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Der zusammengefaltete Brief aus der Obstschale in der Kantstraße

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Die siebzehnjährige Nele fand es unter den Schallplatten, im Schrank ihres Vaters, in der Wohnung in der Kantstraße in Berlin. Eine alte Zigarrenkiste, darin Unterlagen über eine Produktionsfirma, die ihr Vater, Matthias Berger, ein bekannter Musikproduzent – so bekannt, dass sie ihren eigenen Nachnamen im Ausweis irgendwann nicht mehr hören konnte –, vor zwanzig Jahren mit einem Partner gegründet hatte. Damals verstand Nele nicht, was sie da vor sich hatte. Erst ein Jahr später, als der Anwalt ihres Vaters im Wohnzimmer vor ihr saß und ihr erklärte, dass ihr ein Viertel der Firma, das eigentlich ihr hätte gehören sollen, nicht mehr gehörte, begriff sie es.

Aber man muss bei der Diagnose anfangen.

Matthias bekam die Ergebnisse im April, ein Tumor in der Leber, ein Stadium, das die Ärztin in der Charité nicht laut aussprechen wollte. Nele saß auf dem Flur, auf einem orangefarbenen Plastikstuhl, und zählte die Fliesen am Boden. Hundertzweiundsiebzig. Sie wusste nicht, warum sie zählte. Sie wusste nur, dass sie beim Zählen nicht weinte.

Zu Hause fing es langsam an. Zuerst schlief sie nicht mehr. Dann nahm sie Tabletten aus dem Medikamentenschrank ihrer Mutter, nicht um zu schlafen, sondern um nichts mehr zu spüren. In der elften Klasse wusste sie schon, wo man am Kotti bekam, was sie brauchte, und zu welchem Preis. Fünfzig Euro kostete ein Abend, an dem sie nicht an ihren sterbenden Vater dachte. Sie begann auch, sich nach dem Essen zu übergeben, nicht weil sie schlank sein wollte, sondern weil das die einzige Sache an ihrem Körper war, die sie noch selbst bestimmen konnte.

Niemand wusste, wie schlimm es wirklich war. Bis die Deutschlehrerin sie auf der Schultoilette fand, auf dem Boden sitzend, den Ärmel hochgekrempelt, mit frischen Schnitten am Arm.

Matthias und Karin, ihre Mutter, saßen in dieser Nacht bis drei in der Küche. Sie sprachen kaum. Karin weinte lautlos, ein zusammengefaltetes Handtuch vor den Augen, damit Nele es aus ihrem Zimmer nicht hören konnte. Matthias schrieb. Er schrieb drei Entwürfe und löschte sie wieder, dann schrieb er einen vierten, den er nicht löschte.

Am Morgen setzte er sich auf die Bettkante. Sie erinnert sich an sein Gewicht auf der Matratze, und daran, dass er für einen Mann, der als Jugendlicher mal Basketball gespielt hatte, viel zu dünn geworden war. Er las ihr den Brief vor. Sie erinnert sich an kein einziges Wort davon. Nur an den letzten Satz: "Es tut mir leid, dass wir das tun müssen. Ich liebe dich mehr, als du weißt." Er faltete das Blatt zusammen, legte es in die Obstschale auf der Kommode, neben eine Orange, die niemand aß, und sagte ihr, dass sie sie zu sehr liebten, um zu warten, bis es zu spät war.

Zwei Männer warteten an der Wohnungstür. Nele schrie. Sie erinnert sich, wie sie sich am Türrahmen festhielt. Karin stand im Flur, die Hand vor dem Mund, ohne sich zu rühren.

Man brachte sie in ein Wildnistherapie-Programm nach Montana, in den USA. Einundneunzig Tage ohne richtiges Bett, ohne Handy, ohne Mutter. Sie lernte, mit Birkenrinde und Feuerstein ein Feuer zu machen. Sie schlief unter einer Plane. Sie wusste nicht, dass in Berlin währenddessen der Tumor ihres Vaters weiterwuchs.

Danach kam sie in eine therapeutische Einrichtung mit Internat in den USA, im Bundesstaat Utah. Dort, in einem Zimmer mit weißer Wand und einem Fenster, das sich nur zehn Zentimeter öffnen ließ, bekam sie den letzten Anruf ihres Vaters. Es war Ende Dezember. Er sprach leise, lachte aber einmal über irgendeine Kleinigkeit, an die sie sich nicht mehr erinnert. Beide sagten "Ich liebe dich", und es war, ohne dass es einer aussprach, ein Abschied. Matthias starb zwei Tage später. Nele war nicht dabei. Sie begleitete ihn nicht, sah ihn nicht im Krankenhaus, stand nicht am Grab auf dem Friedhof. Sie erfuhr es von der Betreuerin des Internats, in einem Büro mit einem Landschaftsbild an der Wand.

Sie kam für den ersten Monat, für die Trauerzeit, zurück nach Deutschland, und flog dann wieder nach Utah, weil die Behandlung, hieß es, noch nicht abgeschlossen war.

Fünf Jahre brauchte sie, um so weit zu genesen, dass sie damit leben konnte. Sie zog von Wohnung zu Wohnung, erst in Neukölln, dann in Friedrichshain, und ließ sich schließlich im Wedding nieder, ausgerechnet in dem Kiez, der sie früher nur an Dealer erinnerte. Heute ist es ein kleines Atelier über einem Café, mit Licht, das um genau vier Uhr nachmittags auf die Leinwand fällt. Sie verkaufte erst Bilder, fing dann an, Kleidung zu entwerfen, und fand auf Deutsch, von dem sie selbst nicht erwartet hätte, dass es ihr je wieder gehören würde, ihre eigene Stimme.

Vor zwei Jahren gründete sie ein Modelabel namens "Viertel", einen Namen, nach dem niemand sie fragte, und genau so wollte sie es. In diesem Jahr veröffentlichte sie ein unabhängiges Album, zwölf Lieder, geschrieben, produziert und gesungen von ihr selbst. Das Cover malte sie selbst: ein oranger Fleck, wie eine Orange, die niemand aß. In derselben Zeit erfuhr sie auch, mit einunddreißig Jahren, dass sie Autistin ist. Das, sagte sie in einem Interview, sei das erste Mal gewesen, dass sie verstanden habe, warum sich so vieles für sie immer zu scharf angefühlt hatte.

Jemand fragte sie, ob sie den Weg ihres Vaters fortsetze. Sie antwortete: "Ich versuche nicht, seinen Platz einzunehmen. Ich versuche nur, meine eigene Ruhe zu finden."

Und diese Ruhe, wie sich in diesem Sommer herausstellte, hing auch mit dem Firmenviertel zusammen.

Sie griff wieder zur Zigarrenkiste, weil der frühere Geschäftspartner ihres Vaters, Bernd Kessler, sie wegen der Nutzungsrechte am Markennamen der Firma verklagte. Ihre Anwältin, Frau Dr. Sabine Wolter, erklärte ihr an einem Glastisch in ihrer Kanzlei am Kurfürstendamm, dass während der Zwangsaufenthalte in den USA jemand – Karin, notgedrungen angesichts einer angehäuften Anwaltsrechnung – in Neles Namen auf einen Teil der Firmenanteile verzichtet hatte, um die dritte Behandlungsrunde in der Schweiz zu finanzieren. Nele wusste von diesem Teil, aber nicht von seinem tatsächlichen Ausmaß. Zehn Jahre später waren die Anteile, die eigentlich ihr hätten gehören sollen, laut Gutachten eines Sachverständigen etwa hundertzehntausend Euro wert.

Sie schrie nicht. Sie weinte nicht vor Frau Wolter. Sie bat um die Akte. Um Papiere. Um den Vertrag. Um klare Namen.

Eine Woche später saß sie Bernd Kessler in seinem Büro gegenüber, in einem Bürohaus am Potsdamer Platz, zwölfter Stock, mit Blick auf die Sony-Center-Dächer. Er bot ihr einen Vergleich an, zwölftausend Euro und die Sache sei damit erledigt. Er sagte, mit derselben angenehmen Stimme wie immer, er habe "alles für ihren Vater getan" und "Nele solle bedenken, was Matthias gewollt hätte". Nele öffnete die Mappe auf ihrem Schoß, zog eine Kopie des Gutachtens heraus und legte sie auf den Tisch, zwischen zwei Tassen Kaffee, die keiner angerührt hatte. "Ich bin nicht hier, um mich daran zu erinnern, was mein Vater gewollt hätte", sagte sie. "Ich bin hier, um einzufordern, was mir zusteht." Sie holte ihr Handy heraus, öffnete die Banking-App, in der die Überweisung des Anwaltshonorars schon vorbereitet war, und unterschrieb digital, vor seinen Augen, eine Vollmacht, die die Bearbeitung der Gegenklage an Frau Wolter übertrug. Bernd stand auf, sagte, er werde "das mit seinen Anwälten prüfen", und verließ den Raum, bevor das Treffen offiziell beendet war.

Nele lief ihm nicht nach. Sie schloss die Mappe, bezahlte an der Kasse für beide Kaffee und trat auf die Potsdamer Straße hinaus, in eine Nachmittagssonne, die genau auf die linke Seite ihres Gesichts fiel.

Zwei Monate später erging ein Schiedsspruch: Nele erhielt hundertsechzigtausend Euro ausgezahlt, nicht die volle Summe, die der Sachverständige geschätzt hatte, aber deutlich mehr als die zwölftausend, die Bernd geboten hatte. Sie feierte nicht groß. Sie kaufte einen neuen Rahmen für das Foto ihres Vaters, das noch immer neben der Leinwand steht, an der sie im Atelier im Wedding malt, und steckte in eine Ecke des Rahmens einen kleinen zusammengefalteten Zettel, den außer ihr niemand liest.

Ein halbes Jahr nach dem Vergleich erzählte Karin ihr endlich den Teil, den sie all die Jahre verschwiegen hatte: Der Verzicht auf die Anteile sei nicht nur wegen der dritten Anwaltsrechnung in der Schweiz zustande gekommen, sondern auch, weil Bernd Kessler ihr selbst, ganz im Stillen, angeboten hatte, den Anteil günstig aufzukaufen, genau in dem Moment, in dem es ihr am schwersten fiel, Nein zu sagen. Nele hörte das am Telefon, an einem Abend, während sie einen orangefarbenen Fleck auf eine neue Leinwand auftrug. Sie reagierte nicht sofort. Sie legte das Telefon auf den Tisch, ohne aufzulegen, und verstrich die Farbe weiter, bis sie genau die Fläche bedeckte, die sie bedecken sollte.

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