З життя
Der Kühlschrank von Frau Brandt
Ich fahre seit sechzehn Jahren durch Duisburg mit meinem Kastenwagen, auf dem "Heizung-Sanitär Kowalski" steht — mein Name ist aber Jonas Reinke, ich habe den Betrieb vor vier Jahren übernommen, als der alte Kowalski in Rente ging. Zum Firmennamen hatte ich damals keine Lust auf Streit mit dem Schriftenmaler, also blieb er einfach. Ich erzähle das hier nicht, weil ich etwas Besonderes wäre. Ich habe an diesem Mittwoch im Oktober nur zufällig eine Wohnungstür geöffnet bekommen, die ich seitdem nicht vergessen habe.
Der Auftrag kam über die Hausverwaltung Meurer, die halbe Duisburger Nordstadt gehört denen inzwischen — Altbauten, dritter Stock, kein Aufzug. Verstopfter Abfluss, Küchenspüle, dritter Stock links. Ich habe die Adresse in mein Navi getippt und dachte an nichts weiter als daran, dass ich um halb vier noch zum Baumarkt in Meiderich musste, weil mir die Dichtungsringe ausgegangen waren.
Frau Brandt öffnete mir in einem geblümten Morgenmantel, obwohl es früher Nachmittag war. Die Wohnung roch nach Kernseife und kaltem Kaffee. Im Flur hing ein Kalender von der Sparkasse, noch von 2023, an der Wand daneben ein Hochzeitsfoto in Schwarzweiß. Sonst: nichts. Keine Zeitschriften auf dem Tisch, kein Radio, das irgendwo leise lief. Nur eine Standuhr im Wohnzimmer, die viel zu laut tickte für so eine kleine Wohnung.
"Entschuldigen Sie die Unordnung", sagte sie, als sie mich in die Küche führte. Da stand ein einziger Teller in der Spüle. Sonst war alles blitzblank. Ich kniete mich unter das Spülbecken, das Rohr war durchgerostet, ein Klassiker bei den alten Leitungen aus den Sechzigern. Während ich den Schrank unter der Spüle öffnete, um an die Verschraubung zu kommen, fiel mir auf: kein Spülmittel, kein Ersatzschwamm, keine Müllbeutel. Ein leeres Fach, mit einer alten Ausgabe der Rheinischen Post ausgelegt, als Unterlage für etwas, das gar nicht mehr da war.
Ich tauschte das Rohrstück, zog die Verschraubung an, ließ das Wasser laufen. Kein Tropfen mehr. "Fertig", sagte ich. Sie bedankte sich, fast zu höflich, mit einem kleinen Knicks, den man sonst nur bei Menschen sieht, die aus einer anderen Zeit stammen.
Ich packte mein Werkzeug zusammen. Sie fragte, ob ich einen Kaffee wolle. Ich lehnte ab, ich hatte noch drei Termine. Dann fragte sie, ob wenigstens ein Glas Wasser sein dürfe, und diesmal sagte ich ja — mehr aus Höflichkeit als aus Durst.
Sie ging zum Kühlschrank. Und als die Tür aufging, sah ich hinein, ohne dass ich es wollte. Eine angebrochene Packung H-Milch. Ein Glas Senf. Zwei Scheiben Käse in Frischhaltefolie, schon an den Rändern trocken. Das war alles. Kein Gemüse, kein Obst, keine Reste von einem Mittagessen, nichts, was nach einem Abendessen aussah.
Sie bemerkte, dass ich hinsah. "Einkaufstag ist erst Freitag", sagte sie schnell, fast entschuldigend, so als müsste sie sich dafür rechtfertigen, dass ihr Kühlschrank leer war. Ich nickte nur. "Alles klar."
Sie füllte mir das Glas mit zitternden Händen, setzte sich dann an den kleinen Küchentisch mit der Wachstuchdecke. Ich reichte ihr die Rechnung. Hundertfünfzig Euro, Material und Anfahrt inklusive, das war eigentlich noch günstig gerechnet, weil ich das Ersatzteil zufällig noch im Wagen hatte.
Sie schaute auf die Zahl. Öffnete ihre Handtasche, zog ein kleines Portemonnaie mit Druckknopf heraus und begann, Münzen auf den Tisch zu zählen. Fünfzig Cent. Ein Euro. Zwanzig Cent. Sie legte sie in Reihen, wie kleine Türmchen, ordentlich sortiert nach Größe.
"Ich hab noch Scheine im Schlafzimmer", sagte sie. "Lassen Sie sich Zeit", sagte ich. "Ich kann bezahlen", sagte sie noch einmal, als hätte ich das Gegenteil behauptet. Auf dem Tisch lagen vielleicht acht Euro in Kleingeld. Daneben die Rechnung über hundertfünfzig.
Dann hielt sie inne, sah auf ihre Hände. "Die Rente kommt am Ersten." Heute war der Fünfzehnte.
Ich stand da mit meinem Werkzeugkoffer und dachte an gar nichts Vernünftiges mehr. Nur an den leeren Kühlschrank, die Münztürmchen, den Satz "Ich kann bezahlen", der so klang, als ginge es ihr eigentlich nur um eines: dass ich nicht dachte, sie sei eine Bittstellerin.
"Wissen Sie was", sagte ich, "ich muss noch mal zum Wagen, ich hab da glaub ich das falsche Teil eingebaut." "Aber es funktioniert doch", sagte sie. "Ich weiß. Trotzdem." Ich nahm meinen Koffer und ging.
Ich bin nicht zum Baumarkt gefahren. Ich bin zum Rewe an der Ecke Kremerstraße gefahren, wo ich sonst nur Kaffee und Frikadellen zum Aufwärmen hole. Ich stand kurz im Auto, dachte an die Münzen, an die zwei trockenen Scheiben Käse, an ihre Stimme.
Drinnen kaufte ich Hähnchenbrust, eine Dose Suppe, Brot, Eier, Haferflocken, Äpfel, Tiefkühlgemüse, Kaffee, Milch, Cornflakes und ein kleines Päckchen Butterkekse. Nichts Besonderes, nur Dinge, die eine Frau in ihrem Alter leicht aufwärmen oder aufschneiden konnte, die ein paar Tage reichen würden. An der Kasse zeigte das Display hundertvierzig Euro. Ich zahlte mit meiner eigenen EC-Karte, nicht über die Firma.
Als Frau Brandt die Tür wieder öffnete, sah sie überrascht aus. "Sie waren aber lange weg." "Stau auf der Ruhrorter", sagte ich. Ihr Blick fiel auf die Tüten. "Was ist denn das?" "Das Ersatzteil", sagte ich. Sie lachte, zum ersten Mal an diesem Nachmittag — ein kurzes, verblüfftes Lachen. "Sie Klempner habt aber merkwürdige Ersatzteile."
Ich trug alles in die Küche, Tüte für Tüte, sie folgte mir schweigend. Dann öffnete ich ihren Kühlschrank und räumte ein: Hähnchen, Milch, Eier, Obst, Gemüse, Suppe, Brot. Richtiges Essen. Als ich die Tür schloss, stand sie einfach da und sah darauf.
"Das hätten Sie nicht tun sollen", sagte sie und hielt sich die Hand vor den Mund. "Ich weiß." "Das kann ich Ihnen nicht bezahlen." "Müssen Sie auch nicht." Sie schüttelte den Kopf, ihre Augen wurden feucht. "Ich mag es nicht, jemandem zur Last zu fallen." Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte. "Frau Brandt. Sie fallen niemandem zur Last."
Sie sah zum Regal mit dem Hochzeitsfoto hinüber. "Mein Mann hat sich immer um so was gekümmert." Ihre Stimme wurde leiser. "Er ist vor drei Jahren gestorben." Ich sagte nichts dazu. Es gab nichts zu sagen. Sie wischte sich mit dem Ärmel des Morgenmantels über die Wange. "Ich kaufe manchmal immer noch für zwei ein." Dieser Satz traf mich mehr als alles andere an diesem Tag. Trauer meldet sich eben nicht immer laut. Manchmal sieht sie aus wie zwei gedeckte Teller. Manchmal wie zu viel gekauftes Brot. Manchmal steht man einfach vor einem Kühlschrank und merkt, dass da nur noch ein Mensch übrig ist, für den man kochen muss.
Sie sah auf die vollen Fächer. "Mir war gar nicht klar, wie leer es hier drin geworden war." Ich wusste, sie meinte nicht den Kühlschrank.
Ich bin kurz danach gegangen. An der Wohnungstür rief sie mir noch hinterher: "Warten Sie." Sie hielt mir eine kleine Papiertüte hin, mit einem der Kekse darin. "Sie haben was vergessen." Ich nahm ihn, lächelte kurz und sagte: "Fair genug." Sie blieb in der Tür stehen, bis mein Wagen um die Ecke bog.
Das war vor drei Wochen. Ich habe seitdem noch zweimal bei ihr vorbeigeschaut — offiziell wegen der Dichtung am Wasserhahn, die ich beim ersten Mal angeblich übersehen hatte. Beim letzten Mal saß eine Nachbarin bei ihr am Küchentisch, eine Frau namens Ingrid aus dem zweiten Stock, die ich vorher nie gesehen hatte. Sie hatten beide Kaffee vor sich stehen und redeten über den Wochenmarkt am Sonntag.
Ich habe der Hausverwaltung Meurer erzählt, es gäbe da eine Mieterin, bei der man vielleicht mal nachfragen sollte, ob sie Anspruch auf die Grundsicherung im Alter hat — das Sozialamt an der Friedrich-Wilhelm-Straße macht dazu Beratungstermine, kostenlos, dienstags und donnerstags. Ob Frau Brandt da hingegangen ist, weiß ich nicht. Das ist auch nicht mehr meine Aufgabe. Ich habe nur eine Leitung repariert und danach zufällig in einen Kühlschrank geschaut, den eigentlich niemand außer ihr hätte sehen sollen. Den Rest hat sie sich selbst geholt: eine Nachbarin am Tisch, einen Termin beim Sozialamt, einen Grund, wieder für zwei Teller zu decken — nicht aus Trauer diesmal, sondern weil tatsächlich jemand mitisst.
