З життя
Der Kittel, der zu groß wurde
Ich bin Krankenschwester in der geriatrischen Ambulanz eines städtischen Krankenhauses in Rosenheim, seit einundzwanzig Jahren, und wenn meine Schicht um sechs endet, rieche ich noch stundenlang nach Desinfektionsmittel, egal wie oft ich die Hände wasche. An jenem Dienstag im März hatte ich Spätdienst, draußen lag noch Schnee in den Ecken des Parkplatzes, und im Wartezimmer lief der Fernseher ohne Ton, irgendeine Kochsendung, niemand schaute hin.
Frau Hedwig Brenner kam jeden zweiten Donnerstag zur Blutabnahme, das kannte ich schon auswendig. Zweiundachtzig Jahre, kerzengerade, mit einem Mantel, der aus besseren Zeiten stammte, dunkelblau, mit Perlmuttknöpfen. Sie roch nach Kaffee und nach dem Parfüm, das ihre verstorbene Schwester ihr wohl vor Jahrzehnten geschenkt hatte – so etwas vergisst man als Krankenschwester nicht, man riecht an einem Tag zwanzig verschiedene Leben.
Diesmal kam sie nicht allein. Ihr Sohn Reinhard begleitete sie, ein Mann Ende fünfzig mit einer Aktentasche, die er nicht abstellte, nicht einmal beim Sitzen. Er sah dauernd auf die Uhr an seinem Handgelenk, eine dieser Uhren, die man nicht zum Zeitablesen kauft. Ich hatte gerade Pause und stand am Automaten, als ich ihre Unterhaltung mitbekam, wollte gar nicht lauschen, aber der Flur ist schmal und die Türen dünn.
„Mutter, du unterschreibst das jetzt, wir haben keine Zeit mehr."
„Reinhard, ich habe gesagt, ich will erst mit dem Notar sprechen."
„Der Notar hat doch schon alles geprüft. Es geht nur um die Vollmacht für das Konto, damit ich im Notfall—"
„Im Notfall. Du meinst, wenn ich nicht mehr klar denken kann."
Er antwortete nicht sofort, und in dieser Pause hörte ich das Klicken seiner Aktentasche, die er öffnete und wieder schloss.
Ich hatte damals gerade Feierabend abzeichnen wollen, mein Kittel war noch zugeknöpft, aber ich blieb einen Moment am Getränkeautomaten stehen, tat, als würde ich nach Kleingeld suchen. Man lernt das mit den Jahren – man greift nicht ein, aber man geht auch nicht einfach weiter, wenn eine alte Frau mit zitternden Händen einen Stift in der Hand hält, den ihr eigener Sohn ihr hinhält.
Frau Brenner unterschrieb an diesem Tag nichts. Sie stand auf, sagte, sie brauche frische Luft, und ging allein zur Tür hinaus, während Reinhard mit gepresstem Mund sitzen blieb und seine Aktentasche auf den Knien balancierte wie ein Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat.
Die nächsten Monate sah ich sie regelmäßig. Manchmal kam sie mit ihrer Nachbarin, einer resoluten Frau namens Ingrid, die sie „meine bessere Hälfte im Treppenhaus" nannte. Ingrid erzählte mir einmal beim Warten, während Frau Brenner drinnen war, dass Reinhard das Hausverwaltungsbüro der Familie übernommen hatte – ein kleines Mehrfamilienhaus in Rosenheim-Süd, das Hedwigs verstorbener Mann vor vierzig Jahren gebaut hatte, mit den Mieteinnahmen hatte sie ihre Rente aufgestockt. Reinhard, so Ingrid, habe angefangen, die Mieten direkt auf ein eigenes Konto umzuleiten, „zur Verwaltung", und seiner Mutter monatlich nur noch einen Teil davon zu geben, mit dem Hinweis, der Rest sei für „Instandhaltungsrücklagen".
„Sie hat mir gesagt, sie traut sich nicht, ihn zu fragen, wie viel da wirklich reinkommt", sagte Ingrid und rührte in ihrem Pappbecher Kaffee, der schon kalt war. „Sie hat Angst, dass er dann noch seltener kommt."
Ich hörte zu, sagte aber nichts – das ist nicht meine Aufgabe, ich nehme Blut ab, ich messe Blutdruck, ich bin keine Familientherapeutin. Aber ich erinnere mich, dass mich diese Geschichte den ganzen Nachhauseweg beschäftigte, während ich mit dem Fahrrad durch den Märzregen fuhr und dabei an meine eigene Mutter dachte, die in Passau lebt und die ich viel zu selten anrufe.
Im Juni kam Frau Brenner nicht zu ihrem üblichen Termin. Erst zwei Wochen später sah ich sie wieder, und sie sah anders aus – nicht kränker, eher aufgeräumter, mit einer Entschlossenheit im Gang, die ich vorher nicht kannte. Sie hatte eine dünne blaue Mappe dabei, die sie festhielt wie andere Patienten ihren Impfpass.
„Sie sehen heute gut aus, Frau Brenner", sagte ich, während ich die Manschette um ihren Arm legte.
„Ich war beim Notar", sagte sie, ohne dass ich gefragt hatte. „Und bei meiner Bank in der Innenstadt."
Sie erzählte es mir nicht im Detail, das tat sie nie, aber Ingrid, die sie diesmal wieder begleitete, konnte es sich nicht verkneifen, während Hedwig im Behandlungszimmer war, mir die Geschichte zuzuflüstern, als würde sie selbst noch nicht ganz glauben, was passiert war.
Hedwig hatte die Kontovollmacht, die sie Reinhard vor Jahren gegeben hatte, offiziell widerrufen. Sie hatte einen unabhängigen Hausverwalter beauftragt – eine Firma in der Kufsteiner Straße, die jetzt die Mieteinnahmen aus dem Mehrfamilienhaus direkt auf ihr eigenes, neu eröffnetes Konto bei der Sparkasse überweist. Und sie hatte, das war der Teil, bei dem Ingrid die Stimme senkte, eine notarielle Erklärung unterschrieben, die das Haus – geschätzter Wert knapp vierhunderttausend Euro – testamentarisch nicht mehr Reinhard allein zuspricht, sondern zu gleichen Teilen ihm und ihrer Enkelin Franziska, Reinhards eigener Tochter, mit der er seit einem Streit vor drei Jahren kaum noch sprach.
„Er ist am Dienstag vorbeigekommen, hat geklingelt und geklingelt", sagte Ingrid. „Sie hat ihm nicht aufgemacht. Ich hab's vom Küchenfenster aus gesehen. Er stand da unten auf der Straße, mit dem Handy am Ohr, wahrscheinlich hat er versucht, sie anzurufen, aber sie hatte ihr Telefon einfach ausgeschaltet auf dem Küchentisch liegen."
Als Frau Brenner aus dem Behandlungszimmer kam, hielt sie die blaue Mappe noch immer in der Hand. Ich fragte sie beim Verabschieden, mehr aus Höflichkeit als aus Neugier, ob bei ihr jetzt alles in Ordnung sei.
„Es ist mein Haus", sagte sie nur, „solange ich lebe, entscheide ich, wer davon etwas hat." Dann steckte sie die Mappe in ihre Handtasche, zog den Reißverschluss zu, und ging mit Ingrid zusammen den Flur hinunter, vorbei am Getränkeautomaten, an dem ich Monate zuvor gestanden und gelauscht hatte. Ihr Mantel mit den Perlmuttknöpfen war derselbe, aber sie trug ihn heute anders – nicht wie ein Relikt aus besseren Zeiten, sondern wie etwas, das ihr gehörte, hier und jetzt.
