З життя
Не dein Ernst
# Nicht dein Ernst
Ich arbeite seit neun Jahren bei der Stadtbibliothek in Freiburg, dritte Etage, Lesesaal Süd. Ich kenne meine Stammleser. Frau Dorner kommt jeden Dienstag um Punkt zehn, leiht zwei Krimis und einen Reiseführer, den sie nie behält. Herr Yilmaz bringt seinen Laptop, setzt sich an Tisch sieben und tippt bis zum Nachmittag an irgendeinem Roman, den keiner zu sehen bekommt.
Und dann sind da die Leute, die man sofort erkennt, obwohl man sie zum ersten Mal sieht. Die, die hier nicht zum Lesen herkommen.
An einem Donnerstag im November, so gegen halb sechs, war der Saal fast leer. Draußen regnete es seit dem Morgen, die Fenster beschlagen, irgendwo tropfte Wasser in einen Eimer, den der Hausmeister auf die Fensterbank gestellt hatte. Ich sortierte zurückgegebene Bücher auf einen Wagen, als die Glastür aufging und eine Frau hereinkam. Mantel, nasse Haare, eine Stofftasche über der Schulter. Sie setzte sich an den Tisch ganz hinten, ans Fenster, und legte den Kopf auf die Hände. Einfach so. Ohne ein Buch zu nehmen, ohne den Mantel auszuziehen.
Ich stempelte weiter. Drei Bücher. Fünf. Sieben. Sie rührte sich nicht. Nach ein paar Minuten holte sie ein Handy aus der Tasche, schaute auf das Display, legte es mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch. Dann wieder Kopf auf die Hände.
Um zehn vor sechs kam ein Mann herein. Groß, teurer Mantel, die Schuhe nass vom Regen. Er ging zielstrebig zu ihrem Tisch, blieb stehen. Ich hörte nicht, was er sagte. Aber ich sah, wie sie den Kopf hob, und ich sah, dass ihre Augen geschwollen waren. Nicht geweint — müde. So müde, wie Leute aussehen, die seit Tagen nicht geschlafen haben.
Der Mann beugte sich zu ihr hinunter. Ich stellte den Stempel weg und tat so, als würde ich das Signaturschild des nächsten Buches prüfen. In Bibliotheken lernt man, unauffällig zuzuhören.
„Du hast sie einfach vor der Bank stehen lassen", sagte er, so halblaut. „Sie stand eine Stunde im Regen. Wegen dir."
Die Frau sagte nichts.
„Ich hab dir gesagt, wie wichtig das ist", fuhr er fort. „Sie muss pünktlich zur Arbeit. Du hättest dich beeilen können."
Jetzt hob sie den Kopf. „Ich hatte einen Kurs bis fünf. Ich bin sofort losgefahren."
„Offenbar nicht."
„Robert, deine Schwester hat ein Auto. Ich hab das gesehen. Am Samstag stand sie damit beim Einkaufszentrum."
Der Mann richtete sich auf. Von meiner Position aus konnte ich sein Gesicht sehen — diesen Ausdruck, wenn einer merkt, dass er bei einer Lüge ertappt wurde, und sofort auf Angriff umschaltet.
„Das war Max' Auto", sagte er. „Und jetzt hör mir zu. Morgen früh um halb sieben stehst du bei Carola vor der Haustür. Und du bringst sie abends zurück. Jeden Tag. Bis ihr Wagen repariert ist."
Sie sagte nichts. Aber ihre Hand lag jetzt flach auf dem Tisch, die Finger gespreizt, als wollte sie die Tischplatte festhalten.
Er beugte sich noch etwas tiefer. „Das ist das Mindeste, was du für meine Familie tun kannst. Du wohnst in meiner Wohnung, du isst mein Brot. Jetzt bist du mal dran."
Ich hatte schon sicher zwanzig solcher Gespräche mitgehört, in neun Jahren. Aber so muss ich sagen — so eine Kälte bei einem Mann, der über seine eigene Frau spricht, habe ich selten gehört. Keine Wut. Kein Zittern. Einfach ein Befehl. Wie wenn man einem Paketdienst sagt, wo er abstellen soll.
„Und wenn ich nicht will?", fragte sie.
„Dann kannst du gehen. Ich schmeiß dich nicht raus. Du gehst von selbst. Aber vergiss nicht — die Miete läuft auf meinen Namen. Die Küche hab ich bezahlt. Sogar dein Auto haben wir von meinem Dispo angezahlt, oder willst du das jetzt auch noch abstreiten?"
„Das Auto hab ich in achtzehn Monaten von meinem eigenen Gehalt abbezahlt, Robert. Du hast zweimal die Rate übernommen, weil ich im Krankenhaus lag. Ich hab dir das zurückgegeben."
„Schön für dich. Ändert nichts daran, dass du ohne mich in dieser Stadt nicht wärst. Dass du die Sprachschule nur aufbauen konntest, weil ich dich durchgefüttert habe, während du halbtags Kinder unterrichtet hast."
Ich stellte das Signaturschild zurück ins Regal. Meine Hände waren ruhig. Aber ich spürte, wie mir von irgendwoher die Röte in den Hals stieg. Ich mag keine Feigheit, und ich mag keine Männer, die im Flüsterton Verachtung versprühen, weil sie zu feige für einen Streit sind. Der ganze Saal war still, nur das Tropfen des Regens gegen die Scheibe.
„Morgen früh, halb sieben", wiederholte er. „Und komm nicht auf die Idee, dich krankzumelden. Ich ruf dich an. Wenn du nicht rangehst, weiß ich Bescheid."
Damit drehte er sich um und ging. An der Tür blieb er kurz stehen, als fiele ihm noch etwas ein. „Und hör auf, in meiner Gegenwart so zu reden. Meine Schwester hat gesagt, du wärst neulich pampig gewesen. Das will ich nie wieder hören."
Dann fiel die Tür ins Schloss.
Die Frau blieb sitzen. Sie weinte nicht. Sie atmete nur. Einatmen. Ausatmen. Als müsste sie sich selbst daran erinnern, dass sie noch Luft bekam.
Ich überlegte, was ich tun sollte. In der Ausbildung lernt man, dass man nicht übergriffig wird, dass man Hilfe anbietet, aber nicht aufdrängt. Also ging ich zu ihr, mit einem Glas Wasser in der Hand.
„Darf ich Ihnen das hinstellen?", fragte ich.
Sie sah zu mir hoch. In dem Licht, das durch die beschlagene Scheibe fiel, wirkten ihre Züge schärfer, als sie wohl waren. Ich bemerkte den roten Striemen an ihrem linken Unterarm, den der Mantelärmel fast verdeckte. Ein Kratzer, vielleicht von einer Kante. Vielleicht auch nicht.
„Danke", sagte sie. Sie trank einen Schluck und stellte das Glas neben ihr Handy.
„Ich mach gleich zu", sagte ich. „Wenn Sie noch ein paar Minuten bleiben wollen — es stört keinen."
Sie nickte kaum merklich. Ich zog mich hinter den Tresen zurück und begann, den Rückgabewagen zu sortieren, Buch für Buch. Ich hatte keine Eile.
Dann hörte ich, wie sie ihr Handy nahm und eine Nummer wählte. Sie musste die Lautstärke hochgedreht haben, oder der Saal war einfach so still, dass ich jedes Wort verstand.
„Susanne. Hier ist Vera." Sie machte eine Pause. „Sag mal, du arbeitest doch immer noch bei der Familienberatung am Kaiserring. Ich brauch eine Auskunft. Ganz trocken. Wenn getrennte Konten bestehen und die Wohnung auf seinen Namen läuft — wie schnell kann man jemanden wie mich da rausbekommen?"
Ich sah nicht hin. Ich konzentrierte mich auf den Buchrücken eines zerfledderten Liebesromans, auf dem Tee klebte. Aber ich hörte zu.
„Nein, ich frag nicht für eine Freundin", sagte sie nach einer Weile. „Ich frag für mich. Und noch was: Kann er mir die Sprachschule wegnehmen? Die ist als Einzelunternehmen auf mich gemeldet, aber er hat in den ersten zwei Jahren die Miete für den Raum bezahlt. Vom gemeinsamen Konto. Kann er da Ansprüche stellen?"
Dann lange Stille.
„Ach so", sagte sie schließlich. „Dann ist das also mein Vorteil, dass auf dem Konto fast nichts mehr drauf ist?"
Ich sortierte weiter. Nach einer Weile hörte ich, wie sie auflegte und ihre Tasche nahm. Sie stand auf und kam zu mir an den Tresen.
„Danke", sagte sie noch einmal. „Für das Wasser. Und für — na ja. Dass Sie nicht so getan haben, als wären Sie taub."
„Ich bin sehr gut im Weghören", sagte ich. „Aber manchmal klappt es nicht."
Sie lachte kurz auf, so ein Laut ohne Heiterkeit. Dann zog sie den Mantel enger und ging zur Tür.
Ich weiß nicht, warum ich ihr nachsah. Vielleicht, weil sie diesen Gang an sich hatte — nicht gebrochen, nicht stolz. Eher wie jemand, der im Dunkeln eine Treppe hinabgeht und jede Stufe genau kennt.
Hinter ihr schloss ich die Tür ab, machte die Lampen im Saal aus, stellte den Eimer auf die Fensterbank zurück. Der Regen war in Schneeregen übergegangen. Ich dachte an meinen Bus um 18:23 und daran, dass ich keine Eier mehr zu Hause hatte.
Am nächsten Donnerstag kam sie wieder. Nicht um zehn, sondern gegen vier, als ich gerade die Neuzugänge mit Folie bezog. Sie setzte sich nicht an den Tisch am Fenster, sondern an den kleinen Tisch bei der Zeitschriftenecke, direkt gegenüber vom Tresen.
Ich stellte ihr nichts hin. Sie hatte selbst eine Thermoskanne mitgebracht. Aber ich sah, dass sie ein Notizbuch dabei hatte und einen Stift, und sie schrieb Seite um Seite voll, mit einer Schrift, die von oben nach unten immer kleiner wurde.
Nach einer halben Stunde kam ein Anruf. Ihr Handy lag neben dem Notizbuch, und ich sah den Namen auf dem Display: „Robert". Sie ließ es klingeln, bis die Mailbox ansprang. Dann stand sie auf, entschuldigte sich mit einem Kopfnicken bei einer älteren Dame, die irritiert aufsah, und trat an den Kopierer.
Ich bemerkte es nur, weil ich gerade aus dem Magazin kam. Sie kopierte das, was sie geschrieben hatte, legte die Blätter fein säuberlich zusammen und heftete sie in eine Mappe. Auf die Mappe schrieb sie mit dem Stift einen Namen: „Rechtsanwalt Magdeburg".
Nicht meine Sache, dachte ich. Ich ging zurück hinter den Tresen und zog die Liste der überfälligen Medien hervor.
Um halb sieben ging die Tür auf, und da stand derselbe Mann vom Donnerstag davor. Sein Mantel war trocken, die Schuhe sauber. Er sah sich um, entdeckte Vera an der Zeitschriftenecke und ging zielstrebig hin.
Ich hörte wieder alles. Der Saal war noch leerer als beim letzten Mal.
„Du bist nicht gekommen", sagte er.
„Stimmt."
„Carola stand um halb sieben vor der Tür. Ihre Kinder waren wach, der Kleine hat geweint. Sie musste den halben Morgen mit dem Bus fahren und kam zu spät zur Bank. Ihr Chef hat ihr eine Abmahnung angedroht."
„Dann soll sie eben den Wagen nehmen, den sie sich mit Max geteilt hat. Ich hab gehört, sie lachen wieder zusammen, wenn sie einkaufen gehen."
Seine Stimme wurde lauter. „Was unterstellst du meiner Schwester?"
„Nichts", sagte Vera. Sie schlug die Mappe zu. „Aber du hast mir am Donnerstag gesagt, ich solle gehen, wenn ich nicht spuren will. Also gehe ich."
Er lachte auf. So ein trockenes, höhnisches Geräusch. „Gehen. Wohin denn? Auf der Straße sitzen? Du hast doch nichts. Kein Konto, das nennenswert wäre, keine Wohnung, kein —"
„Ich habe die Sprachschule", sagte sie. „Und ich habe vor drei Tagen erfahren, dass die auf mich läuft. Und dass du mir die Miete, die du je für den Raum bezahlt hast, nicht als Kredit anrechnen darfst, wenn ich den Vertrag nachweise. Du kannst froh sein, dass ich dich nicht anzeige für das, was du am Samstag mit meinem Handy gemacht hast."
Der Mann schwieg. Zum ersten Mal, seit er hereingekommen war, verharrte er still und wirkte nicht wie jemand, der den Saal beherrscht, sondern wie jemand, der den Boden unter den Füßen sucht.
„Ich hab die Scheidung eingereicht", sagte Vera. „Die Papiere gehen morgen raus. Deine Schwester kann zu Fuß gehen, Taxi fahren, mit wem auch immer zusammenleben. Aber mich kriegt sie nicht als Chauffeuse. Und dich nicht als Mann."
Sie nahm die Mappe, die Thermoskanne, das Handy. Als sie an mir vorbeiging, blieb sie einen Moment stehen.
„Das mit dem Wasser, neulich", sagte sie. „Ich hab das nicht vergessen. Wenn Sie mal eine Sprachschule brauchen — Englisch, Französisch, Spanisch. Ich mache Ihnen einen Preis."
Dann ging sie. Der Mann stand noch ein paar Sekunden da, sah aus dem Fenster, wo der Tag längst schwarz geworden war. Er setzte sich nicht. Er ging einfach, leise, als hätte er sich in einem fremden Saal verlaufen.
Ich weiß, wie solche Geschichten enden. Meistens kommen die Frauen zurück. Sie überlegen es sich anders, weil die Kaltmiete in Freiburg zu hoch ist und die Angst vor dem Alleinsein noch höher.
Aber am Dienstag vor Weihnachten stand Vera plötzlich wieder vor mir. Sie trug keinen Ehering mehr. Sie legte zwei Krimis auf den Tresen und einen Reiseführer.
„Den hier", sagte sie und stupste den Reiseführer an, „behalte ich diesmal. Ich fahr im März nach Valencia."
Ich stempelte die Bücher und schob ihr den Ausweis über den Tresen. Unsere Blicke trafen sich.
„Und der Mann?", fragte ich, weil ich in neun Jahren gelernt habe, dass man das erst fragen darf, wenn die Person von allein wiederkommt.
„Der wohnt jetzt bei seiner Schwester", sagte sie. „Die Miete hat er nicht mehr zahlen können, nachdem die Bank Carola die Abmahnung nicht zurückgenommen und sie ihm den Untermietvertrag gekündigt hat. Er war zweimal hier, hat vor der Tür gestanden. Ich hab ihn nicht reingelassen."
Dann lächelte sie, ganz knapp, und nahm die Bücher an sich.
„Wissen Sie, was seltsam ist?", sagte sie. „Ich hab sieben Jahre gedacht, ich bräuchte seine Erlaubnis zum Leben. Dabei hätte ich schon damals, als er das mit der Küche sagte, nur gehen müssen. Sieben Jahre. Ich schau mir jetzt die Welt an, für die ich so lange gelernt habe."
Ich konnte nichts dazu sagen. Ich drückte ihr die Bücher in die Hand und wünschte ihr eine gute Reise.
Sie verschwand im Treppenhaus, und ich stand noch einen Moment am Fenster und sah, wie sie draußen die Kapuze überzog, den Regenschirm aufspannte und die Straße hinunterging, vorbei an der Haltestelle, an der mein Bus nach Hause fährt.
Dann fiel mir ein, dass ich noch zwei Bücher vom Wagen ordnen musste, und morgen ist Mittwoch, und die Bibliothek hat geschlossen. Der Regen hatte aufgehört, aber die Tropfen lagen noch auf den Fassaden, und irgendwo in der Stadt ging eine Frau mit zwei Krimis und einem Reiseführer nach Hause, die sieben Jahre zu lange geblieben war.
