Connect with us

DE

Werkstattschlüssel für zwei

Published

on

Vierzig Jahre Altersunterschied zwischen ihrem Sohn und dessen neuer Freundin – diese Zahl schrieb Renate Brockmann an jenem Sonntagabend dreimal auf einen Zettel, weil sie sie einfach nicht glauben wollte, bis ihr auffiel: es waren gar nicht vierzig, es waren siebzehn. Siebzehn Jahre. Ihr Sohn Lukas war fünfundzwanzig, seine neue Freundin Bettina zweiundvierzig, und trotzdem hatte sich die Zahl in Renates Kopf zu etwas Monströsem aufgebläht, noch bevor sie die Frau überhaupt kennengelernt hatte.

Es war ein Samstag Mitte September in Recklinghausen, die Kastanien vor dem Haus warfen schon die ersten stacheligen Früchte auf den Gehweg, und aus der Küche roch es nach dem Rinderbraten, den Renate seit dem frühen Nachmittag im Ofen hatte, weil Lukas gesagt hatte: Mama, wir kommen zum Essen, ich will dir jemanden vorstellen. Er hatte am Telefon nicht gesagt, wen. Erst als sie schon die Kartoffeln schälte, rief er noch einmal an und sagte, fast beiläufig, sie sei ein bisschen älter als er, das solle sie aber nicht stören.

Renate stand mit dem Schälmesser in der Hand am Spülbecken und dachte: älter, wie älter, fünf Jahre, acht Jahre? Sie fragte nicht nach. Sie schälte weiter, und die Schale fiel in einer einzigen langen Spirale ins Becken, wie es ihre Mutter ihr beigebracht hatte, und genau in diesem Moment, mit der Kartoffel in der einen und dem Messer in der anderen Hand, beschloss sie, dass sie ruhig bleiben würde. Was auch immer kam.

Bettina kam um sechs, in einem senfgelben Mantel, mit einer Flasche Spätburgunder aus der Pfalz und einem Blumenstrauß, der nicht nach Tankstelle aussah, sondern nach dem kleinen Laden in der Herzogswall-Straße, den nur Recklinghausener kennen. Sie hatte kurze dunkle Haare, die schon einzelne graue Strähnen zeigten, ohne sie zu verstecken, und einen festen Händedruck. Renate registrierte jede Falte um ihre Augen wie eine Kassiererin, die Falschgeld prüft.

Beim Essen erzählte Bettina, dass sie eine Autowerkstatt in Herten führte, die sie von ihrem Vater übernommen hatte, eine kleine Spezialwerkstatt für alte BMW-Modelle, die Zweitrader und Oldtimer restaurierte. Lukas hatte sie dort kennengelernt, als er seinen alten 3er wegen eines Getriebeschadens vorbeigebracht hatte. Er redete beim Essen kaum, aß seinen Braten, schaute Bettina an, als hätte er noch nie in seinem Leben einen Rinderbraten interessanter gefunden als das, was sie gerade erzählte.

Renate lächelte höflich und dachte gleichzeitig: fünfzehn Jahre bis zur Rente hat die schon fast hinter sich, wenn er dreißig ist, ist sie siebenundvierzig, wenn er vierzig ist, ist sie siebenundfünfzig, wenn sie sich Kinder wünschen, wird es knapp, wird es gar nicht gehen. Sie rechnete, während sie den Rotkohl herumreichte, mit der gleichen stillen Genauigkeit, mit der sie sonst ihre Steuererklärung machte, und am Ende der Rechnung stand ein Gefühl, für das sie sich fast schämte: Angst. Nicht um sich. Um Lukas.

Nach dem Essen, als Bettina auf der Terrasse mit Lukas' Vater über Motorenöl sprach, wienerte Renate in der Küche Teller, die längst sauber waren, nur um die Hände beschäftigt zu halten. Ihre Nachbarin Ingrid, die zufällig gerade den Müll rausbrachte und über den Zaun spähte, weil sie das fremde Auto in der Einfahrt gesehen hatte, fragte later am Gartenzaun: Na, wer ist das denn? Und Renate hörte sich selbst sagen: Eine Kollegin von Lukas, glaube ich, und wunderte sich über die eigene Lüge, noch während sie sie aussprach.

Die Wochen danach liefen wie ein Uhrwerk mit einem Sandkorn im Getriebe. Lukas kam seltener zum Essen, aber wenn er kam, redete er von Bettina wie andere Männer von ihrem ersten großen Sieg reden. Sie hatte ihm gezeigt, wie man ein Getriebe komplett zerlegt und wieder zusammensetzt. Sie hatte ihn mitgenommen zu einem Oldtimertreffen in Münster, wo er zum ersten Mal in seinem Leben einen echten Isetta von innen gesehen hatte. Sie zahlte nie für ihn, das betonte er jedes Mal, als müsste er es beweisen, sie teilten sich alles genau in der Mitte, bis auf den Cent.

Renate sammelte diese Sätze wie Beweisstücke, ohne genau zu wissen, wofür sie eigentlich Beweise brauchte. Ihr Mann Dieter, ein ruhiger Mann, der sein Leben lang bei den Stadtwerken die Wasserleitungen der halben Stadt im Kopf hatte, sagte eines Abends beim Fernsehen, ohne den Blick von der Sportschau zu nehmen: Renate, der Junge ist glücklich. Wann hast du ihn das letzte Mal so gesehen? Sie hatte darauf keine Antwort, nur das unangenehme Gefühl, dass er recht hatte und dass ihr das nicht gefiel.

Der Bruch kam im November, an einem Dienstag, an dem der erste nasse Schnee in Recklinghausen lag und auf den Straßen sofort wieder schmolz. Lukas rief an und sagte, er ziehe zu Bettina nach Herten, er habe die Wohnung in der Bochumer Straße gekündigt. Renate stand mit dem Telefon in der Hand in ihrem Flur, unter der Garderobe, an der noch seine Kinderjacke von der Grundschule hing, die sie aus irgendeinem Grund nie weggeworfen hatte, und sagte: Bist du sicher, dass das nicht zu schnell geht? Und Lukas, sonst der geduldigste Mensch der Welt, wurde laut, zum ersten Mal seit Jahren laut ihr gegenüber, und sagte: Mama, ich bin fünfundzwanzig, nicht fünfzehn. Du hast mir noch nie zugetraut, dass ich weiß, was ich will.

Danach herrschte drei Wochen lang Funkstille. Kein Anruf am Sonntag, kein Vorbeikommen zum Kaffee. Renate merkte, wie sich diese Stille anders anfühlte als jede andere Stille zuvor in ihrem Leben – schwerer, absichtsvoller. Sie ertappte sich dabei, wie sie nachts wach lag und sich fragte, ob sie ihren Sohn verloren hatte, nicht an eine Frau, sondern an ihre eigene Sturheit.

An einem Samstag im Dezember, es hatte richtig zu schneien begonnen, fuhr sie ohne Ankündigung nach Herten. Nicht zu Lukas' neuer Wohnung. Zur Werkstatt. Sie fand Bettina allein dort, in blauem Overall, unter einem halb zerlegten BMW 2002, nur die Beine ragten unter dem Wagen hervor. Als Bettina hervorrutschte und Renate sah, wischte sie sich hastig die Hände an einem Lappen ab, der schon schwarz vor Öl war, und sagte nur: Frau Brockmann. Ist etwas mit Lukas?

Renate stand zwischen den Werkzeugregalen, roch Motoröl und kalten Beton, und sagte das, was sie eigentlich sagen wollte, seit September: Ich habe Angst, dass Sie ihm irgendwann sagen, er soll gehen, wenn er zu alt für Sie geworden ist zum Spielen, und dass er dann mit vierzig wieder bei mir vor der Tür steht und neu anfangen muss. Bettina setzte sich auf einen umgedrehten Reifen, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, hinterließ dabei einen Ölstreifen, den sie nicht bemerkte, und sagte: Frau Brockmann, mein Vater hat diese Werkstatt vierunddreißig Jahre geführt und ist mit sechzig an einem Herzinfarkt gestorben, direkt hier, an dieser Hebebühne. Ich habe niemanden mehr, der mir Angst vor der Zeit macht, außer mir selbst. Ich habe Lukas nicht genommen, weil ich Angst vor dem Alleinsein habe. Ich habe ihn genommen, weil er der erste Mensch seit Jahren ist, der mich fragt, wie es mir geht, und dann wirklich auf die Antwort wartet.

Renate sagte nichts. Sie sah sich um in dieser Werkstatt, die nach Arbeit roch und nicht nach Ausrede, sah die fein sortierten Ersatzteile in beschrifteten Kisten, sah ein Foto an der Wand, ein Schwarz-Weiß-Bild eines Mannes vor genau diesem Gebäude, offensichtlich Bettinas Vater, und zum ersten Mal seit September rechnete sie nicht mehr in Jahren.

Weihnachten kamen beide zusammen zum Essen, Lukas und Bettina, und diesmal saß Renate nicht rechnend am Tisch, sondern fragte Bettina nach dem Isetta-Projekt, an dem sie gerade arbeiteten, und hörte tatsächlich zu, während die Antwort kam. Nach dem Essen, als die Männer beim Kaffee über die Bundesliga stritten, saßen die beiden Frauen kurz allein in der Küche, und Bettina sagte leise: Ich weiß, dass die Leute reden. Meine Mutter hat mir gesagt, ich solle mir keinen Jungen zulegen, mit dem ich in zwanzig Jahren seine Windeln wechseln muss statt umgekehrt. Renate lachte, zum ersten Mal über diese ganze Situation lachte, und sagte: Meine Nachbarin Ingrid glaubt immer noch, Sie seien eine Arbeitskollegin von Lukas.

Der eigentliche Wendepunkt kam aber erst im März, ein Jahr später, an einem Mittwoch, an dem Renate einen Brief von ihrem eigenen Anwalt bekam, den sie schon lange nicht mehr wegen einer alten Erbschaftsangelegenheit kontaktiert hatte. Ihr Vater hatte ihr vor zwölf Jahren ein kleines Sparbuch hinterlassen, achttausendzweihundert Euro, unangetastet, für einen Notfall, sagte sie immer. Dieter fragte am Frühstückstisch, wofür sie das Geld jetzt plötzlich brauche. Renate faltete den Brief zusammen, legte ihn neben die Kaffeetasse und sagte: Für keinen Notfall. Für Lukas und Bettina. Sie wollen die Werkstatt umbauen, eine zweite Hebebühne einbauen, mehr Platz für Oldtimer schaffen. Ich habe mit meinem Anwalt telefoniert. Ich löse das Sparbuch auf und schenke es ihnen als Anteil, schriftlich, mit Vertrag, damit später niemand aus der Verwandtschaft auf dumme Gedanken kommt, wem was gehört, wenn die beiden heiraten oder auch wenn nicht.

Dieter sah sie über seine Kaffeetasse hinweg an, länger als sonst, und sagte nur: Das ist eine Menge Geld, Renate. Sie antwortete: Es ist genau richtig viel Geld. Und dann rief sie bei ihrem Anwalt an, ließ die Schenkungsurkunde für die zweite Hebebühne aufsetzen, holte am Freitag das Sparbuch von der Bank in der Herzogswall-Straße, unterschrieb in der Kanzlei drei Seiten, die Bettinas und Lukas' Namen gemeinsam trugen, und steckte den Umschlag mit der Urkunde in ihre Handtasche.

Am Sonntag danach fuhr sie mit Dieter nach Herten, in die Werkstatt, wo Lukas gerade unter einem Wagen lag und Bettina an der Werkbank ein Getriebeteil reinigte. Renate legte den Umschlag auf die Werkbank, zwischen Schraubenschlüssel und Ölkanister, und sagte: Das ist für die Hebebühne. Und für alles, was noch kommt. Lukas rutschte unter dem Wagen hervor, sah den Umschlag, sah seine Mutter an, sagte nichts, weil ihm die Worte fehlten, und Bettina öffnete die Urkunde mit öligen Fingern, die einen dünnen Fettfleck auf dem oberen Rand hinterließen, las die Zeile mit ihrem und Lukas' Namen, und sagte nur: Frau Brockmann, das hätten Sie nicht tun müssen. Renate zog ihren Mantel enger um sich gegen die Kälte der Werkstatthalle und antwortete: Doch. Musste ich. Es war überfällig.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

один × 4 =

Також цікаво:

DE49 хвилин ago

Der Kittel, der zu groß wurde

Ich bin Krankenschwester in der geriatrischen Ambulanz eines städtischen Krankenhauses in Rosenheim, seit einundzwanzig Jahren, und wenn meine Schicht um...

DE1 годину ago

Werkstattschlüssel für zwei

Vierzig Jahre Altersunterschied zwischen ihrem Sohn und dessen neuer Freundin – diese Zahl schrieb Renate Brockmann an jenem Sonntagabend dreimal...

UA1 годину ago

Триста сімнадцять гривень за проїзд у маршрутці — і крапка

Зоя Дмитрівна поставила на стіл банку з-під кави, куди складала дрібні купюри на такий випадок, і порахувала ще раз. Триста...

UA1 годину ago

Сімсот грамів пекорино за тещину примху

— Соломіє, твоя тахінна паста навіть на нормальний бринзовий рулет не тягне! — голос Ганни Остапівни розітнув кухню на четвертому...

DE2 години ago

Wildhüterin Lea Brenner und der Zaun am Reviersteig 12

Die Nachricht kam um kurz nach vier auf Leas Diensthandy, zwischen zwei Regenschauern über dem Bayerischen Wald. „Kamera drei tot,...

UA3 години ago

Майстерня на Гончарній

Мене звати Роман Ткачук, мені сорок два, і я зять. Це слово в нашій родині звучить майже як вирок —...

DE5 години ago

Kein Streit am Sonntagstisch in Bad Homburg

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Kellnerin im "Kurhaus am Taunus", einem Restaurant mit Blick auf den Kurpark, wo die...

DE5 години ago

Der Werkstattschlüssel, den Bernd nie zurückgab

Renate Kessler hatte die Nummer ihres Sohnes seit Jahren nicht mehr wählen müssen — sie stand ganz oben in ihren...