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# Werkstatt nach Bernd

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Renate parkte ihren alten Opel Astra immer an derselben Stelle, neben dem Wellblechtor, gleich unter dem Schild „Reifenservice – Karosserie – Lackiererei". Die Werkstatt hatte nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren ihr Schwiegersohn Marcel übernommen. Er hatte Renates Tochter Sabine vor sieben Jahren geheiratet, und seitdem war alles, was einmal Bernd gehört hatte, irgendwie von selbst in seine Hände übergegangen.

Es fing harmlos an. Marcel half aus, weil „die Schwiegermutter mit den Rechnungen allein nicht zurechtkommt". Dann unterschrieb er Rechnungen. Dann riefen die Kunden schon direkt bei ihm an. Und vor drei Monaten, als Renate kam, um ihre ausstehende Auszahlung abzuholen – denn formal war sie immer noch Mitinhaberin –, hörte sie von der Buchhalterin, dass sich der Name im Handelsregister bereits geändert hatte.

„Wie, geändert?", fragte sie und hielt den Becher aus dem Automaten, dessen Kaffee längst kalt geworden war.

Frau Petersen, die Buchhalterin, blätterte in ihren Unterlagen, ohne aufzusehen.

„Herr Marcel hat das im Januar erledigt. Die Umschreibung des Gewerbes. Er sagte, Sie wüssten Bescheid."

Sie wusste von nichts.

An diesem Abend roch es in der Wohnung in der Bahnhofstraße in Wuppertal nach Tomatensuppe, die gerade auf dem Herd köchelte, als die Tochter anrief. Sabine redete schnell, entschuldigte ihren Mann: Das sei „nur auf dem Papier" gewesen, wegen der Steuern sei das einfacher, Mama müsse sich sowieso um nichts kümmern, das Geld bleibe ja schließlich in der Familie.

„In wessen Familie, Sabinchen?" Renate drehte das Gas unter dem Topf ab. „Weil ich mir nämlich nicht mehr sicher bin, ob das meine ist."

Die Nachbarin von unten, Frau Wagner, brachte gerade ihre Mülltüten zum Treppenhaus und schnappte durch die angelehnte Tür einen Gesprächsfetzen auf. Sie sagte nichts, nickte nur für sich und ging zurück in ihre Wohnung, wo der Fernseher die Abendnachrichten zeigte.

In den folgenden Wochen fuhr Renate wie immer zur Werkstatt, aber etwas hatte sich verändert. Die Mechaniker, die sie selbst einst eingestellt hatte, fragten sie nun höflich, ob sie „etwas brauche", als wäre sie Kundin, nicht Mitinhaberin. Marcel wich Gesprächen unter vier Augen aus. Als er schließlich mit ihr am Schreibtisch im Hinterzimmer saß, sagte er unumwunden:

„Renate, formal gehört die Werkstatt jetzt mir. Ihr verstorbener Mann hat die Hälfte der Anteile Sabine hinterlassen, und Sabine hat sie auf mich übertragen. Das ist legal, alles notariell beglaubigt."

„Und meine Hälfte?"

„Ihre Hälfte hat sich auch geändert. Vor einem Jahr haben Sie eine Vollmacht unterschrieben, damit ich Ihre Angelegenheiten beim Finanzamt erledigen kann. Ich habe davon etwas großzügigeren Gebrauch gemacht, als Sie es sich vorgestellt hatten."

Er sagte das ohne die geringste Verlegenheit, während er aus der Thermoskanne trank, die einst Bernd gehört hatte.

Renate schrie nicht. Sie stand auf, nahm ihre Handtasche und ging hinaus, vorbei an der Reihe der zur Reparatur wartenden Autos – darunter ein weißer Volvo, den sie selbst einmal zur Inspektion angemeldet hatte.

Nach Hause fuhr sie mit der Buslinie 3 und blickte durch die beschlagene Scheibe auf die Lichter der Konditorei an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße, wo sie an Weiberfastnacht immer Berliner kaufte. Das Telefon in ihrer Tasche blieb stumm – weder Sabine noch Marcel meldeten sich.

In dieser Nacht schlief sie nicht. Sie holte aus dem Schrank einen Schuhkarton, in dem sie alte Unterlagen aufbewahrte: die notarielle Urkunde der Werkstatt, den Ehevertrag mit Bernd, den Grundbuchauszug des Grundstücks, auf dem das Gebäude stand. Und da erinnerte sie sich an etwas, das Marcel offenbar vergessen hatte – der Boden unter der Werkstatt hatte nie der Firma gehört. Bernd hatte ihn zweiundzwanzig Jahre zuvor separat gekauft und im Testament ausschließlich seiner Frau vermacht. Nicht der Tochter. Ihr.

Am Morgen rief sie Rechtsanwalt Hoffmann an, mit dem Bernd schon zu Lebzeiten zusammengearbeitet hatte. Sie verabredeten sich noch am selben Tag in seiner Kanzlei am Laurentiusplatz.

Der Anwalt sah die Unterlagen durch, rückte seine Brille zurecht und sagte etwas, das alles veränderte:

„Frau Renate, sie haben die Firmenanteile übernommen. Aber die Firma steht auf fremdem Grund. Ohne Pachtvertrag oder ohne Ihre Zustimmung haben sie kein Recht, dort ihr Gewerbe zu betreiben. Das ist Ihr Grundstück."

Drei Tage später kam Renate mit einer Mappe unter dem Arm zur Werkstatt. Marcel sprach gerade mit einem Kunden über den Wechsel der Bremsscheiben an dessen Opel. Er sah sie, und sein Gesicht verhärtete sich.

„Wir müssen reden. Jetzt", sagte sie und legte die Mappe auf den Schreibtisch.

Darin lag die von Rechtsanwalt Hoffmann aufgesetzte Kündigung des Grundstücksleihvertrags sowie die Forderung nach Zahlung der ausstehenden Pacht der letzten sechs Monate – zwölftausend Euro, gerechnet ab dem Tag, an dem Marcel formal die Anteile übernommen hatte.

„Du hast dreißig Tage Zeit, entweder einen Pachtvertrag zu meinen Bedingungen mit mir zu unterschreiben, oder den gesamten Betrieb woanders hin zu verlegen. Das Grundstück gehört mir, Marcel. Es hat mir immer gehört."

„Renate, das ist doch absurd, wir sind schließlich Familie…"

„Waren wir. Bevor du angefangen hast, hinter meinem Rücken Papiere zu unterschreiben."

Sabine kam noch am selben Nachmittag, blass, mit vom Weinen geröteten Augen, und versuchte, ihre Mutter auf dem Werkstattparkplatz zu bitten, zwischen der Reihe Winterreifen und dem alten Getränkekühlschrank.

„Mama, er wollte doch nur, dass wir eine eigene Wohnung finanzieren können, einen Kredit für die Kinder…"

„Dann hättest du mich fragen müssen, Sabinchen. Nicht mich betrügen."

Renate erhob nicht die Stimme. Sie öffnete ihre Handtasche, holte ihr Telefon heraus und zeigte der Tochter den Bildschirm – die Banking-App mit einem Konto, das ausschließlich auf ihren Namen lief, mit der Kontonummer, auf die von nun an die Pacht überwiesen werden sollte.

Marcel versuchte noch eine Woche zu verhandeln, rief an, schickte Nachrichten. Als er schließlich begriff, dass der Grund tatsächlich allein seiner Schwiegermutter gehörte und dass er ohne ihn weder Hebebühne noch Kompressor aufstellen konnte, unterschrieb er den Pachtvertrag zu den Bedingungen, die Renate diktiert hatte: marktübliche Pacht, monatlich fällig auf ihr Konto, mit der Klausel, dass der Vertrag bei einem Zahlungsverzug von mehr als vierzehn Tagen automatisch erlischt.

Am Tag der Unterzeichnung saßen sie zu dritt in demselben Hinterzimmer, in dem Marcel ihr wenige Wochen zuvor erklärt hatte, die Werkstatt gehe sie nichts mehr an. Vor dem Fenster wusch ein Mechaniker mit dem Schlauch Felgen, und im Radio lief ein alter Song von BAP, den Bernd immer vor sich hin gesummt hatte, wenn er Motoren reparierte.

Renate unterschrieb die letzte Seite, legte den Kugelschreiber weg und stand auf.

„Die Thermoskanne kannst du behalten", sagte sie zu Marcel und deutete auf den Metallbehälter auf dem Schreibtisch. „Aber das Grundstück bleibt meins, solange ich lebe. Danach vermache ich es Sabine. Nicht dir."

Sie verließ die Werkstatt, ging am Wellblechtor vorbei und stieg in ihren Astra. Sie drehte sich nicht um.

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