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Der Kater von St. Elisabeth
An die Person, die entschieden hat, dass Bruno nicht mehr auf das Gelände der Pfarrei darf, möchte ich etwas erzählen. Vielleicht ändert es nichts an der Entscheidung. Aber gesagt werden muss es trotzdem.
Neunzehn Tage saß dieser getigerte Kater auf einem schmalen Mauersims der St.-Elisabeth-Kirche in Köln-Ehrenfeld, gut acht Meter über dem Innenhof. Niemand weiß genau, wie er dort hinaufkam. Vermutlich ist er beim Klettern über das alte Efeu an der Sakristei abgerutscht und hat sich auf dem Sims festgekrallt, weil der Weg zurück steiler war als der Weg hinauf. Von dort oben sah er auf den Kiesweg, auf die Bank unter der Kastanie, auf die Container der Kita nebenan – auf alles, was zu seinem Alltag gehörte, seit er vor drei Jahren als Findelding hinter der Mülltonne der Gemeindeküche aufgetaucht war.
Herr Kaczmarek, der Küster, hat ihn Bruno getauft, nach dem alten Kirchenhund, den er als Kind hatte. Die Kinder aus der Ganztagsschule gegenüber kannten ihn alle beim Namen. Frau Öztürk aus dem dritten Stock stellte ihm jeden Morgen eine Schale Wasser vor die Stufe zur Krypta, und die zwei Rentner vom Boule-Klub, die dienstags im Hof spielten, hoben ihn abwechselnd auf die Bank, wenn es kalt wurde. Er gehörte dazu. Nicht weil ihn jemand offiziell aufgenommen hätte, sondern weil er über Monate einfach da war, morgens, mittags, abends, ein kleiner grauer Fleck zwischen den Gräbern und dem Rosenbeet.
Neunzehn Tage lang stand die Feuerwehr zweimal im Hof, einmal mit der Drehleiter, einmal ohne Erfolg, weil Bruno sich beim Anblick der Männer noch tiefer in die Nische zwischen zwei Wasserspeier zurückzog. Ein Tierschutzverein aus Nippes stellte eine Kletterfalle auf, gefüllt mit Thunfisch aus der Dose, die niemand ihm wegnehmen wollte. Er rührte sie nicht an. Vier Tage lang regnete es, und die Nachbarn spannten abends eine Plane über einen Teil des Simses, mit einer Teleskopstange, die der Hausmeister der Schule extra aus dem Keller holte. Am Morgen war die Plane fast immer verrutscht. Bruno saß dann wieder ungeschützt im Wind, die Ohren angelegt, aber er blieb.
Man hätte meinen können, er hätte sich längst aufgegeben. Aber jeden Tag, wenn die Schulglocke um Viertel nach zwei läutete, richtete er sich auf dem Sims auf und schaute nach unten. Als hätte er auf genau diesen Ton gewartet.
Am neunzehnten Tag kam Frau Öztürk mit einer Nachbarin auf die Idee, die alte Holzleiter aus dem Gemeindesaal zu benutzen, zusammen mit einem Wäschekorb, den man an einer Wäscheleine hinaufziehen konnte. Kein Plan aus dem Handbuch, eher eine Verzweiflungslösung aus Kellergerümpel. Herr Kaczmarek stieg selbst hinauf, den Korb am Arm, sprach die ganze Zeit mit ruhiger, tiefer Stimme mit dem Tier, ohne hastige Bewegung. Bruno drückte sich zunächst gegen die Steinkante. Dann, nach einer Minute, die allen unten wie zehn vorkam, setzte er einen Pfoten in den Korb. Dann die zweite. Er ließ sich einfach hinunterziehen, ohne zu kratzen, ohne zu fauchen, als hätte er die ganze Zeit nur auf jemanden gewartet, der es ernst meinte mit dem Angebot.
Und genau in dieser Woche, in der ganz Ehrenfeld über den Kater auf dem Kirchendach sprach, entschied der Pfarrgemeinderat, dass Tiere künftig nicht mehr auf dem Gelände geduldet würden. Hygienegründe, hieß es, und eine Beschwerde wegen Katzenhaaren in der Sakristei. Bruno, der neunzehn Tage lang um sein Leben gekämpft hatte, sollte jetzt, kaum gerettet, wieder verschwinden.
Frau Öztürk war diejenige, die im Gemeindebrief einen offenen Brief unterschrieb, zusammen mit vierzehn weiteren Nachbarn. Sie schrieb, dass ein Tier, das seit drei Jahren zur Gemeinde gehört, nicht durch einen einzelnen Beschlusspunkt aus einer Sitzung verschwinden sollte, für die es selbst nie hätte sprechen können. Der Küster brachte den Brief persönlich zum Pfarrer, zusammen mit einer Liste von zweiunddreißig Unterschriften, die er an einem einzigen Nachmittag am Gemeindehaus gesammelt hatte.
Es gab keinen Showdown, keinen Eklat vor versammelter Gemeinde. Es gab ein Gespräch im Pfarrbüro, an einem Dienstagnachmittag, bei dem Frau Öztürk der Vorsitzenden des Gemeinderats einen Ordner auf den Tisch legte: Fotos von neunzehn Tagen, Zeitungsausschnitt aus dem Kölner Stadt-Anzeiger, die Unterschriftenliste, und obenauf ein handschriftlicher Vorschlag, wie man Hygiene und Kater vereinbaren könnte – ein fester Platz in der Nische neben dem Gerätehaus, außerhalb der Sakristei, mit eigenem Napf und einer kleinen Hütte, die der Bauhof aus Restholz zusammenbauen würde. Kein Kompromiss aus Sentimentalität, sondern ein konkreter Plan mit Ort, Kosten – knapp vierzig Euro für Holz und Dachpappe – und einer Person, die sich verantwortlich zeichnete: Herr Kaczmarek selbst.
Die Vorsitzende blätterte den Ordner durch, schwieg lange, sagte dann, sie werde es dem Rat vorlegen. Eine Woche später kam die Antwort schriftlich: Bruno durfte bleiben, mit festem Platz und der Auflage, dass die Küche und die Sakristei tierfrei blieben.
Heute liegt Bruno meistens auf der Fensterbank des Küsterhauses oder unter der Kastanie, wo die Kinder aus der Ganztagsschule in der großen Pause mit ihm spielen. Die Plane liegt zusammengerollt im Keller, für den nächsten Regen, den hoffentlich niemand mehr braucht. Und wenn um Viertel nach zwei die Schulglocke läutet, hebt er noch immer kurz den Kopf, bevor er sich wieder in die Sonne legt.
