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Die Werkstatt nach Onkel Heinz
Marlene Sobotka führte seit elf Jahren die Buchhaltung in der Autowerkstatt an der Frankfurter Allee, derselben, die ihr Onkel Heinz noch in den Neunzigern eröffnet hatte. Drei Hebebühnen, eine Grube, ein Kompressor, der ratterte wie ein alter Trecker, und ein Schild über dem Eingang: "Kfz-Werkstatt H. Sobotka". Der Onkel war im März gestorben, zwei Tage nachdem Marlene ihm Grippemittel aus der Apotheke an der Ecke gebracht hatte.
Ein Testament gab es nicht. Beziehungsweise – es gab wohl eines, aber niemand fand es, weil Heinz seine Papiere einfach irgendwo liegen ließ. Der Nachlassanwalt, Herr Brenninger, sagte ihr das bei einem Kaffee in seiner Kanzlei in Lichtenberg ganz unumwunden: Da der Onkel weder Kinder noch Ehefrau hatte, erbten die Geschwister, und nach den Geschwistern deren Kinder. Marlenes Vater, Heinz' Bruder, war schon lange tot. Blieben also sie und ihr Cousin Kevin, der Sohn der anderen Schwester des Onkels.
Kevin erschien zur Beerdigung in einem Anzug, den Marlene noch nie an ihm gesehen hatte. Am Grab drückte er ihr die Hand und meinte, man müsse sich zusammensetzen und das irgendwie vernünftig regeln. Drei Wochen später kam ein Schreiben vom Notar aus Friedrichshain: Kevin hatte einen Antrag auf Erbauseinandersetzung gestellt und wollte die Werkstatt komplett übernehmen, Marlene mit fünfzehntausend Euro in bar auszahlen. Vorsichtig geschätzt war die Werkstatt fast sechshunderttausend Euro wert.
Sie rief ihn noch am selben Abend an. Er ging beim vierten Klingeln ran, im Hintergrund lief der Fernseher.
„Fünfzehntausend, Kevin? Für die halbe Werkstatt?"
„Marlene, komm schon. Du machst da die Buchhaltung, hast doch woanders deinen Job, musst dich um das Ganze gar nicht kümmern. Ich kenn mich damit aus, hab den Kurs gemacht …"
„Den Schweißkurs letztes Jahr. Das ist nicht dasselbe wie eine Firma zu führen."
„Der Onkel hätte gewollt, dass jemand aus der Familie das weiterführt, der Ahnung von Mechanik hat."
„Ich arbeite da seit elf Jahren, Kevin. Ich kenne jeden Kunden mit Vornamen."
Er schwieg kurz, sagte dann, er müsse auflegen, weil ihm gerade was auf der Pfanne anbrenne, und legte auf.
Sie rief kein zweites Mal an. Stattdessen fuhr sie am nächsten Tag nach der Arbeit zur Werkstatt und fotografierte zwei Stunden lang mit dem Handy: die Hebebühne, den Kompressor, die Ersatzteilregale, die Einkaufsrechnungen der letzten fünf Jahre, die sie ohnehin selbst gebucht hatte. Außerdem ging sie zum benachbarten Autoteilehandel, dessen Inhaber, Herr Wieczorek, sie seit Jahren kannte, und bat ihn, ihr schriftlich zu bestätigen, wie viel die Werkstatt im Schnitt monatlich bei ihm bestellt hatte – eine harte Zahl, die man dem Gutachter vorlegen konnte.
Eine Woche später fing Kevin an, unangemeldet in der Werkstatt aufzutauchen. Er sprach mit Kunden, erzählte, er übernehme demnächst den Laden, nahm sogar einmal einen Ölwechsel-Auftrag an und schrieb die Rechnung auf seinen eigenen Namen, obwohl die Firma formal noch zum Nachlass von Heinz gehörte und nicht ihm. Der Mechaniker Robert rief besorgt bei Marlene an, weil ein Kunde nach einer Firmenrechnung gefragt und stattdessen einen handschriftlichen Zettel mit Kevins Unterschrift bekommen hatte.
Marlene ging daraufhin allein zum Notar, mit einer Mappe voller Unterlagen: dem Gewerbeauszug – die Werkstatt war ein Einzelunternehmen, also ein Auszug aus dem Gewerberegister –, dem Gutachten, das sie auf eigene Kosten für tausend Euro in Auftrag gegeben hatte und das den Wert von Grundstück, Ausstattung und dem sogenannten Firmenwert auf sechshundertzwanzigtausend Euro bezifferte, sowie der Bestätigung von Herrn Wieczorek über die Umsätze. Die Notarin, eine Frau mit dickem Brillengestell, sah sich die Unterlagen an und erklärte ruhig, bei einer solchen Diskrepanz zwischen Kevins Angebot und dem Gutachten werde ohnehin ein gerichtlicher Sachverständiger bestellt, also solle man gleich eine Aufteilung vorschlagen, die dem tatsächlichen Wert entspreche.
Der Termin beim Notar wurde auf Donnerstag, den sechzehnten April, elf Uhr gelegt. Kevin kam elf Minuten zu spät, ohne Mappe, nur mit dem Handy in der Hand, auf dem er noch etwas in den sozialen Medien scrollte, bevor er es schließlich wegsteckte.
„Ich hab das Gutachten gesehen", sagte er und setzte sich. „Das muss ein Irrtum sein. Niemand zahlt sechshundertzwanzigtausend Euro für diese Werkstatt."
„Das ist ein gerichtlich bestellter Gutachter, Kevin, das habe ich mir nicht ausgedacht", antwortete Marlene und legte einen Ordner auf den Tisch. „Grundstück, Ausstattung, Kundenstamm, Umsätze über drei Jahre. Alles unterschrieben, mit Stempel."
„Und was jetzt, soll ich dir dreihundertzehntausend Euro geben, die ich nicht hab?"
„Du musst mir gar nichts geben. Wir können die Werkstatt am Markt verkaufen und uns die Hälfte teilen. Oder du übernimmst sie und zahlst mir die Hälfte des Gutachterwerts in Raten aus, wie das bei einer Erbauseinandersetzung üblich ist. Dreihundertzehntausend Euro, verteilt meinetwegen auf fünf Jahre, grundbuchlich abgesichert."
„Dann verkauf ich lieber", presste Kevin hervor, der Kopf rot angelaufen. „Ich hab sowieso kein Geld, um dich auszuzahlen."
Die Notarin hielt das im Protokoll fest. Kevin stimmte der Versteigerung der Werkstatt im Rahmen des Teilungsversteigerungsverfahrens zu – ein anderer Weg blieb nicht, da er die Gegenseite nicht auszahlen konnte und die Firma auch nicht gemeinsam führen wollte. Er verließ die Kanzlei ohne ein Wort und knallte die Tür so heftig zu, dass die Sekretärin vom Bildschirm aufschaute.
Die Versteigerung fand zwei Monate später statt, im Juni, beim Amtsgericht in der Rummelsburger Straße. Marlene erschien mit Herrn Brenninger und einer Finanzierungsbestätigung ihrer Bank über die entsprechende Summe – sie hatte ihre eigene Wohnung beliehen, um das Ganze aufkaufen zu können. Sie bot sechshundertvierzigtausend Euro, zwanzigtausend mehr als der Gutachterwert, um sicherzugehen, dass sie kein Außenstehender überbieten würde. Kevin stand vor dem Saal, ging gar nicht erst hinein – sie sah ihn nur durch die Glastür, wie er telefonierte und dabei mit den Armen fuchtelte.
Die Werkstatt gehörte ihr formal ab dem dritten Juli. Noch am selben Tag ließ sie die Schlösser von Büro und Toreinfahrt austauschen und ein neues Schild anfertigen – diesmal mit der Aufschrift „Kfz-Werkstatt M. Sobotka", an derselben Stelle, wo dreißig Jahre lang das alte gehangen hatte, nur mit anderem Namen unten drunter. Robert bekam eine Gehaltserhöhung, weil er befürchtet hatte, bei einem Inhaberwechsel seinen Job zu verlieren, und inzwischen ihr bester Mechaniker war.
Kevin rief noch einmal an, Anfang August, als ihm klar wurde, dass sein Anteil – nach Abzug der Versteigerungskosten, der Notargebühren und einer Nachlassschuld, die der Onkel durch einen unbezahlten Leasingvertrag für die Hebebühne hinterlassen hatte – bei knapp hundertdreißigtausend Euro lag, weniger als das, was seine ursprüngliche Auszahlungsofferte ihm versprochen hätte. Marlene nahm den Anruf entgegen, gerade in der Grube stehend, die Hand voller Schmiere.
„Du hättest mir das doch einfach für die fünfzehntausend verkaufen können", sagte er. „Wäre einfacher gewesen."
„Für dich vielleicht", antwortete sie und wischte sich die Hand am Lappen ab. „Ich muss Schluss machen, um vierzehn Uhr kommt ein Kunde."
Sie legte zuerst auf. Draußen begann ein feiner Augustregen zu nieseln, so leicht, dass sich ein Schirm nicht lohnte, und Robert rief aus der Werkstatt herüber, die Bremsen am Renault in der Grube müssten vor der Abholung noch nachgezogen werden.
