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Die Werkstatt, die niemand mir mehr wegnehmen konnte
Ich heiße Matthias Bruckner, ich bin achtunddreißig, und ich repariere seit siebzehn Jahren Autos in einer kleinen Halle am Stadtrand von Leipzig, gleich neben dem Getränkemarkt an der Riesaer Straße. Man kennt mich dort, weil ich sonntags manchmal die Tür offenlasse, wenn jemand mit einer Panne liegenbleibt und nicht bis Montag warten kann. Diese Geschichte erzähle ich, weil ich lange gebraucht habe, um zu verstehen, warum meine Schwiegermutter mich für den Bösewicht hielt – dabei habe ich nur versucht, nicht unterzugehen.
Meine Frau Sabine ist vor vier Jahren gestorben, an einem Aortariss, mit einunddreißig, im Klinikum St. Georg. Ich saß im Wartezimmer und hörte, wie eine Maschine irgendwo piepte, und dann kam eine Ärztin mit einem Klemmbrett und sagte gar nichts, sie brauchte nichts zu sagen. Übrig blieb unsere Tochter Lotta, damals drei, und die Werkstatt, die eigentlich Sabines Vater gehört hatte – Herbert Wenzel, ein Mann, der lieber unter einem Auto lag als am Küchentisch zu sitzen.
Herbert hatte mir die Werkstatt zu Lebzeiten schon zur Hälfte überschrieben, notariell, noch bevor Sabine krank wurde. Das war sein Geschenk zur Hochzeit gewesen, kein Almosen. Nach seinem Tod, zwei Jahre vor Sabine, ging die andere Hälfte automatisch an Sabine – und nach ihrem Tod an mich und Lotta. Das steht so im Erbschein, ich habe ihn dreimal kopieren lassen, weil ich ahnte, dass ich ihn brauchen würde.
Meine Schwiegermutter, Renate Wenzel, sechzig, hat das nie akzeptiert. Für sie war die Werkstatt "das Lebenswerk ihres Mannes", und ich war der Fremde, der eingeheiratet und dann "das Glück gehabt hatte, dass Sabine so früh starb". Das hat sie mir tatsächlich einmal ins Gesicht gesagt, an einem Dienstagabend im März, als ich Lotta von der Kita abholte und Renate schon vor der Tür stand, mit einer Tupperdose Erbsensuppe, die ich nicht wollte.
Ich muss dazu sagen: Renate hat Lotta geliebt, das habe ich nie bezweifelt. Sie hat sie jeden zweiten Mittwoch abgeholt, ihr Zöpfe geflochten, die windschief saßen, weil Renates Hände dafür zu sehr zitterten. Aber die Liebe zu Lotta hat sie benutzt wie ein Werkzeug gegen mich. "Lotta braucht ihre Großmutter mehr als diese Bude", sagte sie einmal, als sie vor der Werkstatt stand und mit dem Fuß gegen den Reifenstapel trat, den ich extra ordentlich gestapelt hatte, weil am nächsten Tag der TÜV-Prüfer kommen sollte.
Der Streit eskalierte, als Renate anfing, bei meinen Kunden anzurufen. Ich weiß das, weil Frau Kessler, die seit Jahren ihren Passat bei mir warten lässt, mich eines Tages fragte, ob es stimme, dass ich "die Werkstatt bald verkaufen und mit dem Kind nach Spanien ziehen" wolle. Ich stand mit dem Schraubenschlüssel in der Hand und wusste erst gar nicht, wovon sie sprach. Renate hatte das erzählt – wahrscheinlich, damit die Kunden abspringen und ich pleitegehe und ihr die Werkstatt "zurückgeben" muss, wie sie es nannte.
Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Ich bin zu ihr gefahren, an einem Samstagvormittag im Mai, mit Lotta auf dem Rücksitz, die während der ganzen Fahrt "Bibi Blocksberg" hörte, und ich habe Renate gebeten, aufzuhören. Sie saß am Küchentisch, vor sich eine Kanne Pfefferminztee, die sie nicht anrührte, und sagte nur: "Du hättest sie beschützen sollen. Stattdessen liegst du unter Autos, während meine Tochter im Sarg liegt." Das war nicht fair – ich war nicht mal in der Stadt, als der Riss passierte, ich war auf einer Weiterbildung in Chemnitz –, aber ich habe nichts erwidert. Was hätte ich sagen sollen.
Der Bruch kam im Juli. Renate hatte über einen Anwalt eine Klage angestrengt, mit der Begründung, ich sei "nicht in der Lage, das Erbe von Lotta ordnungsgemäß zu verwalten", und beantragte eine Art Vormundschaft über Lottas künftigen Anteil an der Werkstatt. Der Brief kam per Post, in einem Umschlag mit dem Absender einer Kanzlei in der Karl-Liebknecht-Straße, und ich habe ihn zweimal gelesen, bevor ich begriffen habe, dass meine eigene Schwiegermutter versuchte, mir gerichtlich das Recht abzusprechen, für meine Tochter zu entscheiden.
An dem Abend habe ich Lotta ins Bett gebracht, ihr die Geschichte vom kleinen Maulwurf vorgelesen, obwohl sie sie schon auswendig konnte, und dann bin ich in die Werkstatt gefahren, mitten in der Nacht, und habe im Büro gesessen, zwischen Herberts alten Ordnern, die ich nie weggeworfen hatte. Dort lag auch die Kladde, in der Herbert handschriftlich vermerkt hatte, wie die Übertragung gemeint war: "für Sabine und ihre Familie, keinesfalls zur Aufteilung." Ich habe die Seite fotografiert und dem Anwalt geschickt, den ich mir jetzt auch nehmen musste, ob ich wollte oder nicht.
Die Verhandlung fand im September statt, im Amtsgericht Leipzig, ein fensterloser Saal mit Neonlicht, das mir sofort Kopfschmerzen bereitete. Renate saß mit ihrem Anwalt auf der anderen Seite, in einem grauen Kostüm, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und sah mich kein einziges Mal direkt an. Der Richter fragte nach dem Erbschein, nach der notariellen Urkunde, nach Herberts Kladde. Renates Anwalt argumentierte, ich hätte "wirtschaftliche Unzuverlässigkeit" gezeigt, weil die Werkstatt im vergangenen Jahr einmal drei Wochen wegen meines eigenen Bandscheibenvorfalls geschlossen war. Mein Anwalt legte die Steuerunterlagen der letzten fünf Jahre vor, schwarze Zahlen, jedes Jahr, sogar in dem mit dem Bandscheibenvorfall.
Der Richter brauchte keine zwanzig Minuten für seine Entscheidung. Die Klage wurde abgewiesen, vollständig, die Vormundschaftsfrage erledigte sich damit von selbst, weil kein Zweifel an meiner Verwaltung bestand. Renate stand auf, bevor der Richter überhaupt fertig gesprochen hatte, und ihr Anwalt musste sie am Ärmel zurückhalten, damit sie sich nicht einfach umdrehte und ging.
Ich hätte es dabei belassen können. Aber ich bin ihr auf dem Flur nachgegangen, mit der Mappe unter dem Arm, in der noch immer Herberts Kladde steckte, zusammen mit dem Beschluss des Gerichts, den ich mir extra zweifach hatte ausdrucken lassen. Ich habe ihr die Kopie in die Hand gedrückt und gesagt: "Das hier ist für dich. Damit du es schwarz auf weiß hast, falls du es je wieder vergisst." Sie hat das Papier nicht angeschaut, nur festgehalten, mit beiden Händen, wie man etwas festhält, das einem zu schwer geworden ist.
Ich habe danach mit meinem Anwalt vereinbart, dass Renates Umgangsrecht mit Lotta unangetastet bleibt – jeden zweiten Mittwoch, wie vorher, das wollte ich Lotta nicht nehmen. Aber ich habe die Werkstatt notariell in eine Familienstiftung überführt, mit Lotta als alleiniger Begünstigter und mir als Treuhänder bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag, damit niemand – auch ich selbst nicht, falls ich jemals wieder heirate oder mich verändere – je wieder daran rütteln kann. Zwölftausend Euro hat mich das gekostet, Notar und Anwalt zusammen, aber das war es mir wert.
Drei Wochen später stand Renate vor der Werkstatt, es regnete, und ich sah sie durch die Glasscheibe des Büros, wie sie unter dem kleinen Vordach stand und wartete, ohne zu klopfen. Ich bin rausgegangen, mit dem Overall noch an, die Hände nach Motoröl riechend, und sie sagte nur: "Ich habe die Papiere gelesen. Von der Stiftung." Ich nickte nicht, ich habe nur den Werkzeugkoffer abgestellt, den ich in der Hand hielt. "Das ist jetzt für Lotta gesichert, Renate. Niemand kann es ihr mehr wegnehmen. Auch du nicht." Sie stand da, die Tupperdose diesmal leer in der Hand, als hätte sie vergessen, sie überhaupt mitzubringen, und dann hat sie gesagt, sehr leise, fast unter dem Rauschen des Regens: "Dann darf ich sie wenigstens mittwochs noch abholen?" – "Ja", habe ich gesagt. "Das ändert sich nicht." Sie hat genickt und ist zu ihrem Auto gegangen, ohne sich umzudrehen, und ich bin zurück in die Werkstatt, wo Lottas Kinderzeichnung noch immer über meinem Werkbank hängt, mit einem roten Auto und drei Strichmännchen darauf, die alle lachen.
