З життя
Zwei Leben der Hannelore Brenninger
Die Diagnose kam an einem Dienstag im März, zwischen der Frühstückspause und dem Mittagessen im Seniorenheim "Am Lindenpark" in Regensburg. Prostatakrebs, sagte der Arzt zu ihrem Mann Rudi, Stadium zwei, gut behandelbar. Hannelore saß daneben und zählte die Fliesen an der Wand des Sprechzimmers – neunundvierzig, hellgrau, mit einem Sprung in der dritten Reihe von oben. Sie war zweiundsechzig, hatte vierunddreißig Jahre lang in der Näherei einer Textilfabrik gearbeitet, und in diesem Moment begriff sie, dass ihr Leben in zwei Hälften zerfallen würde: davor und danach.
Rudi überlebte. Die Bestrahlung schlug an, die Werte normalisierten sich, im November feierten sie mit Bratwurst und einer Flasche Frankenwein, die noch aus seinem Elternhaus in Cham stammte. Aber etwas war geblieben – nicht die Krankheit, sondern der Riss, den sie hinterlassen hatte. Hannelore merkte es zuerst an den Handgelenken. Sie hatte jahrzehntelang die Nähmaschine bedient, Reißverschlüsse eingesetzt, Säume gesteckt, und jetzt, mit der Rente vor der Tür, spürte sie ein Ziehen, das nicht mehr weggehen wollte.
Ihre Tochter Sabine, achtunddreißig, Steuerberaterin in Nürnberg, rief jeden Sonntag um achtzehn Uhr an, pünktlich wie eine Kirchturmuhr. "Mama, du musst dich schonen", sagte sie dann, während im Hintergrund ihre eigenen zwei Kinder stritten. Schonen. Als wäre das ganze restliche Leben nur noch ein Warten auf etwas, das man vorsichtig behandeln muss, wie ein angeschlagenes Porzellanservice, das man in Zeitungspapier einwickelt und in den Schrank stellt.
Hannelore stellte sich nicht in den Schrank.
Am Tag ihrer letzten Schicht in der Fabrik – sie hatte extra bis zum offiziellen Renteneintrittsalter durchgehalten, obwohl der Betriebsrat ihr schon zwei Jahre vorher einen Aufhebungsvertrag angeboten hatte – räumte sie ihren Spind aus. Darin lag eine Schere mit abgewetztem Griff, ein Foto ihrer Enkelin beim ersten Schultag, und ein Zettel, auf dem sie sich vor Jahren notiert hatte: "Irgendwann Aquarellkurs." Der Zettel war vergilbt. Sie steckte ihn in die Manteltasche.
Zu Hause, in der Dreizimmerwohnung in der Prüfeninger Straße, roch es nach dem Gulasch, das Rudi vom Vortag aufgewärmt hatte, und aus dem Fernsehflimmern der Nachbarin nebenan drang gedämpft eine Volksmusiksendung. Der Hund der Nachbarin, ein alter Dackel namens Rambo, bellte wie jeden Abend um Punkt achtzehn Uhr dreißig den Müllwagen an, obwohl der schon lange weg war. Hannelore setzte sich an den Küchentisch, strich den Zettel glatt und googelte auf dem Tablet, das ihr Enkel ihr zu Weihnachten eingerichtet hatte, die Volkshochschule Regensburg.
Der Kurs kostete achtundvierzig Euro für zehn Termine, dienstags von neunzehn bis einundzwanzig Uhr. Rudi schaute von seiner Zeitung auf. "Aquarell? Du kannst doch nicht mal eine Wand streichen, ohne zu kleckern."
"Genau deswegen", sagte sie und meldete sich an, während er noch den Kopf schüttelte.
Sabine reagierte anders, härter. Beim nächsten Sonntagstelefonat hörte Hannelore erst das übliche: Zucker kontrollieren, Blutdruck messen, nicht zu viel Treppen steigen. Dann erzählte sie vom Kurs. Stille in der Leitung, dann: "Mama, ehrlich, ist das jetzt wichtig? Papa ist gerade erst durch die Chemo, ihr solltet zusammenhalten, nicht dass du jetzt anfängst, dein eigenes Ding zu machen."
"Ich mache seit vierunddreißig Jahren mein eigenes Ding, Sabine. Ich habe es nur Arbeit genannt."
Der erste Kursabend war eine Katastrophe. Das Papier saugte die Farbe falsch auf, ihr Himmel wurde zu einem grauen Fleck, die Kursleiterin, eine resolute Frau namens Frau Dolinski mit lila gefärbten Strähnen, sagte nur: "Aquarell verzeiht nichts. Genau deswegen liebe ich es." Hannelore fuhr mit dem Bus nach Hause, die Finger noch blau-grün verschmiert, und lachte allein auf dem Rücksitz, so laut, dass der Busfahrer im Rückspiegel nachschaute.
Die Wochen zogen ins Land. Rudi erholte sich weiter, wurde aber vorsichtiger, ängstlicher – er maß seinen Puls dreimal täglich, las im Internet über Rezidive, bis Hannelore ihm das Tablet irgendwann wegnahm. "Du lebst schon wieder wie vor der Diagnose, nur dass die Angst jetzt einen Namen hat", sagte sie. Er schwieg, aber am nächsten Tag ging er zum ersten Mal seit einem Jahr wieder mit ihr zum Donauufer spazieren, ohne die Pulsuhr.
Der Bruch kam im Mai, an Sabines vierzigstem Geburtstag, den die Familie im Garten des Elternhauses in Cham feierte, unter der alten Kastanie, die Rudis Vater gepflanzt hatte. Hannelore hatte für die Feier freigenommen – vom Aquarellkurs, denn parallel hatte sie inzwischen auch angefangen, samstags in einem kleinen Atelier in der Altstadt Bilder zu verkaufen, drei Stück bereits, für je fünfunddreißig Euro, an Touristen, die die Steinerne Brücke gemalt haben wollten. Sie erzählte es beim Kaffee, stolz, mit Sahnetorte in der Hand.
Sabine stellte ihre Tasse so hart ab, dass der Löffel klirrte. "Du verkaufst Bilder? Mama, du bist zweiundsechzig, Papa hatte Krebs, und du spielst hier Künstlerin? Was soll das? Willst du uns zeigen, dass dir egal ist, was in dieser Familie passiert?"
Es wurde laut. Rudi versuchte zu schlichten, aber Hannelore stand auf, die Serviette noch in der Hand, und sagte etwas, das sie seit Wochen in sich getragen hatte, ohne es auszusprechen: "Ich habe vierunddreißig Jahre lang für euch alle funktioniert. Für die Fabrik, für Papa, für dich, für die Enkel. Ich habe nie gefragt, ob es mir erlaubt ist, etwas für mich zu wollen. Jetzt frage ich niemanden mehr."
Sie fuhr an diesem Abend allein mit dem Zug zurück nach Regensburg, während Rudi bei Sabine blieb, um die Wogen zu glätten. Am Fenster des Regionalzugs zog die Oberpfälzer Landschaft vorbei, Rapsfelder in sattem Gelb, ein Reh am Waldrand, das kurz aufblickte und weiterfraß. Sie holte ihr kleines Skizzenheft heraus und zeichnete das Reh aus dem Gedächtnis, mit einem Kugelschreiber, weil die Aquarellfarben zu Hause geblieben waren.
Zwei Wochen später rief Sabine wieder an, diesmal nicht sonntags, sondern an einem Mittwochabend. Ihre Stimme klang anders, dünner. "Mama, ich hab nachgedacht. Ich glaube, ich hatte Angst, dass ich dich verliere, so wie wir fast Papa verloren hätten. Wenn du auf einmal dein eigenes Leben machst, fühlt sich das an, als würdest du dich schon verabschieden."
Hannelore stand in der Küche, die Türklinke der Balkontür noch in der Hand, und schwieg einen Moment. Dann sagte sie: "Ich verabschiede mich nicht. Ich komme erst richtig an."
Im Herbst desselben Jahres eröffnete Hannelore mit zwei anderen Frauen aus dem Kurs einen kleinen Stand auf dem Regensburger Weihnachtsmarkt in der Schlossglocke, direkt vor dem Dom. Sie verkauften handgemalte Postkarten, Aquarelle in kleinen Rahmen, dreizehn Euro das Stück. Am dritten Advent kam Sabine mit ihren Kindern vorbei, kaufte drei Karten, ohne ein Wort über Preis oder Sinn zu verlieren, und ihre Tochter, die Sechsjährige, zeigte auf ein Bild der Steinernen Brücke im Schnee und sagte: "Das hat die Oma gemalt, das kauf ich mit meinem eigenen Geld."
Hannelore steckte den Fünf-Euro-Schein und die zwei Zwei-Euro-Münzen ihrer Enkelin in eine kleine Blechkasse, die früher Bonbons enthalten hatte, und reichte ihr die Karte über den Tisch. Der Wind trug Glühweinduft und das Läuten der Domglocken über den Platz. Rudi stand ein paar Schritte entfernt, die Pulsuhr längst zu Hause vergessen, und hielt zwei Becher Punsch, einen für sich, einen für sie.
