Connect with us

З життя

Der Orchideengarten meines Schwiegervaters kostet mich jetzt vierhundertzwanzig Euro im Monat

Published

on

Ich heiße Jonas Wiechert, ich bin achtunddreißig, ich bin Elektriker in Lemgo, und ich erzähle das hier zum ersten Mal so, wie es wirklich war – nicht so, wie meine Schwiegermutter es allen im Ort erzählt hat.

Angefangen hat alles mit den Bäumen. Mein Schwiegervater, Herbert, hatte ein Grundstück am Ortsrand, direkt an der Landstraße nach Detmold, mit einem alten Bauernhaus und einem Garten voller Apfelbäume. Jahrelang hat er dort Orchideen an die Stämme gebunden, mit dünner Kokosschnur, ganz vorsichtig, damit die Rinde nicht verletzt wird. Jedes Jahr ein paar mehr. Als er starb – Herzinfarkt, mitten beim Rasenmähen, im Mai vor zwei Jahren – hingen an die dreihundert Orchideen an den Bäumen. Autofahrer hielten am Straßenrand, um Fotos zu machen. Die Lokalzeitung hatte sogar mal einen Artikel darüber gebracht: "Der Blumenmann von Lemgo."

Und dann kam das Testament. Herbert hatte das Grundstück mir überschrieben – nicht seiner Tochter Silke, mit der ich zwölf Jahre verheiratet bin, sondern mir direkt, weil ich ihm beim Umbau der Scheune geholfen hatte und weil er, wie der Notar sagte, "Vertrauen in meine Hände" hatte. Meine Schwiegermutter, Renate, hat das nie verwunden. Für sie war das Grundstück "Familienbesitz", auch wenn rechtlich alles sauber war.

Ich muss zugeben: Ich habe nicht sofort verstanden, worauf ich mich einlasse. Ich dachte, ein Haus, ein Garten, ein paar Blumen dran – kein Problem. Aber die Orchideen brauchen mehr als man denkt. Manche vertragen keinen Frost, andere müssen im Winter reingeholt werden, wieder andere brauchen genau die richtige Feuchtigkeit an der Rinde. Ich habe einen Gärtner aus Bielefeld angeheuert, der zweimal im Monat vorbeikommt und nach den Pflanzen schaut. Dazu Dünger, spezielle Netze gegen Frost, und im letzten Winter musste ich sogar eine kleine Heizmatte für die empfindlichsten Sorten kaufen. Macht zusammen im Schnitt vierhundertzwanzig Euro im Monat, manchmal mehr.

Renate hat angefangen, jeden Sonntag vorbeizukommen. Erst mit Kaffee und Kuchen, "um nach den Blumen zu schauen", wie sie sagte. Dann fing sie an, Dinge zu kommentieren. Dass ich die Netze falsch gespannt hätte. Dass Herbert das anders gemacht hätte. Dass eine bestimmte Phalaenopsis-Sorte, die er selbst aus einem Ableger gezogen hatte, "kränkelt", seit ich das Grundstück übernommen habe. Einmal stand sie im Regen vor dem großen Apfelbaum am Zaun und hat laut zu sich selbst gesagt, dass ihr Mann sich im Grab umdrehen würde. Ich stand am Küchenfenster mit einer Tasse Kaffee in der Hand und habe zugesehen, wie das Wasser von ihrem Regenschirm auf die Kokosschnur tropfte, mit der Herbert vor sieben Jahren die erste Orchidee dort festgebunden hatte.

Ich will nicht behaupten, ich sei nur das Opfer gewesen. Ich habe auch Fehler gemacht. Nach Herberts Tod habe ich zwei Monate lang gar nichts an den Bäumen gemacht – ich war mit der Beerdigung, mit Silkes Trauer, mit meinem eigenen Job beschäftigt, und drei Orchideen sind mir eingegangen, einfach weil ich nicht rechtzeitig gegossen hatte. Als Renate das gesehen hat, war das für sie der Beweis, dass ich "es nicht ernst nehme". Dabei hatte ich in dem Moment einfach keine Kraft mehr, mich um Blumen zu kümmern, während ich meinen eigenen Schwiegervater begraben hatte.

Der Bruch kam im August. Renate hatte, ohne mit mir zu sprechen, einen eigenen Schlüssel für das Gartentor nachmachen lassen – bei einem Schlüsseldienst in der Fußgängerzone, wie ich später über die Quittung erfahren habe, die sie in ihrer Handtasche liegen ließ, als sie bei uns zum Essen war. Sie kam jetzt auch unter der Woche, wenn Silke und ich arbeiteten, und hat angefangen, selbst an den Pflanzen herumzuschneiden, Wasser zu geben, wie sie es für richtig hielt. Eines Nachmittags kam ich früher von einer Baustelle zurück und fand sie auf einer Leiter, wie sie eine Orchidee, die der Gärtner extra mit einem Spanngurt gegen den Wind gesichert hatte, an einen anderen Ast umband – "weil Herbert sie immer da hatte, nicht dort, wo dein Gärtner sie hingehängt hat."

In dem Moment ist mir klargeworden: Es ging ihr nicht um die Blumen. Es ging darum, dass sie nicht ertragen konnte, dass das Grundstück, an dem ihr ganzes Eheleben mit Herbert hing, jetzt auf meinem Namen stand und nicht auf dem ihrer Tochter.

Ich habe sie an dem Tag nicht angeschrien. Ich bin runter von der Baustellenklamotte, habe die Leiter festgehalten, damit sie nicht fällt, und dann gesagt, sie solle bitte absteigen, wir müssten reden. Sie hat mir vorgeworfen, ich würde sie "aus dem Haus ihres eigenen Mannes verjagen". Ich habe geantwortet, dass es rechtlich nie ihr Haus war, sondern immer Herberts, und dass er es mir überschrieben hat, mit klarem Kopf, beim Notar, mit Silke als Zeugin. Sie ist an dem Abend weinend gegangen und hat drei Wochen nicht mit uns geredet. Silke stand zwischen uns, hat versucht zu vermitteln, hat mir aber auch gesagt, dass sie versteht, dass ihre Mutter leidet.

Die Lösung kam nicht durch ein großes Gespräch, sondern durch einen Termin bei unserem Notar in Detmold, Anfang September. Ich habe Renate eingeladen, mitzukommen – nicht um sie zu demütigen, sondern weil ich wollte, dass sie es aus erster Hand hört und nicht mehr im Zweifel ist. Der Notar hat ihr ruhig erklärt, dass das Grundstück und alles, was darauf wächst, rechtlich mir gehört, dass sie kein Zugangsrecht hat, das nicht ausdrücklich von mir eingeräumt wird, und dass ein nachgemachter Schlüssel ohne meine Zustimmung problematisch werden könnte. Ich habe daraufhin, direkt am Tisch, mit ihr eine Vereinbarung unterschrieben: Sie darf jeden zweiten Sonntag von zehn bis zwölf Uhr kommen, um nach den Orchideen zu sehen, gemeinsam mit dem Gärtner, aber sie darf nichts mehr eigenmächtig umbinden oder umsetzen. Ihren nachgemachten Schlüssel habe ich noch am selben Tag von ihr verlangt und das alte Schloss am Tor gegen ein neues ausgetauscht, das der Schlüsseldienst aus Lemgo mir noch am Nachmittag eingebaut hat.

Renate hat das Papier unterschrieben, mit zitternder Hand, ohne mich anzusehen. Als wir rausgingen, hat sie zu Silke gesagt, sie fühle sich "wie eine Fremde im eigenen Leben behandelt". Ich habe nichts gesagt. Ich habe nur den neuen Schlüssel in meine Jackentasche gesteckt, den einzigen, den es jetzt noch gibt, außer meinem eigenen.

Zwei Sonntage später ist sie tatsächlich gekommen, pünktlich um zehn, mit einer Thermoskanne Kaffee, hat sich neben den Gärtner gestellt und ihm zugesehen, ohne selbst Hand anzulegen. Um zwölf ist sie wieder gegangen, hat sich an der Tür kurz umgedreht und gesagt: "Die rosa Phalaenopsis am dritten Baum blüht wieder." Ich habe nur genickt und die Gartentür hinter ihr abgeschlossen.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

дев'ятнадцять − 15 =

Також цікаво:

З життя5 секунд ago

Der Orchideengarten meines Schwiegervaters kostet mich jetzt vierhundertzwanzig Euro im Monat

Ich heiße Jonas Wiechert, ich bin achtunddreißig, ich bin Elektriker in Lemgo, und ich erzähle das hier zum ersten Mal...

DE27 хвилин ago

Der Kühlschrank von Frau Brandt

Ich fahre seit sechzehn Jahren durch Duisburg mit meinem Kastenwagen, auf dem "Heizung-Sanitär Kowalski" steht — mein Name ist aber...

DE1 годину ago

Die Werkstatt in der Sonnenallee, die keiner mehr betrat

Am Montag nach dem Anschlag stand ich noch immer vor dem Rolltor, das ich seit zwölf Jahren jeden Morgen um...

UA3 години ago

Мій рахунок за квартиру діда

Мене звали Тарас Ковальчук, мені було дев'ятнадцять, коли я дізнався, що батьки тихенько зняли з мого рахунку сто двадцять тисяч...

UA3 години ago

Троянда за вісім гривень на цвинтарі

Я замовила панахиду по Мирославу за тиждень до річниці й попередила дітей за місяць — щоб точно не забули, щоб...

DE4 години ago

Zwei Leben der Hannelore Brenninger

Die Diagnose kam an einem Dienstag im März, zwischen der Frühstückspause und dem Mittagessen im Seniorenheim "Am Lindenpark" in Regensburg....

DE4 години ago

Werkstatt Bergmann bleibt zu

Mein Vater hat vierunddreißig Jahre lang jeden Kolben in dieser Werkstatt selbst in der Hand gehabt. Ich, Kevin Bergmann, sechsundvierzig,...

DE4 години ago

Der Gesellschafterausschuss der Neumann Präzisionstechnik GmbH

Ich heiße Thomas Vogt, ich bin achtundfünfzig, und seit einundzwanzig Jahren führe ich zusammen mit meiner Schwägerin Renate Böhm die...