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Der letzte Ausflug an den Waldsee
Heute Morgen habe ich die Autotür für Bruno noch einmal aufgehalten, wie an jedem Tag der letzten dreizehn Jahre. Er ist nicht mehr allein hineingesprungen. Ich musste ihn hochheben, meine Hände unter seinem Bauch, und habe gespürt, wie wenig von ihm noch übrig war.
Mein Name ist Sabine Wegener, ich bin achtundfünfzig, wohne seit über zwanzig Jahren in einem Reihenhaus am Stadtrand von Freiburg, und Bruno, mein Schäferhund-Mischling, war heute noch am Leben, als ich losgefahren bin. Ich schreibe das jetzt, weil ich es später vielleicht nicht mehr schaffe, in Worte zu fassen, was passiert ist.
Vor einer Woche habe ich ihn nachts weinen hören. Nicht bellen, nicht winseln wie sonst bei Gewitter – weinen. Ich bin runter in die Küche gegangen, habe mich neben seinen Korb gesetzt, auf die kalten Fliesen, im Nachthemd, und ihn gefragt, was ich tun kann. Er hat keine Position gefunden, in der die Hüfte ihn nicht gequält hat. Um vier Uhr morgens hat er endlich für zwanzig Minuten geschlafen. Ich habe daneben gesessen und die Kaffeemaschine gehört, die sich automatisch um fünf Uhr einschaltet, ein Geräusch, das ich sonst nie wahrnehme, das mir in dieser Nacht aber wie Hohn vorkam.
Die Tierärztin, Frau Doktor Yılmaz aus der Praxis in der Wiehremer Straße, hat es mir am Montag offen gesagt: Bruno hat vielleicht noch zwei, drei Wochen, in denen es ihm einigermaßen gut geht – aber die Hüftdysplasie ist jetzt so weit fortgeschritten, dass selbst die höchste verträgliche Dosis Schmerzmittel ihm nicht mehr reicht. Sie hat mir das Rezept in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle mir Zeit lassen mit der Entscheidung, aber nicht zu viel Zeit.
Ich habe mir Zeit genommen. Genau einen Tag.
Gestern, an einem Donnerstag im September, sind wir noch einmal zu dem Ort gefahren, an dem alles angefangen hat – zum Schluchsee im Südschwarzwald, anderthalb Stunden von uns entfernt. Dort habe ich Bruno vor dreizehn Jahren als Welpen zum ersten Mal von der Leine gelassen, und er ist ins flache Wasser gerannt wie ein Verrückter. Diesmal sind wir nur bis zum Ufer gegangen, im Schritttempo, er an meiner Seite, ich mit einer Hand auf seinem Rücken. Ein Rentnerpaar mit Nordic-Walking-Stöcken ist an uns vorbeigekommen, hat kurz gegrüßt und ist weitergegangen, ohne zu ahnen, was für ein Tag das für uns war. Über dem Wasser lag dieser typische Frühherbstnebel, der sich erst gegen Mittag auflöst, und irgendwo hat eine Kirchenglocke aus Aha herübergeläutet. Bruno hat sich für zehn Minuten ins trockene Gras gelegt, die Schnauze Richtung See, und einfach geatmet.
Die Rückfahrt im Auto war die ruhigste, die wir je zusammen hatten. Sonst hat er immer aus dem Fenster geschaut, hat gebellt, wenn ein Traktor vorbeikam. Diesmal hat er nur seinen Kopf auf meinem Oberschenkel abgelegt, während ich mit einer Hand gefahren bin und mit der anderen sein Fell gestreichelt habe, die ganze A5 entlang bis zur Ausfahrt Freiburg-Mitte.
Heute, an diesem Freitag, ist der Termin um vierzehn Uhr. Ich habe seine Lieblingsdecke ins Auto gelegt, die karierte mit dem Loch am Rand, die er sich vor Jahren selbst zerkaut hat. Ich habe ihm ein Stück Leberwurst gegeben, obwohl das eigentlich verboten ist, weil es ja jetzt egal ist. Er hat es genommen, ohne wirklich Appetit, nur um mir eine Freude zu machen. Das ist typisch für ihn gewesen – immer mehr an mir interessiert als an sich selbst.
In der Praxis hat Frau Doktor Yılmaz mich nicht gedrängt. Sie hat gesagt, ich könne so lange bleiben, wie ich brauche. Ich habe mich auf den Boden gesetzt, Bruno den Kopf in den Schoß gelegt, und ihm ins Ohr gesagt, was ich ihm eigentlich schon seit Jahren jeden Abend gesagt habe, nur diesmal mit anderem Gewicht: dass er der beste Hund der Welt war, dass ich für jeden einzelnen Tag mit ihm dankbar bin, dass er jetzt gehen darf, weil ich ihn nicht mehr leiden lassen will, nur damit ich ihn behalten kann.
Die Nadel hat kaum wehgetan, das hat die Ärztin mir vorher versichert, und ich habe es geglaubt, weil Bruno sich nicht einmal bewegt hat. Sein Atem ist ruhiger geworden, dann langsamer, und dann war er weg, den Kopf noch immer auf meinem Schoß, so wie er tausendmal auf dem Sofa gelegen hat, wenn wir Tatort geschaut haben.
Ich bin danach noch eine Weile sitzen geblieben, auf dem kalten Praxisboden, mit seiner Decke in den Händen, bis eine Arzthelferin vorsichtig fragte, ob sie mir einen Tee bringen könne. Ich habe nein gesagt und ja gemeint.
Zu Hause habe ich seinen Napf noch nicht weggeräumt. Ich weiß, dass ich das irgendwann tun muss – den Napf, den Korb, die Leine, die noch an der Garderobe hängt, direkt neben meinem Mantel. Aber heute noch nicht.
Was ich heute stattdessen getan habe: Ich habe im Internet die Nummer vom Tierschutzverein Freiburg-Ost herausgesucht und dort angerufen. Ich habe der Frau am Telefon gesagt, dass ich Brunos komplette Ausrüstung spenden möchte – den fast neuen Trockenfutter-Sack, fünfzehn Kilo, noch original verschweißt, den Kotbeutelspender, die zweite, kaum benutzte Leine, den Maulkorb, den er nie gebraucht hat, weil er der friedlichste Hund war, den ich kannte. Alles zusammen ein Wert von etwa hundertdreißig Euro, hat die Frau am Telefon grob geschätzt, als ich es ihr aufgezählt habe. Ich habe es nicht für das Geld getan. Ich habe es getan, weil ich wollte, dass etwas von dem, was für Bruno gedacht war, jetzt einem anderen Hund hilft, der noch Zeit vor sich hat.
Morgen früh bringe ich alles vorbei, in zwei großen Ikea-Taschen, die ich schon gepackt neben der Tür stehen habe. Nur den karierten Deckenrest mit dem zerkauten Loch, den behalte ich. Der kommt nicht in die Tasche.
