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Der Wanderclub, mein neues Handy und die fünf Minuten, die Renate mir nie gab

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Ich bin sechsundsiebzig und habe erst mit einundsiebzig gelernt, dass man wieder verliebt sein kann, ohne dass es albern wirkt. Aber davon erzähle ich gleich. Erst muss ich von Renate erzählen, meiner besten Freundin seit sechsundvierzig Jahren, und davon, wie ich ihr an einem Dienstagnachmittag im Café Rossbach in Freiburg zum ersten Mal sagte, dass ich mich seit Monaten überflüssig fühlte, wenn wir uns trafen.

Wir kannten uns, seit unsere Söhne im Kindergarten Sankt Michael nebeneinander saßen und sich mit Bauklötzen bewarfen. Damals wohnten wir beide in der Wiehre, drei Straßen voneinander entfernt, und trafen uns fast jeden Morgen an der Bäckerei Fuchs, wenn der Duft von frischen Brezeln noch bis auf den Gehweg zog. Erst ging es um Schnupfen und Kinderärzte, um durchwachte Nächte und den ewigen Streit, ob Fernsehen vor dem Mittagessen erlaubt sei. Später kamen gemeinsame Grillabende dazu, zwei Urlaube am Bodensee, die Beerdigung ihres Mannes vor elf Jahren, bei der ich drei Tage lang bei ihr geschlafen habe, weil sie das leere Bett nicht ertrug. Als mir vor vier Jahren die Hüfte operiert wurde, stand Renate jeden zweiten Tag mit einer Auflaufform vor meiner Tür. Ich hätte nie gedacht, dass so eine Freundschaft einfach leiser wird, ohne dass irgendjemand etwas falsch macht.

Wir trafen uns weiterhin, immer dienstags, im Rossbach in der Altstadt. Ich bestellte einen Milchkaffee, sie einen Fencheltee, weil Kaffee ihr seit ein paar Jahren angeblich nicht mehr bekam. Das Problem schlich sich ein, ohne dass ich es gleich bemerkt hätte. Renate sprach fast nur noch von ihren Enkelkindern: von den Nachhilfestunden ihrer Enkelin in Mathe, vom Handballverein des Kleinen, von Streit mit ihrer Schwiegertochter wegen der Weihnachtsplanung, von der Frage, ob die Familie an Ostern nach Sylt oder zu den Schwiegereltern nach Kehl fahren sollte. Ich hörte zu, weil ich die Kinder seit ihrer Geburt kannte und weil mich vieles davon tatsächlich interessierte. Aber irgendwann fühlten sich unsere Nachmittage an wie ein wöchentlicher Lagebericht aus einer Familie, in der ich nur noch Zaungast war. Erzählte ich von einem Ausflug, fiel ihr sofort ein, wohin ihre Enkel gefahren waren. Erwähnte ich einen Film, berichtete sie, welche Serie ihre Tochter gerade schaute.

Ernst wurde es erst, als mir selbst etwas Wichtiges passierte. Ich hatte mich seit dem Tod meines Mannes vor sieben Jahren fest vorgenommen, mir das Leben nicht mehr zu verkomplizieren. Dann lernte ich Manfred kennen, beim Wanderclub des Schwarzwaldvereins, bei einer Tour zum Feldberg. Er war Witwer, dreiundsiebzig, wohnte in Merzhausen, keine fünfzehn Minuten mit dem Auto. Wir sprachen nicht von Heirat oder von Zusammenziehen. Es genügte mir, wieder auf ein Klingeln am Handy zu warten und dabei ein dummes Grinsen im Gesicht zu haben, das ich mir eigentlich mit sechsundsiebzig nicht mehr zutraute.

Ich wartete drei Wochen, bevor ich es Renate erzählte. Sie hatte meinen Mann gut gekannt, wusste, wie schwer mir das Alleinsein gefallen war, und ich wollte es ihr nicht am Telefon sagen, sondern in Ruhe, bei einem Stück Zwetschgenkuchen. An jenem Dienstag sagte ich es ihr also: "Ich treffe mich mit jemandem." Renate riss die Augen auf, wollte sofort alles wissen, wie wir uns kennengelernt hatten, wie er heiße. Ich fing an zu erzählen, kam gerade bis zu dem Moment, in dem Manfred mir am Gipfelkreuz seine Thermoskanne mit Kirschlikör angeboten hatte, da vibrierte ihr Handy auf dem Tisch. Ihre Enkelin hatte ein Foto geschickt, ein Kleid für eine Konfirmationsfeier. Renate drehte mir das Display zu, dann ein zweites Foto, dann erklärte sie mir zehn Minuten lang, warum das Kind sich zwischen Blau und einem Rosaton nicht entscheiden konnte. Mein Manfred, mein Gipfelkreuz, mein dummes Grinsen – alles verschwand vom Tisch, als hätte ich nie den Mund aufgemacht.

Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause und ärgerte mich über mich selbst, weil mich so etwas Kleines so sehr traf. Am nächsten Dienstag sagte ich ab, angeblich hätte ich einen Zahnarzttermin. Renate rief abends an, hörte sofort, dass etwas nicht stimmte, und irgendwann sagte ich es einfach: "Neulich wollte ich dir etwas Wichtiges erzählen, und nach fünf Minuten waren wir schon wieder bei deinen Enkeln." Am anderen Ende blieb es lange still. Dann verteidigte sie sich, sagte, ich würde doch auch von meinen Söhnen reden, und dass ihre Enkelkinder nun mal einen riesigen Teil ihres Lebens ausmachten. Das stimmte sogar. Aber ich fragte sie, wann wir zum letzten Mal über sie gesprochen hatten – nicht über ihre Kinder, nicht über mich, sondern über sie selbst. Diese Frage brachte das Gespräch zum Kippen.

Renate gab schließlich zu, dass sie sich seit dem Tod ihres Mannes so sehr in die Familie hineingesteigert hatte, dass sie manchmal selbst nicht wusste, was sie über ihr eigenes Leben erzählen sollte. Dienstags holte sie den Enkel von der Schule ab, mittwochs half sie ihrer Tochter beim Einkaufen, sonntags saß die ganze Familie bei ihr am Tisch. Ihr Leben war voll, aber fast alles davon gehörte anderen Leuten. "Vielleicht rede ich so viel über sie, weil ich gar nicht weiß, was aus mir geworden ist", sagte sie leise. Der Satz nahm mir einen Großteil meines Ärgers.

Wir trafen uns weiterhin. Nicht wie mit siebenundzwanzig, das schafft keine Freundschaft nach vierzig Jahren mehr. Aber jetzt fragen wir uns manchmal beim Abschied: "Und wie geht es dir wirklich?" Renate kennt inzwischen Manfred, sie hat sogar gelacht, als ich ihr erzählte, wie viele Wochen ich gebraucht hatte, um ihr zu sagen, dass ich mich ein bisschen verliebt hatte.

Manchmal denke ich, dass lange Freundschaften nicht mit einem großen Streit enden. Manche füllen sich einfach mit so vielen Gewohnheiten, dass man aufhört, den Menschen gegenüber wirklich anzuschauen. Kann eine Freundschaft echt bleiben, wenn wir aufhören, uns für das Leben des anderen zu interessieren – oder halten manche Freundschaften einfach deshalb, weil man zu viele Jahre zusammen verbracht hat, um zuzugeben, dass sich etwas verändert hat?

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