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Der Pförtnerknopf, der nicht für mich war

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Der Bus 194 hält an der Ecke Heidering, und von dort laufe ich noch neun Minuten bis zur Schranke. Jeden Mittwoch dasselbe: zwei Stofftaschen, in der einen die Hühnerbrühe im Schraubglas, in der anderen der Käsekuchen, noch warm eingewickelt in ein Geschirrtuch mit Kirschmuster. An der Schranke klingle ich, warte, manchmal drei Minuten, manchmal acht. Einmal habe ich gezählt: elf Minuten stand ich da, die Taschen zwischen den Füßen, während im Innenhof des Neubaugebiets ein Rasensprenger tickte und ein Golden Retriever mich durch den Gitterzaun anbellte, als gehörte ich nicht hierher. Vielleicht gehöre ich nicht hierher.

Ich heiße Renate Vogtländer, bin einundsechzig, und ich habe siebenunddreißig Jahre in der Buchhaltung eines Sanitätshauses in Leipzig-Connewitz gearbeitet. Ich kenne mich mit Hausordnungen aus, mit Beschlüssen, mit der Logik von Regeln. Was ich nicht kenne, ist das Gefühl, vor der eigenen Familie wie eine Botin zu stehen.

Mein Sohn Jonas wohnt seit vier Jahren in einer Wohnanlage am Cospudener See, südlich von Leipzig – schicke Reihenhäuser, Tiefgarage, eine elektrische Schranke mit Kamera. Ich habe damals fünfundvierzigtausend Euro aus der Lebensversicherung meines Mannes dazugegeben, für die Anzahlung. Klaus ist seit sechs Jahren tot, und ich habe nicht eine Sekunde gezögert. Jonas ist mein einziges Kind. Damals war ich noch wer: Ich habe Wände gestrichen, Billy-Regale zusammengeschraubt, auf die kleine Mila aufgepasst, als seine Frau Franziska wieder arbeiten ging.

Franziska ist Projektmanagerin bei einer Versicherung, verdient gut, kocht selten, bestellt lieber beim Lieferdienst. Das ist ihre Sache. Sie nennt mich seit fünf Jahren „Frau Vogtländer". Einmal habe ich vorsichtig gesagt, sie könne mich ruhig Renate nennen. Sie hat gelächelt und geantwortet: „Natürlich, Frau Vogtländer." Jonas fand das witzig. Ich auch, nach außen.

Der Fernbedienungswunsch kam vor einem Jahr zur Sprache, in der Küche, während Franziska Mila badete. Ich fragte leise: „Jonas, könntest du mir nicht eine Zweitfernbedienung für die Schranke besorgen? Wäre praktischer." Er sah mich an, als hätte ich nach dem Code für den Tresor gefragt. „Mama, das entscheide nicht ich. Zwei Fernbedienungen pro Einheit, laut Eigentümerordnung. Wir haben unsere zwei." „Ich würde sie ja bezahlen", sagte ich. „Franziska findet, man solle die Eigentümergemeinschaft nicht wegen sowas belästigen." Franziska findet. Diesen Satz höre ich inzwischen ständig.

Vor zwei Wochen wurde es besonders bitter. Ich stand wie immer vor der Schranke, klingelte, niemand ging ran. Ich rief Jonas an – Mailbox. Franziska – ausgeschaltet. Die Sonne stand hoch für April, der Käsekuchen wurde in der Tasche warm, und ich merkte, wie mir die Tränen kamen. Nicht aus Kummer. Aus der Erschöpfung, vor der verschlossenen Einfahrt zum Leben des eigenen Sohnes zu stehen wie eine Fremde. Nach vierzehn Minuten rief Jonas zurück: „Mama, sorry, wir waren mit Mila spazieren, Handy war stumm." Die Schranke hob sich. Ich wischte mir übers Gesicht, straffte die Schultern im Hausflur und ging rein, als wäre nichts gewesen.

Beim Mittagessen war es dann die kleine Mila, die alles aussprach, was keiner sonst zu sagen wagte. Sieben Jahre alt, Zöpfe, Erdbeersaft-Bart über der Oberlippe. „Oma, warum kommst du immer so außer Puste an?" Es wurde still am Tisch, nur der Fernseher im Wohnzimmer lief leise, irgendeine Nachmittagssendung mit Werbung für Süßwaren. Ich spürte die Hitze im Nacken hochsteigen. Jonas legte die Gabel hin und sagte ruhig: „Weil Oma gerne spazieren geht, stimmt's, Mama?" Ich lächelte, nickte, trank einen Schluck vom Apfelsaftschorle. Und die Wahrheit ist: Seit zwei Jahren schleppe ich jeden Mittwoch Brühe, Kuchen und Einweckgläser, weil Jonas meine Marmelade liebt und Franziska nicht kocht – und jedes Mal stehe ich vor dieser Schranke wie eine Bittstellerin.

Mila ließ nicht locker. „Aber warum hast du keinen so einen Knopf wie Papa?" Sie zeigte auf die Fernbedienung, die auf der Fensterbank lag, neben dem Autoschlüssel eines silbernen VW Tiguan. Franziska räusperte sich, wollte etwas sagen, das Thema wechseln, aber Mila wiederholte die Frage, lauter, mit der Sturheit eines Kindes, das eine ehrliche Antwort erwartet. „Weil Oma nicht hier wohnt, Schatz", sagte Jonas schließlich, ein bisschen zu schnell. „Aber Oma kommt doch jede Woche", sagte Mila. „Öfter als Tante Steffi, und Tante Steffi hat einen Knopf." Steffi ist Franziskas Schwester, wohnt zwei Straßen weiter, kommt vielleicht viermal im Jahr.

Ich saß da, die Serviette in der Hand, und dachte an die fünfundvierzigtausend Euro, an die gestrichenen Wände, an die Nächte mit Mila als Baby, wenn Franziska Migräne hatte. Ich dachte an meine Freundin Bärbel, mit der ich mittwochs eigentlich – nein, donnerstags – Kaffee trinke im Café am Bayerischen Bahnhof, die immer sagt: „Renate, sei froh, dass sie dich überhaupt einladen. Meiner ist nach Kanada gezogen, ich seh ihn einmal im Jahr." Bärbel hat recht, es könnte schlimmer sein. Aber ich wollte mich nicht nach unten vergleichen. Ich wollte einfach nur einmal ohne Herzklopfen durch diese Schranke gehen.

Nach dem Essen half ich beim Abräumen, wie immer. In der Küche, während Franziska die Spülmaschine einräumte, sagte ich es endlich laut. „Ich möchte, dass ihr mir einen Antrag auf eine dritte Fernbedienung stellt. Ich zahle die Gebühr, ich zahle die Kaution, ich zahle alles, was die Hausverwaltung verlangt." Franziska drehte sich um, das Geschirrtuch in der Hand. „Frau Vogtländer, das ist wirklich nicht nötig, wir kommen doch immer ans Telefon." „Ihr wart vor zwei Wochen vierzehn Minuten nicht erreichbar", sagte ich, und meine Stimme blieb ruhig, was mich selbst überraschte. „Ich stand mit warmem Kuchen und kalten Füßen vor eurem Zaun."

Jonas kam dazu, verschränkte die Arme. „Mama, das klingt jetzt, als würden wir dich extra aussperren." „Das tust du auch", sagte ich. „Nicht mit Absicht, glaube ich. Aber ihr tut es." Es blieb einen Moment ruhig in der Küche, nur das Brummen der Spülmaschine. Dann sagte ich etwas, das ich mir seit Monaten zurechtgelegt hatte, ohne es je auszusprechen: „Ich werde die Eigentümerversammlung selbst anschreiben. Als Miteigentümerin – über den Vertrag, den wir vor vier Jahren gemeinsam mit dem Notar aufgesetzt haben, mit meiner Einlage als Sicherungsvermerk im Grundbuch. Ihr erinnert euch."

Franziska wurde blass. Jonas sagte: „Mama, das war doch nur eine Formsache damals, der Notar meinte, das sei üblich bei Familiendarlehen." „Es ist keine Formsache mehr, wenn ich vor der eigenen Schranke stehe wie eine Lieferantin", sagte ich. „Ich rufe morgen die Hausverwaltung an, Herrn Brückner, ich habe seine Nummer noch aus der Bauphase. Ich beantrage die dritte Fernbedienung auf meinen Namen, mit Hinweis auf meine Grundbucheintragung. Und wenn ich schon dabei bin, lasse ich mir eine Kopie der Miteigentümerliste schicken – nur damit alles sauber dokumentiert ist."

Am nächsten Tag rief ich tatsächlich bei der Hausverwaltung an, mit der Kaffeetasse in der einen Hand, dem Ordner mit dem Grundbuchauszug auf dem Küchentisch vor mir aufgeschlagen. Herr Brückner war erstaunlich unkompliziert: Ja, als eingetragene Sicherungsberechtigte könne ich einen formlosen Antrag stellen, die Gebühr betrage neunzig Euro, die Bearbeitung dauere zwei Wochen. Ich legte auf, strich mit dem Finger über die Zeile im Grundbuchauszug, wo mein Name stand, klein, aber unübersehbar.

Zwei Wochen später kam ein Umschlag von der Hausverwaltung, und darin lag eine schwarze Plastikfernbedienung mit einem kleinen Aufkleber: Einheit 14, Miteigentümerin. Ich hielt sie in der Hand am Küchentisch, wog sie, als wäre sie schwerer als sie aussah. Am folgenden Mittwoch fuhr ich wieder mit dem Bus, lief die neun Minuten, stand vor der Schranke – und drückte selbst. Sie hob sich, ruhig, ohne Klingeln, ohne Warten, ohne Blick zum Handy.

Jonas stand schon in der Tür, als ich den Weg hochkam, die Taschen in der Hand, außer Atem wie immer, aber diesmal aus anderem Grund. „Du hast wirklich einen eigenen bekommen", sagte er, halb ungläubig. „Neunzig Euro Gebühr", sagte ich. „Und zwei Wochen Wartezeit. Nicht der Rede wert." Mila kam angerannt, sah die Fernbedienung in meiner Hand und rief: „Oma hat jetzt auch einen Knopf!" Franziska stand im Türrahmen, mit einem Geschirrtuch in der Hand, sagte nichts. Ich stellte die Taschen auf die Anrichte, packte den Käsekuchen aus, noch warm, und sagte: „So, jetzt können wir essen."

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