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Vierzig Werkstattschlüssel in Freiburg

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Es war der zwölfte September, ein Samstag, als Renate Vogt in ihrer Autowerkstatt am Rande von Freiburg zusammenbrach. Sie stand am Hebebühnenschalter, die Hand noch am Griff, dann kippte der Boden weg unter ihr, und das Letzte, was sie hörte, war das Scheppern eines fallenden Schraubenschlüssels.

Zwei Tage Intensivstation. Herzinfarkt, sagte der Arzt im Universitätsklinikum, mit einem Ton, der keine Widerrede duldete. Sechsundfünfzig Jahre alt, dreißig davon in derselben Werkstatt, die sie von ihrem Vater übernommen hatte. Renate hatte immer gedacht, sie sei unkaputtbar. Jetzt lag sie an Schläuchen, und über ihrem Bett tickte ein Monitor, der ihr eigenes Herz in grüne Zacken übersetzte.

In den ersten Stunden kamen viele. Die Nachbarin aus dem Haus gegenüber, zwei Stammkunden, sogar der Bäcker von der Ecke, der sonst nie ein Wort mehr wechselte als "das macht drei fünfzig". Blumen, Karten, ein Teddybär von irgendwem, den sie nicht mal richtig kannte. Renate lag da und dachte: Schau an, so viele Menschen mögen mich.

Der Wandel kam leise. Nach der ersten Woche, als klar wurde, dass sie mindestens zwei Monate raus war aus dem Geschäft, dass die Werkstatt geschlossen blieb, dass kein Geld mehr reinkam außer der mageren Krankschreibung – da lichtete sich der Flur vor ihrem Zimmer. Die Nachbarin schrieb noch eine Weile SMS, dann seltener, dann gar nicht mehr. Die Kunden fanden andere Werkstätten, verständlich, sie brauchten ja ihre Autos.

Am schlimmsten traf sie ihre beste Freundin Sabine. Fünfundzwanzig Jahre kannten sie sich, seit der Berufsschule. Urlaube zusammen, Silvester zusammen, Sabines Scheidung hatte Renate mit ihr durchgestanden, drei Wochen bei ihr geschlafen auf der Couch, damit sie nicht allein war. Und jetzt? Eine Nachricht in der ersten Woche: "Gute Besserung, meld dich, wenn du wieder fit bist." Danach: nichts. Kein Anruf, kein Besuch, kein "Brauchst du was vom Supermarkt".

Renate zählte die Tage nicht bewusst, aber irgendwann fiel ihr auf, dass sie sie zählte. Tag vierzehn ohne Sabine. Tag einundzwanzig. Sie rief selbst an, einmal, ließ es dreimal klingeln, dann drei Anrufversuche über zwei Wochen, dann legte sie das Handy zur Seite und ließ es bleiben.

Stattdessen kam jemand anderes. Herr Okonkwo, der Lagerist, der seit sieben Jahren bei ihr in der Werkstatt arbeitete, brachte jeden zweiten Tag nach Feierabend eine Tupperdose mit Essen von seiner Frau vorbei, stellte sie wortlos auf den Nachttisch und setzte sich zehn Minuten, ohne viel zu reden. Und die junge Frau von der Tankstelle nebenan, Lea, die eigentlich nur ihre Zapfsäule bediente und mit der Renate nie mehr als Small Talk über das Wetter gewechselt hatte – sie kam jeden Sonntag mit der Straßenbahn quer durch die Stadt, saß am Bett, erzählte vom Kiosk, von ihrem Studium, brachte einmal sogar einen Werkstattkatalog mit, "damit du wenigstens was zu blättern hast, das dich interessiert".

Ende Oktober, als Renate entlassen wurde, aber noch nicht arbeiten durfte, saß sie zu Hause auf dem Sofa und rechnete. Die Rücklagen schrumpften, die Miete für die Werkstatthalle lief weiter, ohne Einnahmen. Sie schrieb eine Liste, kurz und ehrlich: wer hatte sich gemeldet, wer nicht. Auf der einen Seite standen sieben Namen. Auf der anderen über zwanzig, darunter Sabine.

Im November rief Sabine endlich an, fröhlich, als sei nichts gewesen. "Wollen wir mal wieder Kaffee trinken gehen?" Renate saß am Küchentisch, drehte den Löffel im leeren Kaffeebecher, und sagte nur: "Klar, irgendwann." Sie meinte es nicht so.

Im Dezember, kurz vor Weihnachten, öffnete die Werkstatt wieder, mit halber Kraft. Herr Okonkwo hatte in der Zwischenzeit selbstständig die Stammkunden gehalten, die Termine koordiniert, sogar zwei neue Aufträge an Land gezogen. Renate setzte sich mit ihrem Steuerberater zusammen und machte etwas, das sie sich in der Klinik vorgenommen hatte: Sie ließ einen Gesellschaftsvertrag aufsetzen und übertrug Herrn Okonkwo fünfundzwanzig Prozent der Werkstattanteile, kostenlos, als Anerkennung – vierzehntausend Euro Wert nach der Bewertung des Steuerberaters. Lea bekam einen Minijob als Bürokraft für die Terminverwaltung, zwei Nachmittage die Woche, fest vereinbart, mit Vertrag und allem.

Sabine erfuhr davon durch Dritte, im Januar, und rief empört an. "Ich dachte, wir sind Freundinnen, und du gibst deinem Lageristen Anteile an der Firma?" Renate stand in der Werkstatt, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, während sie mit der freien Hand einen Ölfilter aus dem Regal nahm. "Wo warst du im September, Sabine?" Stille am anderen Ende. "Ich hatte so viel um die Ohren", kam es dann, dünn. Renate legte den Ölfilter auf die Werkbank. "Ich auch. Vierundfünfzig Tage lang." Dann legte sie auf.

Sie änderte noch etwas: die Kontovollmacht, die Sabine seit Jahren für Notfälle auf Renates Geschäftskonto gehabt hatte, ließ sie bei der Sparkasse Freiburg löschen, ein Formular, fünf Minuten am Schalter. Die Bankangestellte fragte nicht nach, warum.

An einem Sonntagabend im Februar saßen sie zu dritt in der kleinen Werkstattküche, Renate, Herr Okonkwo und Lea, aßen Rouladen, die Frau Okonkwo gekocht hatte, und niemand sprach über September. Draußen fuhr die letzte Straßenbahn des Abends vorbei, und irgendwo bellte der Hofhund vom Nachbargrundstück zweimal und war wieder still.

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