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Das Haus mitten in der Umgehungsstraße
Bernhard Krauss hatte in seinem Wochenendhaus bei Tangermünde einen Weinkeller, drei Apfelbäume und einen Blick auf die Elbe, den ihm sein Vater einst als „das Einzige, was dir keiner wegnehmen kann" beschrieben hatte. Als im Februar Leute vom Landkreis mit einem Angebot zum Grundstückskauf wegen der geplanten Umgehungsstraße bei ihm vorfuhren, saß er gerade am Ofen und schälte einen Apfel in einer dünnen Spirale, so wie er es sein Leben lang getan hatte.
Sie boten ihm hundertzehntausend Euro. Dazu eine Wohnung in einem Plattenbau am Rand von Tangermünde, zweiter Stock, Balkon zum Hinterhof, der Aufzug nur gelegentlich in Betrieb.
„Für das Haus, in dem ich geboren wurde?", fragte er und ließ die Schale auf die Tischdecke fallen.
Der Beamte, ein junger Mann mit einer Mappe unterm Arm, sprach von öffentlichem Interesse und davon, dass die Trasse vom Bauamt bereits genehmigt sei, dass es auch die Nachbarn weiter unten an der Straße betreffe und es besser wäre, sich gütlich zu einigen. Bernhard bot ihm einen Kaffee an, den der Mann ablehnte, und zeigte ihm dann die Tür.
Er weigerte sich zu unterschreiben. Nicht aus Wut – eher aus dem Gefühl heraus, dass die Zahl, die man ihm auf dem Papier diktierte, nichts mit dem zu tun hatte, was dieses Haus wirklich bedeutete. Die Nachbarin Ursula, die zwei Grundstücke weiter wohnte, unterschrieb binnen einer Woche und zog zu ihrer Tochter nach Stendal. Bernhard blieb.
Der Bau ging weiter. Im Frühjahr rückten die Bagger an, und Monat für Monat bog sich die Umgehungsstraße um sein Grundstück wie ein Fluss um einen Felsblock – erst in weitem Bogen, dann immer enger, weil die Planer mit Platz und Geld sparen mussten und die Straße nicht ein Stück weiter verlegen konnten. Am Ende trafen die beiden Fahrbahnen hinter seinem Garten wieder zusammen, und Bernhard Krauss' Haus blieb als Insel zwischen zwei Asphaltströmen stehen, von Leitplanken umgeben wie von einem Käfig.
Vom Küchenfenster aus sah er nun Autos in Richtung Magdeburg fahren und Lastwagen in Richtung Stendal in die andere. Nachts huschten die Scheinwerfer regelmäßig wie ein Leuchtturm über die Schlafzimmerdecke. Der Staub legte sich so dicht auf die Apfelbäume, dass er einmal im August nicht erkennen konnte, ob die Früchte rot oder grau waren, bis er sie mit dem Gartenschlauch abgespritzt hatte.
Sein Enkel Julian, damals elf Jahre alt, hörte auf, draußen auf dem Rasen zu spielen. „Opa, hier kann man doch kein Fußball spielen, das ist ja wie am Flughafen", sagte er einmal beim Abendessen, und Bernhard antwortete nicht, goss nur Suppe nach.
Seine Frau Christel ertrug den Lärm schlechter als er. Sie schlief nicht mehr, nahm Tabletten, die ihr vorher kein Arzt verschrieben hatte, und einmal im Winter, als ein Lastwagen nachts so scharf bremste, dass die Fenster zitterten, sagte sie leise in die Dunkelheit hinein: „Bernd, wir hätten es nehmen sollen." Er antwortete nicht. Er lag da und lauschte, wie das nächste Auto am Zaun vorbeifuhr, in einem Abstand, den man früher nicht einmal mit einem Stein hätte überbrücken können.
Nachbarn aus den umliegenden Dörfern fotografierten das Haus aus vorbeifahrenden Autos, jemand stellte es ins Internet, und plötzlich schrieb sogar die Zeitung in Berlin über „das Haus mitten auf der Autobahn". Es kamen Journalisten, einer von ihnen, ein junger Kerl in Arbeitshose von einer Lokalredaktion, fragte ihn, ob er es bereue.
„Hätte ich das damals gewusst", sagte Bernhard und wies mit der Hand zur Straße, „hätte ich es gleich am ersten Tag genommen."
Es dauerte noch vier Jahre. Christel bekam Herzprobleme, der Arzt meinte, der Lärm und der ständige Stress hätten dazu beigetragen, auch wenn das wohl nicht die einzige Ursache gewesen sei. Bernhard fuhr sie zu den Untersuchungen ins Krankenhaus nach Stendal, und auf dem Weg dorthin kamen sie jedes Mal an einem Plakat vorbei, das Wohnungen in einer neuen Siedlung unweit ihres Grundstücks anpries – an einem Ort, den man von ihrem Garten aus früher in zehn Minuten zu Fuß erreicht hätte.
Schließlich, im Frühjahr, mit siebenundsechzig, rief er selbst beim Landkreis an. Büro, Holztisch, darauf lag derselbe vergilbte Vertrag, den man ihn damals hatte unterschreiben lassen – nur das Datum war jetzt durchgestrichen und handschriftlich geändert.
„Was würde das heute bringen?", fragte er.
Die Sachbearbeiterin, eine andere als damals, erklärte ihm ruhig, dass der Grundstückspreis dort inzwischen gesunken sei, weil niemand mehr an einem von allen Seiten von der Umgehungsstraße umschlossenen Ort wohnen wolle. Man bot ihm achtzigtausend Euro. Dreißigtausend weniger, als er beim ersten Mal bekommen hätte.
Er unterschrieb noch am selben Tag. Er nahm eine Kopie des Vertrags mit in die Mappe, die früher Christel gehört hatte – sie war ein Jahr zuvor im Frühling gestorben, noch bevor der Umzug sich hatte klären lassen –, und holte an diesem Abend zu Hause die Kiste mit den Fotos aus dem Wochenendhaus hervor: er als junger Mann bei den Apfelbäumen, Christel mit der Torte zu Julians Geburtstag, noch bevor die Umgehungsstraße überhaupt auf dem Papier existierte.
Er zog in die Wohnung in Tangermünde, dieselbe, die man ihm damals angeboten hatte, nur jetzt gegen eine andere Summe obendrauf. Das Haus auf der Insel wurde mitsamt der Umgehungsstraße plattgemacht, ein Stück Asphalt liegt jetzt dort, wo einst seine Haustür war. Julian, inzwischen zwanzig, half ihm beim Auspacken der Kartons und baute ihm zwei Blumenkästen auf dem Balkon auf.
„Was pflanzen wir da rein, Opa?"
Bernhard blickte hinunter auf den Parkplatz, wo eine Ruhe herrschte, wie er sie in seiner alten Küche seit Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Ein Apfelbaum passt da nicht rein", sagte er. „Wir pflanzen Paprika."
