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Der Kredit, den ich nicht unterschrieben habe

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Ich arbeite seit vierzehn Jahren bei der Sparkasse in Regensburg, Schalter drei, und man glaubt gar nicht, wie viel man über fremde Familien erfährt, wenn man nur zuhört und Kontoauszüge ausdruckt. Frau Brenner kannte ich schon, bevor die Sache mit ihrer Tochter losging – eine ruhige Frau Anfang fünfzig, Krankenschwester im Klinikum, kam immer donnerstags in der Mittagspause, roch nach Desinfektionsmittel und hatte diesen Kaffeebecher aus der Cafeteria dabei, auf dem "Team Nachtschicht" stand.

An einem Donnerstag im März kam sie anders herein. Keine Mittagspause, kein Becher. Sie setzte sich, legte die Hände auf den Tresen und fragte, ob sie einen Kredit über sechstausend Euro aufnehmen könne. Ich zog die Formulare raus, wie man das eben tut, und fragte nach dem Verwendungszweck, weil das bei der Höhe Pflichtfeld ist.

"Für meine Tochter", sagte sie. "Sie hat drei Monatsmieten nicht bezahlt."

Ich habe in vierzehn Jahren gelernt, nicht zu fragen. Aber sie fing selbst an zu reden, während draußen ein Linienbus quietschend an der Haltestelle hielt und irgendwo im Nebenraum jemand den Kaffeeautomaten fluchend reparierte.

Ihre Tochter Melissa, sechsundzwanzig, arbeitet in einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt, verdient nach eigener Aussage der Mutter genug, um allein zurechtzukommen. Vor sechs Monaten war ihr Freund eingezogen, ein gewisser Kevin, der seinen Job in einem Lagerhaus in Neutraubling gekündigt hatte, weil sein Chef ihn angeblich "ausgebeutet" habe. Seither zahlte Melissa alles. Miete, Strom, Internet, Lebensmittel, sogar das Bier, das er samstags mit Kumpels trank.

Frau Brenner erzählte, dass Melissa sie in den letzten Monaten mehrfach um fünfzig, sechzig Euro gebeten hatte – angeblich für die Stromrechnung. Einmal hatte Frau Brenner ihr sogar hundert Euro überwiesen, direkt von diesem Schalter aus, ich erinnere mich, weil sie den Überweisungsträger falsch ausgefüllt hatte und ich ihn zweimal neu drucken musste. Später stellte sich heraus: Die Stromrechnung war schon bezahlt. Das Geld war fürs Wochenende draufgegangen.

Und dann die Sache mit dem Roller. Zweieinhalbtausend Euro hatte Melissa ihm gegeben, damit er als Essenslieferant arbeiten könne. Der Roller stand jetzt seit fast drei Monaten vor dem Haus. Gearbeitet hatte Kevin in dieser Zeit an schätzungsweise zehn Tagen.

"Ich bin letzten Dienstag unangemeldet vorbeigefahren", sagte Frau Brenner. "Meine Tochter hatte ihre Unterlagen bei mir vergessen. Er lag auf dem Sofa, in kurzer Hose, mit dem Handy. Elf Uhr vormittags. Ich hab gefragt, warum er nicht arbeitet. Er meinte, es gäbe nicht genug Bestellungen, da lohne sich das Rausfahren nicht."

Ich erinnere mich, dass in dem Moment ein Kunde hinter ihr in der Schlange ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf den Tresen klopfte, und ich ihm mit einer Handbewegung bedeutete, noch einen Moment zu warten. Frau Brenner hatte die Unterlagen für den Kredit schon vor sich liegen, aber sie unterschrieb nicht.

Sie erzählte weiter, fast als müsste sie es sich selbst noch einmal laut vorsagen, um es zu glauben. Wie Melissa am Samstag noch dreißig Euro gebraucht hatte, angeblich fürs Essen. Wie sie am selben Wochenende ein Foto sah, auf dem Kevin mit Freunden in einer Kneipe am Neupfarrplatz saß, ein Bier vor sich. Wie sie ihre Tochter fragte, woher das Geld für Bier komme, wenn es doch nicht mal fürs Essen reiche. Und wie Melissa nur geantwortet hatte: "Ich hab ihm was gegeben. Er kann doch nicht jeden Samstag zu Hause hocken."

Als der Vermieter dann die Fünf-Tage-Frist gesetzt hatte – zahlen oder ausziehen –, war Melissa zu ihrer Mutter gekommen und hatte um mehrere tausend Euro gebeten, in Raten zurückzuzahlen, versprach sie. Frau Brenner hatte gesagt: Erst will ich mit euch beiden reden.

Kevin sei wütend gekommen, erzählte sie mir, und das Erste, was er gesagt habe, war: "Unsere Finanzen gehen niemand anderen was an." Sie hatte ihn gefragt, wie viel er in sechs Monaten zur Miete beigetragen habe. Nichts. Wie viel er vom Roller-Geld zurückgezahlt habe. Nichts. Wie viel er diesen Monat als Kurier verdient habe. Keine Antwort.

"Verkauft den Roller und bezahlt die Miete", hatte sie gesagt. Und Kevin habe sofort erwidert, der Roller gehöre ihm, er verkaufe sein einziges Arbeitsmittel nicht. Melissa hatte ihn verteidigt, gesagt, ohne Roller nehme man ihm die letzte Chance, wieder Geld zu verdienen.

"Ich hab ihnen gesagt, ich zahle die Schulden nicht", sagte Frau Brenner zu mir, während sie mit dem Daumennagel eine Kerbe in den Rand des Kreditantrags drückte, die dort eigentlich nicht hingehörte. "Ich hab angeboten, dass Melissa vorübergehend zu mir zieht, bis sie wieder auf die Beine kommt. Unter einer Bedingung: Sie kommt allein. Sie hat angefangen zu weinen. Er hat gesagt, ich würde ihre finanzielle Notlage ausnutzen, um sie auseinanderzubringen."

Zwei Tage später also saß sie nun bei mir, mit der Bitte um sechstausend Euro – drei Monatsmieten plus, wie sich beim Ausfüllen des Antrags herausstellte, noch Kreditkartenschulden ihrer Tochter, die Frau Brenner erst jetzt erwähnte, fast beiläufig, als sie die Summe im Feld "Verwendungszweck" eintragen sollte. Melissa hatte die Karte für Lebensmittel, Benzin, Rechnungen benutzt – für beide.

Ich fragte, ob sie sich das gut überlegt habe. Das muss ich bei dieser Summe fragen, das ist Vorschrift. Aber ich meinte es auch ehrlich.

Sie saß eine ganze Weile da. Draußen fuhr der nächste Bus vor, die Türen zischten. Dann schob sie den unterschriftsreifen Antrag ein Stück von sich weg, nicht wütend, eher wie jemand, der ein Tablett zurückgibt, das er sich doch nicht bestellt hat.

"Nein", sagte sie. "Ich nehme den Kredit nicht auf."

Sie stand auf, steckte ihre Geldbörse zurück in die Handtasche und sagte, mehr zu sich selbst als zu mir: "Sie bekommt ein Zimmer bei mir. Für ihn gibt's keins."

Ich habe den Antrag noch am selben Nachmittag geschreddert, wie man das mit nicht unterschriebenen Formularen tut. Ob Melissa am Ende allein eingezogen ist, weiß ich nicht – das steht in keinem Kontoauszug. Aber Frau Brenner kam am folgenden Donnerstag wieder zur Mittagspause, mit ihrem Becher "Team Nachtschicht", bestellte einen Kaffee aus dem inzwischen reparierten Automaten und wechselte nur zwei Worte am Schalter: eine Überweisung für die Autoversicherung, nichts weiter.

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