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Das rote Kleid in der Maximilianstraße
Lina Brandt hatte nur die Stoffkante zwischen zwei Fingern reiben wollen. Eine Sekunde, nicht mehr.
Das Kleid hing im Schaufenster der Boutique Vallier in der Maximilianstraße, unter einem Strahler, der es aussehen ließ, als würde es von innen leuchten. Tiefrot, Seide, ein Schnitt, der jede Bewegung mitzudenken schien. Lina war von der U-Bahn-Haltestelle Lehel aus einfach hineingegangen, auf dem Weg von ihrer Spätschicht im Call-Center, noch in der schwarzen Fleecejacke, mit den Haaren, die nach drei Stunden am Telefon irgendwo zwischen Zopf und Chaos hingen. Acht Komma vier null Euro die Stunde, plus fünfzig Cent Nachtzuschlag ab zwanzig Uhr. Sie hatte die Summe im Kopf schon dreimal durchgerechnet, bevor sie überhaupt die Tür aufgedrückt hatte.
Sie wollte es nur spüren. Wie sich Seide anfühlt, die neunhundertzwanzig Euro kostet.
Die Geschäftsführerin kam aus dem hinteren Teil des Ladens geschossen, als hätte sie es gerochen.
„Finger weg von dem Kleid!"
Nicht leise. Die ganze Boutique drehte sich um. Zwei Kundinnen am Schmuckregal, eine Verkäuferin mit einem Kleiderbügel in der Hand, alle auf einmal.
„Ich hab doch nur—"
„Das ist ein Einzelstück. Verstehen Sie, was das bedeutet?" Die Frau, Mitte vierzig, Namensschild mit „S. Dornbach, Filialleitung", hatte Linas Handgelenk schon losgelassen, aber der Ton hing noch in der Luft wie Rauch.
Linas Gesicht wurde heiß. Sie steckte die Hände in die Jackentaschen, als könnte man sie dort besser verstauen, murmelte etwas, das wie eine Entschuldigung klingen sollte, und drehte sich zur Tür.
Da sagte eine Stimme hinter ihr, ohne Eile:
„Sie zieht es an."
Lina blieb stehen, die Hand schon an der Türklinke. Frau Dornbach drehte sich um, mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Ärger und Unsicherheit schwankte.
Der Mann stand neben dem Kassentresen, grauer Mantel über einem dunklen Anzug, den er offenbar direkt aus einem Termin hierher mitgebracht hatte. Vielleicht Ende fünfzig. Er hatte dort schon eine Weile gestanden, unauffällig, ein Kunde, der angeblich auf seine Frau wartete.
„Wie bitte?"
„Das Model, das heute Abend das Kleid für die Fotos tragen sollte, hat abgesagt." Er sprach, als würde er etwas Selbstverständliches erklären. „Ich übernehme die Kosten. Komplett."
Frau Dornbach öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Dreihundert Euro Trinkgeld waren eine Sache, aber ein Mann, der einfach die Kontrolle über ihren Laden übernahm, eine andere.
„Ich… ich kann das nicht annehmen", sagte Lina und machte schon den ersten Schritt zur Tür.
„Sie nehmen nichts an", sagte der Mann. „Sie tun mir einen Gefallen. Das Kleid muss heute noch fotografiert werden, für den Katalog. Irgendjemand muss es tragen."
„Fragen Sie doch eine von denen." Lina nickte zu den beiden Kundinnen am Schmuckregal hin. „Die passen bestimmt besser in so was."
„Die sind schon gegangen", sagte Frau Dornbach schnell, obwohl beide Frauen noch deutlich sichtbar an ihrem Regal standen. Niemand widersprach ihr.
Es war gelogen, offensichtlich, und doch klang es nicht wie eine Lüge, sondern wie eine Einladung, bei der niemand das Gesicht verlieren musste. Frau Dornbach, die gerade noch eine Kundin angeschrien hatte, rechnete im Kopf schnell nach — ein Kunde, der neunhundertzwanzig Euro für ein Kleid zahlt, das sie sonst ohnehin reduzieren müsste, war kein Kunde, den man verliert.
„Die Umkleide ist hinten links", sagte sie, plötzlich um zwei Grad freundlicher.
Lina zögerte am Vorhang. „Warum machen Sie das?"
Der Mann lächelte, aber es war ein Lächeln, das nicht bei den Augen ankam. „Weil manche Dinge zu schade sind, um sie nur anzusehen."
Zwanzig Minuten später bewegte sich etwas hinter dem Vorhang. Eine Verkäuferin hatte Linas Haare mit zwei, drei Klammern hochgesteckt, mehr Improvisation als Stil, und trotzdem.
Der Vorhang ging zur Seite.
Niemand im Laden atmete.
Die schüchterne Frau, die man eben noch wegen eines Fingertipps auf Stoff beschämt hatte, war verschwunden. Unter dem Deckenstrahler stand jemand, bei dem die rote Seide genau das tat, wofür sie geschnitten worden war — sich bewegen, als wäre sie ein Teil des Körpers darunter. Die zwei Kundinnen am Regal drehten sich komplett um. Die Verkäuferin mit dem Bügel ließ die Hand sinken.
Frau Dornbach brachte keinen Ton heraus.
Aber niemand im Raum war so erschüttert wie der Mann im Anzug.
Er stand auf, als würde ihn etwas von der Bank hochziehen, das stärker war als sein eigener Wille. Seine Finger fanden den Rand des Fotoetuis in seiner Manteltasche, bevor er es überhaupt herausgezogen hatte.
„Mein Gott", sagte er, kaum lauter als ein Atemzug. „Du siehst aus wie sie. Genau wie sie, damals."
Lina blieb mitten im Raum stehen, die Hand noch an der Seide auf ihrer Hüfte. „Wie wer?"
„Entschuldigung, das ist… das klingt jetzt komisch." Der Mann setzte sich wieder, weil die Beine ihn nicht mehr trugen. „Ich heiße Herbert Thalheim. Ich suche seit Jahren nach jemandem. Eine Frau, die vor achtundzwanzig Jahren ein Kind bekommen hat, von dem ich erst viel später erfahren habe."
„Und was soll ich damit zu tun haben." Lina verschränkte die Arme, so gut es in dem engen Kleid ging.
„Das Model, das heute hätte kommen sollen — ich hatte vorher ihren Lebenslauf gesehen, nur den Namen, keine Fotos. Christa Berger stand da. Als sie absagte, hab ich gedacht, dumme Idee, wieso denkst du jetzt schon wieder an—" Er brach ab, strich sich über den Mund. „Christel Berg hieß die Frau, die ich gesucht habe. Nicht Berger. Ich weiß, das ist nicht dasselbe. Ich wollte nur… in der Stadt sein, wo sie zuletzt gemeldet war, falls sich doch noch was ergibt."
„Sie sind hier, weil eine Verwechslung Sie an jemanden erinnert hat." Lina schüttelte den Kopf. „Das ist keine Suche, das ist Zufall mit Hoffnung verwechselt."
„Ich weiß, wie es klingt." Herbert zog jetzt das Fotoetui doch heraus, öffnete es aber nicht sofort, hielt es nur in beiden Händen wie etwas, das zerbrechen könnte. „Darf ich Ihnen trotzdem ein Foto zeigen? Wenn Sie sagen, das hat nichts mit Ihnen zu tun, gehe ich, und das Kleid gehört Ihnen trotzdem."
„Ich hab in zwanzig Minuten die nächste Bahn", sagte Lina, blieb aber stehen.
Frau Dornbach, die noch eben mit erhobener Stimme über Eigentumsrechte an einem Kleid gesprochen hatte, trat jetzt unwillkürlich einen Schritt zurück.
Er klappte das Etui auf. Eine junge Frau, lachend, in rotem Kleid, vor einem Auto, das aussah wie ein alter Opel Kadett.
Lina nahm das Foto nicht. Sie stand nur da und sah hin, die Finger an der Naht ihres Ärmels, ohne sie zu lösen. „Meine Mutter hatte mal so ein Auto. Sie hat's verkauft, bevor ich zehn war."
„Wie heißt Ihre Mutter?"
„Das sag ich nicht irgendeinem Fremden in einer Boutique." Sie sagte es trotzdem, kurz darauf, leiser: „Christel. Christel Berg."
Es blieb still, bis auf das Summen der Deckenlampen.
„Das reicht nicht", sagte Lina dann, schneller als sie wollte. „Ein Name und ein altes Foto. Das reicht für gar nichts. Ich kenn Sie nicht, Sie kennen mich nicht, und ich zieh jetzt dieses Kleid aus und fahr nach Hause."
„Das ist richtig", sagte Herbert. „Sie haben recht. Ein Name reicht für nichts."
Sie ging trotzdem nicht zur Umkleide. Sie stand da, mit der Hand am Reißverschluss, zog ihn aber nicht auf.
„Warum jetzt. Warum ausgerechnet hier." Es war mehr Vorwurf als Frage.
„Ich war wegen einer Besprechung in der Stadt", sagte Herbert. „Ich hab vor zwei Jahren über eine alte Kollegin von früher rausgefunden, dass Christel wohl mal in München gemeldet war. Mehr nicht, keine Adresse, nichts, wofür man zu einer Detektei geht. Ich bin heute nur zufällig hier reingekommen, um die Zeit zu überbrücken, und dann—" Er zeigte auf das Kleid. „Ich weiß, wie das klingt. Ich wäre selbst skeptisch."
„Das ist zu viel Zufall." Lina sagte es wie eine Anklage, nicht wie eine Feststellung, die sie beruhigte.
„Ja", sagte Herbert nur. „Ist es."
Niemand löste das auf. Es blieb zwischen ihnen stehen wie ein Gegenstand, den beide nicht anfassen wollten.
Lina setzte sich schließlich neben ihn auf die Samtbank, die eigentlich für wartende Ehemänner gedacht war, das Kleid noch an, die Hände flach auf den Knien.
„Ich will keine Lüge", sagte sie. „Ich will keinen DNA-Test, der in sechs Wochen kommt und mir dann sagt, dass es ein Irrtum war."
„Dann machen wir ihn heute", sagte Herbert. „Jetzt, morgen früh, in jedem Labor, das Sie wählen. Ich zahle dafür genauso wie für das Kleid, und wenn das Ergebnis Nein heißt, kaufe ich Ihnen trotzdem das Kleid, und wir gehen jeder unseren Weg."
Frau Dornbach, die bis dahin stumm an der Kasse gestanden hatte, räusperte sich leise. „Ich hole Ihnen Wasser", sagte sie, zur Umkleide gewandt.
Lina lehnte das Wasser nicht ab. Sie stellte es nur neben sich auf die Bank, ohne zu trinken, und drehte das Glas einmal um die eigene Achse, als würde das irgendetwas sortieren.
Der Test, drei Tage später in einer Praxis in der Nymphenburger Straße, bestätigte, was im Laden schon niemand mehr ernsthaft bezweifelt hatte. Vater und Tochter, zu 99,998 Prozent.
Lina rief ihre Mutter nicht an, um zu weinen oder Vorwürfe zu machen. Sie fuhr nach Augsburg, wo Christel seit zwölf Jahren in einer kleinen Wohnung über einer Bäckerei lebte, und legte ihr das Laborpapier auf den Küchentisch, zwischen Kaffeetasse und Zeitung.
„Das ist er", sagte Lina. „Herbert Thalheim. Du hast mir achtundzwanzig Jahre lang eine Lücke anstelle eines Namens gegeben."
Christel sah lange auf das Papier, dann auf ihre Tochter, dann wieder auf das Papier. „Woher—" Sie brach ab. „Wo hast du ihn getroffen?"
„In einer Boutique. Ich hab ein Kleid angefasst, und auf einmal—" Lina winkte ab, als könnte sie den eigenen Satz nicht zu Ende bringen. „Das ist jetzt egal. Rede mit mir über ihn."
„Er hatte Geld, Lina. Richtiges Geld, Anwälte, eine Familie, die ihn nicht mit mir geteilt hätte. Ich dachte, er nimmt dich mir weg, und ich bleib mit gar nichts zurück."
„Das war deine Angst."
„Natürlich war's meine Angst, wessen denn sonst." Christel schob die Zeitung ein Stück zur Seite, als würde das Platz schaffen. „Glaubst du, ich hab mir das ausgesucht, mit achtundzwanzig allein in Nürnberg, mit einem Bauch und 'nem Typen, der auf einmal nicht mehr ans Telefon ging?"
„Er ist aber ans Telefon gegangen, als ich angerufen hab. Sofort."
„Dann war's wohl diesmal anders." Christel griff nach der Kaffeetasse, trank aber nicht, stellte sie nur wieder hin. „Ich hätt's dir sagen sollen. Irgendwann. Nicht so."
„Wann denn. Ich bin achtundzwanzig."
„Ich weiß, wie alt du bist, ich war dabei." Christel presste die Lippen zusammen, dann, leiser: „Jedes Jahr dachte ich, jetzt ist's zu spät, jetzt macht's die Sache nur schlimmer. Und dann war wieder ein Jahr vorbei."
Sie saßen beide am Tisch, ohne dass eine von ihnen aufstand, bis Lina schließlich das Laborpapier zurück in die Mappe steckte, die sie eigens dafür gekauft hatte, mit einem festen Verschluss.
Herbert bot ihr nichts an, was nach Wiedergutmachung in Geld aussah, und Lina hätte es ohnehin abgelehnt. Aber er tat etwas Konkretes: Er übertrug ihr formell ein Depot, das er seit Jahren für ein Kind zurückgelegt hatte, das er nie hatte finden können — sechzigtausend Euro, notariell auf ihren Namen überschrieben, in einer Kanzlei in der Brienner Straße.
Drei Wochen später ging Lina noch einmal in die Boutique Vallier, mit ihrem eigenen Gehalt in der Tasche, nicht Herberts Geld. Frau Dornbach kam ihr diesmal entgegen, nicht geschossen, sondern mit beiden Händen schon am Kleid, das sie extra aus dem Schaufenster genommen hatte.
„Fünfzehn Prozent", sagte Frau Dornbach, bevor Lina überhaupt gefragt hatte. „Mitarbeiterrabatt. Quasi."
„Ich arbeite doch gar nicht hier."
„Heute schon." Frau Dornbach legte das Kleid über den Arm und ging zur Kasse, als wäre das die normalste Sache der Welt.
