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Die Dame im Rollstuhl und der Junge mit den löchrigen Schuhen

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Im Kurhaus von Baden-Baden hingen an diesem Novemberabend die Kristalllüster wie gefrorene Tränen über dem Parkett. Das Benefizgala der Stiftung "Lichtblick" für Rückenmarksverletzte hatte dreihundert Gäste zusammengebracht: Chefärzte aus Freiburg, Unternehmer aus Stuttgart, zwei Bundestagsabgeordnete und eine Handvoll Familien, die wussten, wie es sich anfühlte, einen geliebten Menschen im Rollstuhl zu begleiten.

Am Rand der Tanzfläche, direkt neben einer Säule mit weißen Lilien, saß Margarete Vollmer.

Siebenundfünfzig Jahre alt. Früher Konzertpianistin, bis ein Autounfall auf der B500 ihr vor elf Jahren die Beine nahm. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das ihre Schwester eigens für den Abend geschneidert hatte, und ihre Haare waren zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Man grüßte sie höflich. Man reichte ihr Champagner, den sie kaum anrührte. Niemand blieb lange stehen, um mit ihr zu reden. Die meisten wussten nicht, wohin sie schauen sollten, wenn sie den Rollstuhl sahen.

Margarete selbst hatte sich damit abgefunden. Woran sie sich nicht gewöhnt hatte, war das, was jeden Abend in ihr hochkroch, wenn die Musik begann und sie unbeweglich blieb, während sich alle anderen im Takt bewegten.

Gegen halb neun ging die Seitentür zum Garderobenbereich auf. Ein Junge, vielleicht sieben Jahre alt, schlüpfte herein, als hätte er sich von jemandem losgerissen. Seine Jeans war an den Knien geflickt, seine Turnschuhe hatten an der Sohle schon einen Riss, und sein Blazer – offensichtlich von einem älteren Cousin geerbt – saß ihm zwei Nummern zu groß. Er hieß Lukas, Sohn einer Küchenhilfe, die im Catering-Team des Kurhauses aushalf, und er war eigentlich angewiesen worden, in der Personalküche auf seine Mutter zu warten.

Lukas aber hatte andere Pläne. Er schlängelte sich zwischen den Abendkleidern durch, direkt auf Margarete zu, ohne eine Sekunde zu zögern. Er blieb vor ihrem Rollstuhl stehen, streckte die Hand aus und fragte mit einer Stimme, die durch den ganzen vorderen Bereich des Saals trug:

"Möchten Sie mit mir tanzen?"

Ein nervöses Lachen ging durch die nächststehenden Gäste. Ein Herr im Dinner-Jackett, offenbar ein Sponsor der Stiftung, beugte sich zu dem Jungen herunter und wollte vermitteln.

"Kleiner Mann… das geht leider nicht. Die Dame kann nicht tanzen."

Lukas sah ihn an, dann wieder Margarete. Keine Spur von Verlegenheit in seinem Gesicht.

"Ich glaube, sie kann."

Er schob die Unterlippe vor, so wie Kinder es tun, wenn sie überlegen, und sagte dann, fast trotzig:

"Weil der liebe Gott immer das letzte Wort hat."

Im Saal wurde es merkwürdig still. Das Orchester spielte weiter, aber niemand sprach mehr. Margarete spürte, wie sich ihr Hals zusammenzog. Seit elf Jahren hatte niemand sie gefragt, ob sie tanzen wolle. Die Leute fragten sie, ob sie Hilfe brauche, ob sie es bequem habe, ob sie ein Taxi rufen solle. Aber tanzen – das hatte niemand mehr gefragt, weil jeder dachte, die Antwort sei ohnehin klar.

Mit zitternden Händen streckte sie die Finger aus und legte sie in die kleine Hand des Jungen.

Was dann geschah, ließ den ganzen Saal verstummen. Lukas drehte sich nicht weg, zog sie nicht zur Tanzfläche, wie ein Erwachsener es vielleicht versucht hätte. Er stellte sich einfach seitlich neben den Rollstuhl, legte eine Hand auf die Armlehne, und begann, leicht im Takt zu wippen, während er mit der anderen Hand ihre Finger hielt. Er schob den Rollstuhl ein kleines Stück vorwärts, drehte ihn sanft zur Seite, wieder zurück – eine improvisierte Choreografie, die ein Kind sich eben ausdenkt, wenn es tanzen will und keine Regeln kennt.

Margaretes Schultern begannen sich zu bewegen. Zuerst zögerlich, dann freier. Sie hob die Arme, bewegte die Handgelenke im Takt der Geigen. Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben, zum ersten Mal an diesem Abend, und ein nasser Streifen lief ihr über die Wange bis zum Kinn, wo er hängen blieb, ohne dass sie ihn wegwischte.

Der Herr im Dinner-Jackett, der eben noch "das geht nicht" gesagt hatte, stand mit offenem Mund da. Eine Frau in Rot begann zu klatschen. Dann noch jemand. Innerhalb von Sekunden stand der gesamte Saal, dreihundert Gäste, auf den Füßen, applaudierend, manche mit feuchten Augen, während ein siebenjähriger Junge mit kaputten Turnschuhen eine Konzertpianistin im Rollstuhl über das Parkett des Kurhauses führte.

Lukas' Mutter, Hannah, kam aus der Küche gelaufen, als sie den Applaus hörte, in der Hand noch ein Geschirrtuch, mit dem sie sich die Finger abwischte. "Lukas! Was machst du da, ich hab doch gesagt—", rief sie, blieb aber mitten im Satz stehen, als sie sah, was passierte. Der Stiftungsvorsitzende, ein Chefarzt aus Freiburg, legte ihr die Hand auf den Arm. "Lassen Sie ihn", sagte er nur, und mehr nicht.

Nach dem Tanz nahm Margarete Lukas' Gesicht in beide Hände und fragte ihn, woher er gewusst habe, dass sie tanzen könne. Der Junge zuckte mit den Schultern, als wäre die Frage völlig überflüssig.

"Weiß nicht. Man sieht halt nicht, was fehlt."

Drei Wochen später saß Margarete in der Kanzlei ihres Anwalts in Baden-Baden, eine braune Mappe vor sich auf dem Tisch. In dieser Mappe lag das überarbeitete Testament, das sie noch am Abend der Gala in Auftrag gegeben hatte. Bislang war ihr gesamtes Vermögen – eine Eigentumswohnung am Leopoldsplatz und ein Flügel, den sie seit dem Unfall nicht mehr berührt hatte, insgesamt etwa dreihunderttausend Euro – testamentarisch ihrem Neffen zugedacht gewesen, der sie seit Jahren kaum besuchte und sie bei jedem Telefonat nur nach dem Stand ihrer Finanzen fragte.

Margarete änderte das. Sie richtete einen zweckgebundenen Fonds über fünfzigtausend Euro ein, verwaltet treuhänderisch über die Stiftung "Lichtblick", zur Finanzierung der Musikausbildung von Lukas – Klavierunterricht, Instrument, Fahrten zum Konservatorium nach Karlsruhe, bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr. Den Flügel, der seit elf Jahren in ihrem Wohnzimmer verstaubte, ließ sie am selben Tag abholen und zu Hannah in die Zweizimmerwohnung in der Lichtentaler Straße bringen.

Ihr Neffe erfuhr davon erst, als er wie gewohnt zum Monatsersten anrief, um nach dem Konto zu fragen, und Margarete ihm ruhig sagte, dass sie die Verfügung geändert habe und dass er den Grund im Testament bei ihrem Anwalt nachlesen könne, falls es ihn interessiere. Er rief danach noch zweimal an. Sie ging nicht mehr ans Telefon.

Der Flügel passte nicht durch die Wohnungstür. Die beiden Möbelpacker nahmen die Türzarge halb heraus, kippten das Instrument auf die Seite und schoben es Zentimeter für Zentimeter über den Flur, während Hannah im Wohnzimmer die Schrankwand zur Seite rückte und dabei leise vor sich hin schimpfte, dass niemand ihr gesagt hätte, wie groß das Ding eigentlich sei. Der Flügel stand am Ende quer vor dem Fenster, einen halben Meter vom Sofa entfernt, und es blieb kaum noch Platz, um an ihm vorbeizugehen.

Lukas setzte sich zum ersten Mal auf die Bank, die Füße noch nicht bis zum Boden reichend, und drückte eine einzelne Taste. Margarete, die darauf bestanden hatte, selbst zu kommen und zuzusehen, saß in ihrem Rollstuhl neben dem Instrument. Sie sagte nichts, legte nur die Hand auf die Armlehne, während der Ton durch den engen Raum schwang und langsam verklang.

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