З життя
Katze am Drive-in-Fenster von Osnabrück
Ich arbeite seit elf Jahren als Steuerberaterin in einer Kanzlei direkt gegenüber diesem Schnellrestaurant an der Iburger Straße, und deshalb hole ich mir dort fast jeden Mittwoch mein Menü ab, immer über die Zufahrt, weil die Schlange drinnen um diese Zeit bis zur Tür reicht. An diesem Mittwoch im September stand ich mit heruntergekurbeltem Fenster in der Reihe, der Kies auf dem Nebenparkplatz war noch nass vom Morgenregen, und aus den Lautsprechern über der Bestellsäule lief irgendein Schlager, den ich nicht kannte. Ich hatte es eigentlich eilig, um vierzehn Uhr sollte ein Mandant kommen wegen seiner Steuererklärung, und ich wollte nur mein Essen und zurück ins Büro.
Der junge Mann am Ausgabefenster hieß Emre, das stand auf seinem Namensschild, vielleicht neunzehn, mit einem Ohrring und dieser Sorgfalt, mit der manche Auszubildende jede Tüte doppelt kontrollieren. Er schob mir die Tüte hin, und in dem Moment sah ich es: Auf dem schmalen Sims neben dem Fenster, zwischen der Fensterscheibe und der Häuserwand, saß eine kleine rotbraune Katze. Sie war weder drinnen noch draußen, einfach dort, mit einem Halsband, an dem mit einem Gummiband ein zusammengefaltetes Blatt Papier befestigt war.
Emre nahm sie hoch, noch bevor ich weiterfahren konnte, und faltete den Zettel auseinander. Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte, während er las. Er drehte sich zu mir um und hielt mir das Papier fast automatisch hin, als bräuchte er einen zweiten Menschen, der bestätigt, dass er das nicht falsch verstanden hat. In blauer Tinte, in einer runden, ordentlichen Handschrift stand da: „Sie heißt Krümel. Sie mag Chicken Nuggets am liebsten. Bitte kümmert euch um sie." Ich fuhr nicht weiter. Der Wagen hinter mir hupte einmal, kurz, dann ließ er mich in Ruhe.
Ich stellte den Motor ab und stieg aus, was man eigentlich nicht tut an so einer Zufahrt, aber in diesem Moment war mir das egal. Emre stand mit der Katze auf dem Arm und schaute zum Parkplatz. Kein Auto, das gerade wegfuhr, keine Person, die sich noch einmal umdrehte. Wer auch immer Krümel dort abgesetzt hatte, war längst weg, vielleicht schon über die Kreuzung Richtung Autobahn.
Die Schichtleiterin kam ans Fenster, eine Frau um die vierzig mit einem Kaffeefleck auf der Schürze, und Emre zeigte ihr den Zettel. Sie las ihn zweimal, schaute die Katze an, schaute wieder auf das Papier. „Ist das echt?", fragte sie, mehr sich selbst als Emre. Er antwortete nicht mit Worten. Er ging zur Theke, holte einen einzelnen Nugget aus einer offenen Portion, die für einen Kunden ohnehin schon kalt geworden war, und hielt ihn der Katze hin. Sie fraß ihn in Sekunden, mit einer Gier, die mir noch tagelang im Kopf blieb.
Genau das machte alles noch schwerer zu ertragen. Jemand hatte dieses Tier gut genug gekannt, um zu wissen, was es am liebsten frisst. Jemand hatte ihm einen Namen gegeben. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, das aufzuschreiben, in ordentlicher Schrift, mit einem Gummiband befestigt, damit es nicht verloren geht. Und trotzdem hatte diese Katze am Ende allein an einem Fast-Food-Fenster gesessen, während der Verkehr an ihr vorbeirollte.
Ich musste weiter, mein Mandant wartete, aber ich kam zwei Tage später wieder vorbei, aus reiner Neugier, und da stand die Geschichte schon fest: Krümel hatte den Rest von Emres Schicht in einem Pappkarton verbracht, ausgelegt mit einem Geschirrtuch aus der Küche. Eine Kundin hatte im Scherz gefragt, ob die Katze zum Happy Meal dazugehört. Als Emre Feierabend hatte, nahm er den Karton mit nach Hause, ohne lange zu überlegen.
Seine Mutter, erzählte er mir später, als ich ihn beim nächsten Mal am Fenster darauf ansprach, habe ihn nur angeschaut, dann die Katze, dann wieder ihn. „Woher hast du die?" – „Vom McDonald's." Sie habe gedacht, er mache einen Witz, bis er ihr den Zettel zeigte. Dann habe sie nur „Na gut" gesagt und sei in die Küche gegangen, um eine alte Decke zu suchen.
Beim Tierarzt in der Praxis an der Wittekindstraße schätzten sie Krümel auf etwa drei Jahre. Gesund, aber nicht kastriert, kein Chip unter der Haut. Jemand hatte sie besessen, sie gefüttert, ihren Namen gerufen – und sie dann trotzdem an einem Drive-in-Fenster zurückgelassen, statt sie zu einem Tierheim zu bringen oder wenigstens bei jemandem abzugeben, der antworten kann. Emre warf den Zettel nicht weg. Als ich ihn Wochen später wieder traf, sagte er, das Blatt hänge jetzt mit zwei Reißnägeln an seiner Zimmerwand, direkt über dem Schreibtisch.
Er zeigte mir auf seinem Handy ein Foto, das er gemacht hatte: Krümel, zusammengerollt auf seinem Bett, im Hintergrund unscharf der Zettel an der Wand. Er hatte es in eine lokale Facebook-Gruppe gestellt, nur so, ohne große Erwartung, und es verbreitete sich weiter, als ihm lieb war. Die Leute teilten nicht nur das Bild. Sie teilten den einen Satz: „Sie mag Chicken Nuggets am liebsten." Irgendwie war dieser Satz zugleich zum Lachen und zum Weinen.
Ich fahre immer noch mittwochs dorthin, und inzwischen ist aus der Sache eine kleine Tradition geworden, die die halbe Belegschaft kennt. Jeden Freitag kauft Emre in seiner Pause eine Vierer-Portion Nuggets. Einer geht an Krümel, drei isst er selbst. Ein Kollege hat mit Filzstift eine orangefarbene Katze auf ein Blatt gemalt und es innen an die Scheibe des Ausgabefensters geklebt, mit der Aufschrift „KRÜMELS FENSTER". Als der Franchise-Inhaber bei einer Kontrolle vorbeikam, ließ er den Zettel hängen. Er sagte nur, es störe niemanden.
Letzten Mittwoch war ich wieder da, das Fenster ging auf, Emre reichte mir meine Tüte, und ich sah durch die Glastür ins Personalzimmer: Krümel lag auf einem zusammengelegten Kapuzenpulli auf einem Stuhl, den Schwanz um die Pfoten gewickelt, und wartete offenbar auf Freitag.
