З життя
Vierundzwanzig Notartermine für die Sanierung des Hinterhauses in Ehrenfeld
Ich bin 71 und heiße Rüdiger. Meine Nachbarin Hannelore wohnt seit einundzwanzig Jahren gegenüber, Kölner Südstadt, drittes Stockwerk, die Wohnung mit dem Balkon zur Kastanie. Ich erzähle das jetzt aus meiner Sicht, weil ich glaube, dass man mir vorher nicht zugehört hat – nicht mal ich selbst mir.
Hannelore ist verwitwet, ihr Mann Klaus-Dieter ist vor sechs Jahren gestorben, an einem Dienstag im Februar, das weiß ich noch genau, weil ich an dem Tag ihren Müll runtergebracht habe, ohne dass sie fragen musste. Ihre Tochter lebt in Bonn und pendelt jeden Tag mit der Bahn ins Büro, der Sohn ist in München, meldet sich meistens per Sprachnachricht. Ich war der, der da war. Zehn Minuten Fußweg zur Sparkasse, das schaffe ich, sagte ich mir. Und ich mochte sie, ehrlich. Sie hat mir nach meiner Bypass-Operation drei Wochen lang Frikadellen vorbeigebracht, jeden zweiten Tag, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Das vergisst man nicht.
Was von außen wie Bequemlichkeit aussah – dass ich immer sofort Ja gesagt habe –, war für mich eher: Ich konnte nicht anders denken. Wenn Hannelore fragte, ob ich Donnerstag könne, rechnete ich in meinem Kopf ihre Woche gegen meine, nicht umgekehrt. Das war kein Opfer. Das war eine Gewohnheit, die sich über Jahre eingeschliffen hat, wie ein Trampelpfad im Rasen, den man nicht mehr sieht, weil man ihn schon zu oft gegangen ist.
Meine Tochter Bettina hat es zuerst gemerkt. Sie arbeitet in Leverkusen, Schichtdienst im Klinikum, und findet selten einen freien Abend. Sie hatte für den fünfzehnten März einen Tisch im "Alter Wirt" in der Südstadt reserviert – ihr Sohn, mein Enkel Finn, hatte gerade seine Gesellenprüfung als Elektriker bestanden, mit einer Eins vor dem Komma, darauf war sie stolz, und zu Recht. Wir hatten drei Wochen gebraucht, um einen Termin zu finden, an dem Bettina, Finn und ich gleichzeitig konnten.
Am Vorabend klopfte Hannelore. Sie hatte am nächsten Tag einen Termin beim Kardiologen in der Uniklinik, und ihre Tochter hatte kurzfristig abgesagt, ein Kunde, ein wichtiges Meeting, sie könne wirklich nicht. Ob ich mitkäme. Ich sagte, ich hätte diese Feier. Sie stand da, in ihrem beigen Wollmantel, die Handtasche schon über der Schulter, als wäre sie sich sicher gewesen, dass ich Ja sagen würde, bevor ich es überhaupt gesagt hatte.
"Das kann man doch verschieben, das Abendessen", sagte sie. Nicht gemein. Eher verwundert, so, als hätte ich ihr gerade gesagt, dass Wasser bergauf fließt.
Und da – zum ersten Mal seit ich denken kann – sagte ich Nein. Ich bot ihr an, ein Taxi zu bestellen, mit ihr zu telefonieren, während sie wartete, ihr am Abend Bericht zu erstatten. Aber mitkommen konnte ich nicht.
Sie nickte, sagte, das sei schon in Ordnung, und ging zurück in ihre Wohnung. Die Tür fiel nicht laut ins Schloss, eher leise, fast vorsichtig, und genau das hat mich die ganze Nacht wachgehalten. Ich habe im Bett gelegen und mir vorgestellt, wie sie allein im Wartezimmer sitzt, mit dem Parkschein in der Hand, den sie nicht richtig lesen kann ohne ihre zweite Brille, die sie immer verlegt.
Bei "Alter Wirt" habe ich kaum etwas gegessen. Finn erzählte von seiner ersten eigenen Baustelle, eine Doppelhaushälfte in Nippes, und ich nickte an den richtigen Stellen, aber mein Kopf war drei Straßen weiter. Bettina hat es gemerkt. Sie fragte mich direkt: Glaubst du, Hannelore hätte einen Termin mit ihrer eigenen Tochter abgesagt, um mit dir mitzukommen? Ich hatte keine Antwort. Nicht weil ich glaubte, sie hätte es nicht getan – sondern weil mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich diese Frage in zwanzig Jahren nie gestellt hatte.
Zwei Tage später klingelte sie wieder. Der Termin war doch noch gegangen, ihre Tochter hatte sich am Ende freigeschaufelt, eine Stunde später als geplant, aber sie waren dort gewesen. Dann sagte Hannelore etwas, das mir noch lange nachging: "Ich glaube, ich hatte mich daran gewöhnt, dass du immer konntest."
Ich musste zugeben, dass ich nie widersprochen hatte. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren. Selbst wenn mir ein Termin ungelegen kam, sagte ich Ja und schob danach heimlich meine eigenen Pläne beiseite, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Woher hätte sie wissen sollen, dass es mich etwas kostete, wenn ich immer so tat, als koste es mich nichts?
Sie erzählte mir, dass sie sich bei ihren eigenen Kindern wie eine Last fühle, wenn sie um Hilfe bitte – bei mir dagegen nicht, weil ich nur einen Treppenabsatz entfernt wohnte und es sich einfacher anfühlte. Das verstand ich, wirklich. Aber ich sagte ihr auch, dass gute Nachbarschaft nicht bedeuten könne, dass mein Leben immer das erste sei, was man streicht, wenn etwas dazwischenkommt.
Wir sind nicht auseinandergegangen deswegen. Ich trage ihr noch immer mal die schweren Wassertüten aus dem Rewe hoch, begleite sie, wenn es wirklich passt. Sie selbst hat angefangen, öfter mit ihrer Tochter zu telefonieren, feste Tage abzusprechen, und für manche Termine bestellt sie jetzt einfach ein Taxi über die App, die ihr Enkel ihr eingerichtet hat.
Vor drei Wochen, an einem Donnerstag, fragte sie mich wieder. Ich hatte Wassergymnastik im Hallenbad Südstadt und danach mit ein paar alten Kollegen von der Sparkasse verabredet, Kaffee im "Café Central". Ich sagte, das ginge diesmal nicht. Sie antwortete nur: "Ist gut, ich komm schon klar." Und sie kam klar. Sie rief ein Taxi, kam eine Stunde später wieder zurück, klingelte kurz bei mir, um zu erzählen, wie es gelaufen war, als wäre nichts Besonderes daran.
Was ich seitdem tue, hat mit dem zu tun, was mir mein Bruder geraten hat, als ich ihm die Geschichte am Telefon erzählte. Er sagte, ich solle mal aufschreiben, wie viele Termine ich in den letzten sechs Jahren für Hannelore wahrgenommen habe, seit Klaus-Dieter gestorben ist. Ich habe es tatsächlich gemacht, mit altem Kalenderpapier und einem Kuli, an einem Regensonntag. Vierundzwanzig Arzttermine, sieben Behördengänge, unzählige Einkäufe. Sechs Jahre. Als ich die Liste fertig hatte, habe ich sie nicht Hannelore gezeigt – das wäre gemein gewesen, und darum ging es mir nicht. Ich habe sie mir selbst gezeigt.
Was ich jetzt anders mache, ist konkret: Ich trage meine eigenen Termine zuerst in den Kalender ein, mit Bleistift, bevor irgendjemand anderes fragt. Wassergymnastik dienstags und donnerstags, Kaffee mit den Kollegen jeden zweiten Freitag, der Sonntag für Bettina und Finn, fest, unverhandelbar. Erst danach schaue ich, was noch übrig ist für Hannelore, und das sage ich ihr auch so, offen, ohne Ausreden. Sie hat sich daran gewöhnt, schneller, als ich gedacht hätte.
Letzten Monat hat sie mir zum Geburtstag eine Flasche Wein geschenkt, einen Riesling von der Mosel, den mag ich besonders. Auf der Karte stand: "Danke, dass du ehrlich bist. Das hätte ich früher gebraucht." Die Karte steht jetzt auf meinem Küchenregal, neben der Kaffeemaschine, und ich lese sie manchmal, wenn ich morgens den Kaffee aufsetze und mir überlege, was heute wirklich meines ist und was ich freiwillig hergebe.
