DE
Wildhüterin Lea Brenner und der Zaun am Reviersteig 12
Die Nachricht kam um kurz nach vier auf Leas Diensthandy, zwischen zwei Regenschauern über dem Bayerischen Wald. „Kamera drei tot, Reviersteig, Höhe alter Forstweg.“ Lea war seit elf Tagen als Praktikantin bei der örtlichen Wildtierstation im Einsatz, betreute Fotofallen, kartierte Luchsspuren, brachte abends müde Beine zurück ins Basislager, eine umgebaute Jägerhütte mit Ofen und einem Wasserkocher, der nach jedem dritten Aufguss den Geist aufgab. „Ich schau kurz nach und bin vor der Dunkelheit zurück“, sagte sie zu ihrem Kollegen Jonas, der gerade Kaffeesatz aus einer Thermoskanne kippte. Sie packte Rucksack, Funkgerät, eine Flasche Wasser und den kleinen Seitenschneider, den sie sonst für kaputte Kameragehäuse benutzten.
Der Weg zog sich länger als gedacht. Nach knapp einer Stunde durch dichtes Unterholz hörte sie ein Geräusch, das nicht in den Wald gehörte. Kein Vogel, kein Wind. Ein Wimmern, dünn und erschöpft. Sie blieb stehen, wartete. Nichts. Dann wieder, jetzt deutlicher, aus einem Dickicht am Rand einer alten Kiesgrube. Lea schob die Zweige zur Seite.
Ein Rehkitz lag auf der Seite, ein Hinterlauf in einer Drahtschlinge gefangen, wie sie manchmal Wilderer für Kaninchen auslegen — nur dass diese hier für etwas Größeres gedacht war. Das Tier zuckte, als es sie sah, und zog nur die Schlinge enger. Über ihr im Baum krächzte eine Krähe, als wollte sie sie warnen. Lea kniete sich hin, roch feuchtes Laub und irgendwo in der Nähe kalten Rauch, als hätte jemand vor kurzem ein Feuer gelöscht.
„Ruhig“, flüsterte sie, obwohl sie wusste, dass das Tier ihre Worte nicht verstand. Der erste Schnitt misslang, der Draht war stärker als erwartet. Das Kitz riss den Lauf zurück, Lea musste die Hand zurückziehen. Zweiter Versuch. Der Draht gab langsam nach. Sie war so auf die Arbeit konzentriert, dass sie das Rascheln im Farn hinter sich nicht bemerkte. Ein letzter Schnitt — der Draht sprang auseinander. Sie zog ihn vorsichtig vom Lauf.
Das Kitz versuchte aufzustehen, die Beine knickten sofort wieder ein. Lea wusste, in der Station gab es Erstversorgung, Verbandszeug, eine Kollegin mit Tierarztausbildung. Sie beugte sich, um das Tier vorsichtig hochzuheben — da knackte ein Ast hinter ihr.
Sie erstarrte. Als sie sich umdrehte, stand keine drei Meter entfernt eine Ricke zwischen den Bäumen, die Nüstern geweitet, die Ohren nach vorn gerichtet. Die Mutter. Lea setzte das Kitz langsam zurück ins Gras, hob die leeren Hände. „Ich gehe schon“, sagte sie leise und trat rückwärts. Ein Schritt. Noch einer.
Dann bewegte sich etwas links von ihr zwischen zwei Fichten. Ein zweites Reh. Rechts raschelte es erneut — ein Bock mit kräftigem Geweih trat aus dem Gebüsch, dahinter noch zwei Jungtiere. Innerhalb von Sekunden stand Lea in einem lockeren Halbkreis aus Tieren, die sie umringten, ohne dass einer der Blicke von ihr wich. Ihr Auto stand fast hundert Meter entfernt am Waldrand; sie wusste, dass hastige Bewegungen die Lage nur verschlimmern würden. Was als Nächstes geschah, ließ sie erst Wochen später in Ruhe erzählen.
Sie blieb reglos. Die Ricke näherte sich ihrem Kitz, beschnupperte den verletzten Lauf, begann ihn abzulecken. Lea spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste. Vielleicht hatten sie verstanden, dass sie geholfen hatte. Vorsichtig setzte sie den Fuß zurück — und in diesem Moment richteten sich alle Köpfe gleichzeitig auf. Nicht zu ihr. An ihr vorbei, zum Waldweg.
Schritte. Menschliche Schritte, Äste knackten unter schweren Stiefeln. Zwei Männer traten zwischen den Bäumen hervor, einer mit einem Gewehr über der Schulter, der andere mit einer Rolle Draht — dieselbe Sorte, die Lea gerade aus dem Lauf des Kitzes geschnitten hatte. Ihr wurde eiskalt. Das Tier war nicht zufällig in verlassenen Draht geraten. Es war gestellt worden.
„Was machst du hier?“, rief der Mann mit dem Gewehr, seine Stimme kippte zwischen Wut und Panik. Lea antwortete nicht. Er hob die Waffe ein Stück. „Keine Bewegung.“ Für einen Herzschlag war ihr klar: die Rehe waren nicht die eigentliche Gefahr im Wald.
Der Bock trat vor, stieß mit dem Vorderlauf hart in den Waldboden, ein Warnschnauben, das durch die Stämme hallte. Beide Männer zuckten zusammen. „Verschwinden wir“, sagte der zweite, doch sein Begleiter zögerte eine Sekunde zu lang. Der Bock stürmte zwei, drei Schritte auf sie zu — die Männer drehten sich um und rannten, Zweige knackten wild, bis das Geräusch im Unterholz verschwand.
Lea wartete nicht ab, was danach kam. Rückwärts, Baum für Baum, bis genug Abstand zwischen ihr und den Tieren lag, dann drehte sie sich um und ging zügig zu ihrem alten Passat am Waldrand. Erst als sie die Tür verriegelt hatte, bemerkte sie, wie sehr ihre Hände zitterten. Sie griff zum Funkgerät. „Hier ist Lea, ich brauche jeden, der zuhört.“ Jonas meldete sich sofort. „Lea? Was ist passiert?“ Sie starrte durch die verregnete Windschutzscheibe zum Waldrand. „Ich habe eine Wildtierfalle gefunden. Die war nicht verlassen.“
Noch am selben Abend rückte die Polizei mit dem Forstamt an. Am Reviersteig 12 fanden sie fünf weitere Drahtschlingen, einen Werkzeugkasten und einen Kleintransporter, versteckt hinter einer alten Scheune, gemeldet auf einen Mann aus Cham. Die beiden Wilderer wurden zwei Tage später bei einer Kontrolle an der B85 festgenommen; gegen sie läuft seither ein Verfahren wegen unerlaubter Jagdausübung und Verstoßes gegen das Bundesjagdgesetz, mit einer möglichen Geldbuße im fünfstelligen Bereich.
Lea erinnerte sich an wenig von diesem Abend. Nur daran, dass sie am nächsten Morgen mit einem Förster zur Kiesgrube zurückkehrte. Der durchtrennte Draht lag noch im Gras. Das Kitz war fort. Die Ricke auch, der ganze kleine Trupp. Der Förster sah, wie sie die leere Stelle im Gras anstarrte. „Du hast dem Kitz gestern das Leben gerettet.“
Lea schüttelte den Kopf. „Nein.“ Sie blickte zu den Fichten, aus denen die Tiere aufgetaucht waren. „Ich glaube, wir haben uns gegenseitig gerettet.“
