З життя
Die Werkstatt in der Sonnenallee, die keiner mehr betrat
Am Montag nach dem Anschlag stand ich noch immer vor dem Rolltor, das ich seit zwölf Jahren jeden Morgen um sieben hochziehe. Mein Name ist Kerem Aydın, ich bin fünfunddreißig, und die Autowerkstatt in der Sonnenallee in Neukölln gehört mir – jedenfalls stand das bis vor drei Wochen so im Handelsregister.
Meine Schwägerin Meral hat andere Pläne gehabt. Sie ist die Schwester meiner verstorbenen Frau Derya, zweiundvierzig, Steuerberaterin mit eigenem Büro am Hermannplatz, und seit Deryas Tod vor anderthalb Jahren behandelt sie mich, als hätte ich mit dem Krebs meiner Frau auch mein Recht auf die eigene Existenz verloren. Ich gebe zu: Ich war in diesem letzten Jahr nicht der Mann, der pünktlich Rechnungen sortiert. Ich habe Termine verschoben, zweimal die Miete zu spät überwiesen, einmal drei Tage lang das Telefon nicht abgenommen, weil ich in Deryas altem Bademantel auf dem Küchenboden gesessen und nicht gewusst habe, wie man weiteratmet. Meral hat das gesehen. Und Meral hat gehandelt – nur nicht so, wie ich es erwartet hätte.
Sie hatte, wie sich herausstellte, seit Jahren eine notarielle Vollmacht, die Derya ihr in gesünderen Zeiten gegeben hatte, "für den Fall der Fälle", eine Absicherung unter Schwestern. Meral hat diese Vollmacht nach Deryas Tod nicht gelöscht. Und vor drei Wochen, während ich mit unserem gemeinsamen Sohn Elyas, neun Jahre alt, bei meiner Cousine in Hamburg war, ist sie mit dieser Vollmacht zum Notar in der Karl-Marx-Straße gegangen und hat die Werkstatt auf sich überschreiben lassen. Vierhunderttausend Euro Firmenwert, zwei Angestellte, mein Vater hatte den Laden 1988 aufgemacht. Alles jetzt auf ihrem Papier.
Ich habe es erst gemerkt, als mein Geselle Timo mich anrief und fragte, warum eine fremde Frau mit einem Aktenordner in der Werkstatt stand und die Kundenkartei durchging.
An dem Samstag, an dem ich zum ersten Mal seit dem Schock wieder ruhig schlafen wollte, saß ich stattdessen um Mitternacht am Küchentisch und hörte im Radio die Meldung aus Berlin: ein Lieferwagen war in die Christopher-Street-Day-Parade gefahren, eine Frau war tot, sechzehn Verletzte, elf davon schwer, es gab Hinweise auf Personen, die mit Messern auf Menschen losgegangen waren. Ein iranischer Staatsangehöriger war als mutmaßlicher Mitfahrer festgenommen worden, nach dem Fahrer wurde noch gesucht. Ich kannte niemanden dort, keine der Nachrichten betraf mich direkt – und trotzdem saß ich da und dachte an nichts anderes als daran, wie schnell einem alles genommen werden kann, was man für sicher gehalten hat. Ein Gebäude, eine Straße, ein Leben, das man am Vortag noch für selbstverständlich hielt. Bei mir war es keine Gewalt von außen gewesen. Es war eine Unterschrift.
Am Sonntag rief ich Meral an. Sie ging beim vierten Klingeln ran, mit der Ruhe einer Frau, die im Recht zu sein glaubt.
"Du hast die Werkstatt nicht mehr führen können, Kerem. Du warst ein Jahr lang nicht ansprechbar. Ich habe für Elyas gehandelt, damit da wenigstens etwas Vernünftiges übrig bleibt, wenn du dich nicht fängst."
"Für Elyas?", habe ich gefragt. "Elyas hat nach dir nicht gefragt, Meral. Der Junge hat nach mir gefragt, jeden Abend, ob ich mit ihm Fußball gucke. Das habe ich gemacht. Trauer und Unfähigkeit sind zwei verschiedene Dinge."
Sie hat aufgelegt.
Ich habe zwei Tage gebraucht, um zu begreifen, dass ich nicht wütend schreien musste, um mein Eigentum zurückzubekommen. Ich habe Rechtsanwältin Frau Dr. Selin Bozkurt aus der Kanzlei am Kottbusser Damm angerufen, mit der ich schon wegen des Mietvertrags der Werkstatt zu tun hatte. Sie hat mir erklärt, was ich vorher nicht wusste: Eine Vorsorgevollmacht erlischt nicht automatisch mit dem Tod der vollmachtgebenden Person, wenn sie transmortal ausgestellt ist – aber sie darf nur im Sinne dessen genutzt werden, was Derya gewollt hätte, und niemals, um Vermögen an die Bevollmächtigte selbst zu übertragen. Das war ein klarer Fall von Missbrauch, dazu noch mit einem gefälschten Zusatz zur Vollmacht, den ein Grafologe binnen einer Woche als nachträglich eingefügt entlarvte.
Vier Wochen später saßen wir uns im Amtsgericht Neukölln gegenüber. Ich hatte den Werkstattschlüssel, den echten, der seit Jahrzehnten an unserem Familienbund hing, in der Jackentasche, als hätte ich ihn zum Beweis mitgebracht, dass ich derjenige war, der jeden Morgen dieses Tor aufschließt. Meral saß da im grauen Kostüm, die Aktenmappe vor sich, und sah zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr aus wie jemand, der im Recht ist.
Der Richter erklärte die Vollmacht wegen der nachträglichen Änderung für unwirksam, ordnete die Rückübertragung der Werkstatt auf meinen Namen an und verwies den Betrugsvorwurf zur Anklageprüfung an die Staatsanwaltschaft. Meral wurde zusätzlich verpflichtet, die Notarkosten von knapp zweitausendzweihundert Euro zu erstatten.
Am nächsten Morgen, einem Dienstag, stand ich wieder um sieben vor dem Rolltor in der Sonnenallee, den Geruch von Motoröl und dem türkischen Bäcker von gegenüber in der Nase, und zog es selbst hoch. Timo brachte mir den Kaffee, den er sonst mir überließ zu holen, ohne ein Wort dazu zu sagen. Ich rief bei der IHK an und ließ den Handelsregistereintrag korrigieren, dann bei der Bank, um Merals Zugriff auf das Geschäftskonto zu sperren, und schließlich beim Notar, um eine neue, enger gefasste Vollmacht für den Ernstfall zu hinterlegen – diesmal mit Elyas' Patentante als Kontrollperson, nicht mit Meral. Am Mittag stand Elyas nach der Schule vor der Werkstatt, warf seinen Ranzen auf den alten Bürostuhl meines Vaters und fragte, ob er beim Ölwechsel zugucken dürfe. Ich sagte ja.
