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Der Werkstatthof in Bottrop

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Ich heiße Jonas Wehner, ich bin vierunddreißig, und die Autowerkstatt an der Gladbecker Straße gehört seit elf Jahren mir – jedenfalls auf dem Papier steht das erst seit letztem Herbst so. Vorher stand da meine Schwiegermutter, Renate Kolbe, als Mitinhaberin drin, weil mein Schwiegervater es damals so wollte, bevor er starb. Und ich habe nie ein Problem damit gehabt. Bis Renate anfing, jeden Mittwochnachmittag in die Werkstatt zu kommen, sich in mein Büro zu setzen und die Kontoauszüge durchzugehen, als wäre ich immer noch der Lehrling, den sie 2011 kennengelernt hat.

Ich weiß, wie das klingt, wenn man nur meine Version hört. Meine Frau Katja sagt, ich würde alles dramatisieren. Vielleicht. Aber ich saß da, mit Öl unter den Fingernägeln, dreiundzwanzig Uhr abends noch die Buchhaltung machend, während Renate mir am Telefon erklärte, dass "ihr Mann das anders gemacht hätte". Ihr Mann ist seit vier Jahren tot. Ich bin derjenige, der jeden Morgen um sechs die Rolltore hochzieht, der die Angestellten bezahlt, der sich mit dem Kunden aus Kirchhellen rumschlägt, der seinen Golf zurückhaben wollte, obwohl die Kupplung noch nicht fertig war.

Der Punkt, an dem alles kippte, war ein Dienstag im März. Ich hatte gerade einen Kredit über achtundvierzigtausend Euro aufgenommen, um die zweite Hebebühne zu erneuern – die alte hatte der TÜV beanstandet, und ohne sie hätte ich die Hälfte der Aufträge absagen müssen. Renate erfuhr davon nicht von mir. Sie erfuhr es von unserer Steuerberaterin, Frau Sanders, die dachte, Renate wüsste Bescheid, weil sie ja noch im Handelsregister als Mitgesellschafterin stand. Am selben Abend stand Renate in unserer Küche in Kirchhellen, mit einem Ordner unter dem Arm, und sagte, ich hätte "hinter ihrem Rücken" gehandelt.

Ich hab ihr erklärt, dass die Bank sowieso nur mit mir verhandelt hatte, weil ich der Geschäftsführer bin. Sie hat mir nicht zugehört. Katja stand daneben, mit einem Kaffeebecher in der Hand, den sie die ganze Zeit nicht abstellte, und sagte irgendwann leise: "Mama, lass ihn wenigstens ausreden." Renate hat nur mit dem Ordner auf den Tisch geklopft und gesagt, sie würde sich das "rechtlich ansehen lassen".

Was ich damals nicht wusste: Renate war schon zwei Wochen vorher bei einem Anwalt in Essen gewesen. Nicht um mich zu verklagen – das kam erst später als Drohung ins Spiel – sondern um zu klären, wie viel ihr Anteil an der Werkstatt eigentlich wert war, für den Fall, dass sie ihn "zu Geld machen" wollte. Sie hatte Angst, glaube ich. Angst, dass ihr Mann ihr nichts hinterlassen hatte außer einem Papieranteil an etwas, das ich führte und über das sie keine Kontrolle mehr hatte. Das habe ich erst Monate später verstanden, als es fast zu spät war.

Im Mai eskalierte es. Renate rief bei zwei unserer größten Stammkunden an – einer Spedition aus Gladbeck, die uns ihren gesamten Fuhrpark zur Wartung brachte – und erzählte, die Werkstatt stehe "vor finanziellen Schwierigkeiten", man solle vielleicht vorsichtig sein mit neuen Aufträgen. Ich erfuhr davon, weil der Disponent der Spedition, ein Mann namens Herr Brankamp, mich anrief und fragte, ob an dem Kredit "was faul" sei. Ich stand in dem Moment unter einem Kastenwagen, mit einer Ölwanne in der Hand, und hab sie fast fallen lassen.

Ich bin an dem Abend nicht zu Renate gefahren. Ich bin zu Katja gegangen, die gerade das Abendessen für unsere Tochter Mia machte, Nudeln mit Tomatensoße, das Radio lief im Hintergrund, irgend so ein Lokalsender mit Verkehrsmeldungen für die A42. Ich hab ihr erzählt, was ihre Mutter getan hatte. Katja hat den Löffel hingelegt, sich hingesetzt und lange nichts gesagt. Dann hat sie gefragt: "Bist du sicher, dass es Mama war und nicht jemand anders?" Das hat mich getroffen, ehrlich gesagt, mehr als Renates Anruf selbst.

Ich hab Herrn Brankamp gebeten, es schriftlich zu bestätigen, was ihm gesagt wurde und von wem. Er hat es getan, aus Kollegialität, glaube ich, weil wir seit acht Jahren zusammenarbeiten. Mit dieser Mail bin ich zu unserer Anwältin gegangen, Frau Dr. Osei, die die Werkstatt schon bei der Gründung beraten hatte. Sie hat mir gesagt, was ich eigentlich schon ahnte: Renates Gesellschafteranteil war zwar im Handelsregister eingetragen, aber im Testament meines Schwiegervaters stand ausdrücklich, dass die operative Führung und das Stimmrecht bei mir liegen sollten, sobald ich fünf Jahre die Werkstatt eigenständig geführt hätte. Das war seit zwei Jahren der Fall. Ich hatte es nur nie eingefordert, aus Rücksicht.

Die Auseinandersetzung selbst fand nicht am Telefon statt, so wie Katja es sich gewünscht hätte, sondern an einem Samstagvormittag, in der Werkstatt selbst, zwischen den beiden Hebebühnen, während draußen ein Kunde auf seinen fertigen Passat wartete. Renate kam mit dem Ordner, wieder diesem Ordner, und legte ihn auf die Werkbank, direkt neben einen Satz Bremsscheiben. Ich hab ihr die Mail von Herrn Brankamp gezeigt, ausgedruckt, und daneben die Kopie des Testaments, die Frau Dr. Osei mir mitgegeben hatte.

"Du hast unseren größten Kunden angerufen und ihm erzählt, wir stehen vor der Pleite", hab ich gesagt. Kein erhobener Ton, das will ich betonen, ich hab einfach nur die Blätter nebeneinandergelegt. Renate hat den Mund aufgemacht, wieder etwas von "ihrem Mann" sagen wollen, und dann hat Katja, die dazugekommen war, ohne dass ich es gemerkt hatte, gesagt: "Mama. Hör auf. Das reicht jetzt." Nicht laut. Aber so, dass Renate tatsächlich aufgehört hat zu reden.

Das war der Moment, an dem sich für mich alles geändert hat – nicht weil ich gewonnen hatte, sondern weil Katja zum ersten Mal klar zwischen uns Stellung bezogen hatte, ohne "vielleicht" und "aber Mama meint es doch nur gut".

Zwei Wochen später saßen wir bei Frau Dr. Osei im Büro in der Essener Innenstadt, Renate, Katja und ich. Ich hab Renate ein Angebot gemacht, das ich mir lange überlegt hatte: Ich zahle ihren Gesellschafteranteil zum tatsächlichen Verkehrswert aus, ermittelt durch einen unabhängigen Gutachter, in monatlichen Raten über drei Jahre, insgesamt siebenundsechzigtausend Euro. Dafür verzichtet sie schriftlich auf jedes Mitspracherecht, auf den Handelsregistereintrag, auf alles. Sie bekommt ihr Geld, ich bekomme meine Ruhe.

Renate hat drei Tage gebraucht, um zu unterschreiben. Ich weiß, dass sie in der Zwischenzeit noch einmal bei dem Essener Anwalt war, der ihr wohl gesagt hat, dass sie vor Gericht mit dem Testament in der Hand ohnehin verlieren würde. Als sie schließlich unterschrieb, in Frau Dr. Oseis Büro, mit einem Kugelschreiber, den die Kanzlei extra für solche Anlässe bereithält, hat sie kein Wort gesagt. Sie hat die Mappe zugeklappt und ist gegangen.

Der Handelsregisterauszug, den ich zwei Monate später mit meinem Namen als alleinigem Geschäftsführer und Gesellschafter in der Hand hielt, war ein einzelnes Blatt Papier, unscheinbar, mit einem Amtsstempel aus Recklinghausen. Ich hab es Katja auf den Küchentisch gelegt, neben ihre Kaffeetasse, ohne etwas dazu zu sagen. Sie hat es gelesen, dann mich angesehen und gefragt, ob wir jetzt zum Grillfest bei ihrer Cousine in Dorsten noch kommen wollten. Ich hab ja gesagt. Renate war da, natürlich, stand am Rand der Terrasse mit einem Glas Apfelschorle, und als ich an ihr vorbeiging, um Mia von der Schaukel zu holen, hat sie kurz genickt. Mehr nicht. Aber es war das erste Mal seit dem März, dass sie mich überhaupt angesehen hat.

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