos. Dieses Schweigen wog schwerer als jedes Geschrei.

„Bernhard, verzeih mir", flüsterte Renate einmal.

„Wofür denn", zuckte er mit den Schultern. „Die Kinder gehören uns beiden. Sie sind, wie sie sind. Da gibt's nichts zu verzeihen."

Trotzdem wartete er. Bis zum letzten Moment. Bis Renate eines Tages sagte: „Schluss jetzt, Bernhard. Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr."

Das war's dann. Da begriff er: einen Sohn würde es nie geben. Der Name würde aussterben. Niemand, dem er das Haus vererben könnte. Niemand, dem er den alten Hobel seines Großvaters in die Hand drücken könnte. Niemand, dem er zeigen könnte, wie man ein Schloss einlässt, eine Ecke ausmisst, einen Dachsparren richtig verzapft.

Dabei liebte er seine Töchter. Auf seine eigene, wortkarge Art, aber wirklich. Acht Mädchen bedeuteten acht Zöpfe, acht verschiedene Charaktere, ständigen Lärm im Haus. Immer weinte eine, immer lachte eine andere, irgendwo stritt man sich um eine Puppe, irgendwo klaute jemand heimlich das Haargummi der Schwester. Der Krach war so groß, dass die Nachbarn manchmal die Fenster zumachten.

Bernhard kam abends von der Werkstatt, setzte sich an den Tisch, und von allen Seiten stürmten die Mädchen auf ihn zu. „Papa, ich auch!" — „Papa, sie hat angefangen!" — „Papa, sag ihr was!" Er lachte, trennte sie, schlichtete den Streit, und manchmal gab er einem eine liebevolle kleine Kopfnuss. Nicht als Strafe, einfach so, väterlich.

Abends, wenn die Mädchen endlich schliefen, ging er in den Garten. Setzte sich auf die Bank vor dem Haus und betrachtete sein Werk. Ein großes Haus aus dicken Balken, fünf Fenster zur Straße hin. Ein schönes, solides Haus. Als junger Mann hatte er es selbst gebaut. Jeden Balken kannte er, jede Verzapfung, jede Stütze. Das Haus war sein Stolz. Und sein Schmerz. Denn wem sollte er es hinterlassen?

Renate setzte sich dann meist zu ihm. Lange sagten beide nichts.

„Wenn ich mal tot bin", sagte Bernhard leise, „verkaufen sie das Haus. Die Mädchen brauchen es nicht. Die ziehen doch alle in die Stadt."

„Sag so was nicht, Bernhard."

„Warum soll ich die Wahrheit verschweigen."

Die Jahre vergingen. Die Töchter wurden erwachsen. Zuerst zog Heike aus, in die Kreisstadt Demmin, zum Lehramtsstudium. Dann Sabine, sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Petra ging in den Einzelhandel. Die Zwillinge Karin und Doris zogen beide nach Greifswald und lernten Bankkauffrau. Ute studierte Sozialpädagogik. Marlies ging als Saisonkraft an die Ostsee, nach Zinnowitz, arbeitete dort in einem Hotel. Und die Jüngste, Steffi, machte eine Schneiderlehre.

Das Haus wurde leer. Erst ungewohnt. Dann schmerzhaft. Später alltäglich.

Bernhard und Renate blieben allein. Fast wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, vor den Kindern. Nur waren sie jetzt alt und müde. Die Gespräche wurden kürzer. Die Abende länger.

Bernhard ging weiterhin auf die Veranda hinaus. Setzte sich hin, betrachtete das Haus. Es alterte mit ihm. In einer Ecke war das Dach undicht geworden. Die Veranda hatte sich leicht gesenkt. Von den Fensterläden blätterte die Farbe ab. Bernhard hätte das alles reparieren können. Seine Hände gehorchten ihm noch. Aber wozu. Und für wen.

Renate starb still. Im Schlaf, nach dem Mittagessen legte sie sich hin und wachte nicht mehr auf.

Bernhard blieb allein. Nach der Beerdigung versammelten sich die Töchter im Elternhaus. Zum ersten Mal seit Jahren alle acht zusammen. Mit Ehemännern, Kindern, Enkeln. Das Haus füllte sich wieder mit Stimmen, aber es waren andere Stimmen. Nicht mehr das helle Mädchengekicher von früher, sondern ernste, erwachsene Stimmen mit Stadtdialekt.

Sie saßen am Tisch. Erinnerten sich an Renate. Tranken Kaffee.

„Papa", begann Heike, die Älteste. „Wie soll das jetzt weitergehen mit dir. Zieh doch zu uns. Wir haben ein Gästezimmer frei."

„Oder zu uns", warf Sabine sofort ein. „Bei uns ist auch Platz."

„Man könnte es auch abwechseln", schlug Karin vor. „Ein halbes Jahr bei mir, ein halbes Jahr bei Doris."

Bernhard hob die Hand. Alle verstummten.

„Ich geh hier nicht weg", sagte er. „Eure Mutter liegt hier, auf dem Friedhof am Dorfrand. Das ist mein Haus. Ich hab's gebaut. Hier bleib ich, solange es geht."

„Aber wie willst du allein zurechtkommen? Ofen anmachen, Wasser holen —"

„Ich bin noch kein Pflegefall", schnitt er ihr das Wort ab. „Ich hab zwei Hände. Und der Kopf funktioniert auch noch. Das krieg ich hin."

Die Töchter sahen sich an. Sagten nichts weiter. Am Ende fuhren sie ab.

Bernhard blieb allein. Heizte den Ofen. Holte Wasser vom Brunnen. Reparierte den Zaun. Lebte weiter.

Aber die Jahre forderten ihren Tribut. Mit dreiundsiebzig konnte er kein Holz mehr hacken, sein Rücken machte nicht mehr mit. Mit vierundsiebzig vergaß er zunehmend, wo er seine Schlüssel hingelegt hatte. Mit fünfundsiebzig stürzte er einmal auf der Veranda und lag fast eine Stunde dort, bis die Nachbarin ihn fand.

Etwas musste geschehen. Im Herbst desselben Jahres rollte ein langer Lkw mit Anhänger vor Bernhards Haus vor. Die Ladefläche war voller Bauholz. Zwei Pkw folgten dem Lastwagen. Aus den Autos stiegen nacheinander die Töchter aus. Alle acht. Mit ihren Ehemännern. Mit ihren Kindern. Mit Koffern, Taschen und Arbeitskleidung.

Bernhard trat auf die Veranda und blieb wie angewurzelt stehen.

„Was habt ihr euch denn ausgedacht?"

„Wir bauen ein Haus, Papa", sagte Heike. „Ein neues."

„Was für ein Haus? Was redet ihr da?"

„Eins, das man braucht. Wir haben das besprochen und entschieden. Das alte Haus ist in schlechtem Zustand. Die Balken unten faulen, die Ecken senken sich. Vielleicht hält es noch ein paar Jahre, aber was dann? Wir wollen, dass du noch lange lebst. Ordentlich. Sicher."

„Und woher habt ihr das Geld dafür?"

„Zusammengelegt", antwortete Sabine. „Jede von uns hat was zurückgelegt. Die eine mehr, die andere weniger. Aber für ein Haus reicht's. Und unsere Männer helfen beim Bauen."

Bernhard sah sie an. Heike, mittlerweile über fünfzig, mit grauen Strähnen, Schulleiterin in Demmin. Sabine, Stationsschwester im Klinikum Greifswald. Petra mit ihrem eigenen kleinen Laden. Karin und Doris, beide bei der Sparkasse, mit Brille, seriöse Geschäftsfrauen geworden. Ute, die in der Kreisverwaltung arbeitete und immer noch so leicht lachte wie als Kind. Marlies, braun gebrannt von der Küste, mit einem bunten Tuch im Haar. Steffi, die Jüngste, siebenunddreißig, modisch gekleidet, in Stöckelschuhen, dieselbe, die früher barfuß über genau diesen Hof gerannt war.

Acht Töchter hatte er. Und keinen einzigen Sohn.

Am nächsten Morgen begann die Arbeit. Bernhard dachte, sie würden ein bisschen mit der Baustelle spielen und dann aufgeben. Welche Frau versteht schon was von Zimmermannsarbeit. Welche seiner Töchter hatte je richtig eine Axt in der Hand gehalten. Aber er irrte sich.

Marlies' Mann, ein gelernter Dachdecker aus Zinnowitz, übernahm das Dach. Karins Mann, Elektriker von Beruf, verlegte die neuen Leitungen. Und Steffi selbst, die Schneiderin, stellte sich als Erste mit dem Zollstock neben den alten Grundriss und maß nach, was Bernhard einst gebaut hatte — auf den Zentimeter genau, wie sie es von ihm gelernt hatte, ohne dass sie sich dessen bewusst gewesen wäre. Heike organisierte die Papiere beim Bauamt in Demmin, weil sie als Einzige wusste, wie man mit Behörden spricht. Doris führte die Kasse, mit einer Kladde, in der jede Mark und jeder Nagel eingetragen wurde.

Bernhard stand die ersten Tage nur daneben, die Hände in den Hosentaschen, und schaute zu, wie sein altes Haus Balken für Balken abgetragen wurde. Bei jedem Balken, den sie herausrissen, zuckte etwas in ihm zusammen. Das war die Deckenstrebe vom Küchenanbau, die er 1962 eingezogen hatte, als Heike geboren wurde. Das der Türsturz, den er neu gesetzt hatte, als die Zwillinge kamen und das alte Zimmer zu klein wurde.

Am dritten Tag konnte er nicht mehr nur zuschauen. Er ging zur Werkstatt, holte den alten Hobel seines Großvaters aus dem Schrank, den er seit Jahren nicht mehr angefasst hatte, und stellte sich zu Steffi an den Sägebock.

„Nicht so", sagte er, und zum ersten Mal seit Renates Tod klang seine Stimme wieder fest. „Den Fasenwinkel musst du anders ansetzen. Gib her."

Steffi gab ihm den Hobel wortlos. Sah zu, wie seine Hände, die tagelang nur in den Taschen gesteckt hatten, wieder wussten, was zu tun war.

Zwei Monate dauerte der Bau. Ein kleineres Haus als das alte, ebenerdig, ohne Stufen, mit breiten Türen für einen Rollstuhl, falls es einmal so weit kommen sollte, mit einer Fußbodenheizung, die Ute im Internet rausgesucht hatte, weil der alte Kachelofen für einen Mann über siebzig zu gefährlich geworden war.

An dem Tag, als der letzte Dachziegel saß, stellten sie einen Tisch auf den Hof, genau dort, wo früher die Bank gestanden hatte, auf der Bernhard abends gesessen und das alte Haus betrachtet hatte. Alle acht Töchter, alle Männer, alle Enkel saßen um diesen Tisch. Jemand hatte Bratwürste vom Grill geholt, jemand eine Flasche Klaren aus Kurt-Heinz' Beständen mitgebracht, der neugierig über den Zaun schaute und zum ersten Mal seit dreißig Jahren nichts Spöttisches zu sagen fand.

Bernhard stand auf, den Hobel noch in der Hand, weil er ihn den ganzen Nachmittag nicht hatte weglegen wollen.

„Ich hab gedacht, mit mir stirbt das aus", sagte er. Mehr brachte er nicht heraus.

„Ist es aber nicht, Papa", sagte Heike. „Es ist nur anders weitergegangen, als du dachtest."

Bernhard setzte sich zwischen Steffi und Karin, legte den Hobel auf den Tisch, direkt neben die Bratwürste, und aß mit beiden Händen, während die Kinder seiner Töchter um den Tisch herumtobten und irgendwo im neuen Haus ein Wasserhahn tropfte, den noch niemand richtig zugedreht hatte.

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