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Werde die Wehen zu früh und ohne Hilfe

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Als Lea um vier Uhr morgens die Augen aufschlug, lag Mika quer im Bett, ein Fuß auf ihrem Bauch, und irgendwo im Haus lief die Waschmaschine im letzten Schleudergang. Elf Monate war ihr Sohn jetzt alt. Elf Monate, in denen Lea kaum eine durchgeschlafene Nacht hatte, in einer Zweizimmerwohnung in Dortmund-Hörde, dritter Stock, kein Aufzug, und unten an der Ecke der türkische Gemüseladen, der schon ab sechs die Kisten rausstellte, man hörte das Klappern bis ins Schlafzimmer.

Ihr Mann Jonas war Schichtarbeiter bei Thyssenkrupp, zwölf Stunden, oft auch nachts, und wenn er da war, schlief er. Das hatte sie akzeptiert, irgendwann, weil er das Geld brachte. Was sie nicht akzeptiert hatte — konnte nicht akzeptieren, wollte nicht —, war seine Mutter.

Gudrun kam jeden Dienstag und Freitag um Punkt zehn, mit einer Tupperdose Erbseneintopf, den keiner wollte, und einem Blick, der über Lea hinwegging, als sei sie ein Möbelstück, das man versetzt hatte, ohne zu fragen. „Na, siehst du wieder mitgenommen aus", sagte sie dann, hängte ihre Jacke an den Haken, der eigentlich Leas war, und nahm Mika auf den Arm, noch bevor sie die Schuhe ausgezogen hatte.

Sieben Monate nach der Geburt hatte Lea versucht, wieder halbtags in der Kita zu arbeiten, wo sie Erzieherin war. Nach zwei Wochen brach sie beim Wickeln in Tränen aus, vor den Kolleginnen, und musste sich krankschreiben lassen. Erschöpfungsdepression, stand auf dem gelben Zettel. Ihre Hausärztin, Dr. Yalçın, hatte ruhig gesprochen, ohne Vorwurf: „Der Körper braucht bis zu zwei Jahre, um sich hormonell zu erholen. Manche Frauen brauchen fünf, bis sie sich wieder wie sie selbst fühlen." Lea hatte genickt und danach im Auto vor der Praxis vierzig Minuten gesessen, die Hände auf dem Lenkrad, ohne loszufahren.

Gudrun hielt davon nichts.

„Depression", hatte sie beim Sonntagskaffee gesagt und dabei den Löffel in ihre Tasse geklirrt, „das hat's früher nicht gegeben. Ich hab Jonas allein großgezogen, mit zwei Jobs, und bin nie im Bett liegen geblieben." Jonas hatte in sein Brötchen gebissen und nichts gesagt. Das war das Schlimmste — nicht die Sätze selbst, sondern dass er dabeisaß und schwieg, als ginge ihn das alles nichts an, als sei es ein Wetterbericht.

An diesem Dienstag im September, an dem Lea um vier Uhr wach lag, hatte sie schon entschieden, was sie tun würde. Nicht aus Wut. Aus Erschöpfung, die so tief saß, dass sie keine Kraft mehr für Wut hatte — nur noch für Klarheit.

Um zehn stand Gudrun wieder vor der Tür, die Tupperdose in der Hand, in ihrem beigen Trenchcoat, den sie auch im September schon trug. „Ich hab Erbseneintopf gemacht", sagte sie und wollte an Lea vorbei ins Wohnzimmer, so wie jeden Dienstag.

Lea blieb im Türrahmen stehen.

„Heute nicht, Gudrun."

„Wie, heute nicht? Ich komm doch immer dienstags."

„Ich weiß. Deshalb sag ich's dir jetzt, bevor du reingehst." Lea hatte den Zettel von Dr. Yalçın in der Hand, den mit der Diagnose, gefaltet, aber sie zeigte ihn nicht. Sie brauchte ihn nicht als Beweis. Sie brauchte ihn als Erinnerung daran, dass sie ein Recht hatte, das hier zu sagen. „Ich bin krankgeschrieben. Erschöpfung. Ich brauche Ruhe, keine Besuche, bei denen ich mich rechtfertigen muss, warum ich müde bin."

Gudrun lachte kurz, ungläubig. „Ich will doch nur helfen, Mika sehen —"

„Du nimmst ihn mir aus den Armen, bevor du überhaupt die Schuhe ausgezogen hast. Du sagst mir, dass meine Erschöpfung eine Ausrede ist. Das ist keine Hilfe, das ist eine Belastung obendrauf." Lea holte Luft. Ihre Stimme zitterte nicht, was sie selbst überraschte. „Ab jetzt rufst du vorher an. Und wenn ich sage, es passt nicht, dann passt es nicht."

„Das entscheidet Jonas auch mit, das ist auch sein Kind —"

„Jonas ist bei der Arbeit. Ich bin diejenige, die hier steht. Und ich sag dir: nicht heute."

Gudrun stand noch einen Moment mit der Tupperdose da, als wisse sie nicht, wohin damit, dann drehte sie sich um und ging die Treppe runter, ohne ein weiteres Wort, die Absätze laut auf den Stufen.

Als Jonas abends um halb elf von der Schicht kam, roch die Wohnung nach dem Kamillentee, den Lea sich gekocht hatte, und Mika schlief schon. Sie erzählte ihm, ruhig, was passiert war. Er setzte sich auf die Bettkante, rieb sich das Gesicht.

„Das wird Stress geben", sagte er.

„Das gibt schon Stress. Seit elf Monaten. Nur bisher hab ich ihn allein getragen."

Er schwieg lange. Dann sagte er etwas, das sie nicht erwartet hatte: „Du hast recht. Ich hätte längst was sagen sollen. Ich war einfach — ich wollte keinen Ärger mit ihr."

„Dann sag's ihr jetzt. Nicht ich allein."

Zwei Tage später rief Gudrun an. Jonas nahm ab, auf Lautsprecher, in der Küche, während Lea Kartoffeln schälte. Er sagte es kurz: dass Lea Ruhe brauche, dass sie ab jetzt vorher anrufen solle, dass er zu seiner Frau stehe. Gudrun schrie ein bisschen, legte auf.

Sie kam drei Wochen nicht. Dann rief sie tatsächlich an, an einem Samstag, fragte vorsichtig, ob sie am Nachmittag kurz vorbeikommen dürfe, eine Stunde nur. Lea sagte ja. Als Gudrun kam, blieb sie im Flur stehen, bis Lea sie ins Wohnzimmer bat. Sie nahm Mika nicht sofort hoch, sondern setzte sich erst, wartete, bis der Junge selbst zu ihr krabbelte.

Es war kein warmer Nachmittag, keine Umarmung, kein Satz der Entschuldigung, der alles aufgelöst hätte. Aber Gudrun fragte, bevor sie ging, ob sie nächste Woche wiederkommen dürfe. Lea nickte und schrieb den Termin auf den Zettel am Kühlschrank, zwischen Impftermin und Einkaufsliste — als das, was er jetzt war: eine Verabredung, keine Selbstverständlichkeit mehr.

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