З життя
Zwillinge, die keine waren – Die Wahrheit über Theresienhöhe 34
Ich arbeite seit elf Jahren als Kellnerin im "Alte Brennerei" in der Münchner Innenstadt, gleich um die Ecke von der Theresienwiese. Man sieht viel, wenn man Teller trägt und Gläser abräumt – aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt.
Es war ein Samstagabend im September, kurz vor Oktoberfest-Beginn, die Stadt roch schon nach gebrannten Mandeln vom Marktstand gegenüber. Ich hatte Doppelschicht und wollte um zehn Uschi an der Bar ablösen, meine Füße taten weh vom Steinboden. Da kamen vier Kinder aus der Toilette – vier, nicht zwei, das erste, was mir auffiel. Kleine Jungs, vielleicht sechs Jahre alt, in derselben dunkelblauen Schuluniform, wie man sie selten in München sieht, eher was für die teuren Privatschulen draußen in Grünwald.
Und dann kam er rein. Ein Mann in einem grauen Maßanzug, der aussah, als hätte er ihn sich extra für den heutigen Abend schneidern lassen – was, wie sich später rausstellte, auch stimmte. Er sollte um Mitternacht im Vier Jahreszeiten seine Verlobung bekanntgeben, dreihundert Gäste, ein Catering-Budget, von dem ich mir zwei Jahresgehälter hätte zahlen können. Ich weiß das, weil sein Fahrer später mit mir geredet hat, während er draußen wartete.
Der Mann blieb stehen wie angewurzelt. Ich stand mit einem Tablett Weißbier zwei Meter entfernt und konnte nicht anders, als hinzusehen. Die vier Jungen hatten alle dasselbe Kinn, dieselben graublauen Augen, und – das war das Merkwürdigste – einer von ihnen hatte ein kleines Grübchen links, genau wie der Mann im Anzug. Einer der Kleinen, der Wortführer offenbar, sagte etwas zu ihm, ich hab nur Fetzen mitbekommen: "Cormac… Callan… Connor…" Namen, die hier in Bayern kein Kind trägt, irisch, glaub ich.
Dann kam Susanne aus der Küche raus, um den Tisch sechs abzuräumen, und blieb auch stehen. Susanne arbeitet seit Jahren hier als Aushilfe, wenn die Kinder ihrer Schwester sie brauchen – und in diesem Moment wurde sie kreidebleich. Ich hab sofort gemerkt: die kennt sich.
Sie stand hinter der Theke, mit einem nassen Geschirrtuch noch in der Hand, und hat den Mann angesehen wie jemanden, den man tot geglaubt hat. Draußen vor der Tür, das hab ich später gesehen, als ich rausging, um den Aschenbecher zu leeren, standen zwei abgewetzte Reisetaschen, mit Aufklebern von einer Fluggesellschaft, die ich nicht kannte. Vier Kinder, zwei Taschen – das heißt, die hatten kein Zuhause, wohin sie zurückkonnten. Das hat mir mehr gesagt als alles, was die beiden sich später an der Bar zugeflüstert haben.
Ich hab natürlich nicht alles gehört. Man tut so, als würde man Gläser sortieren, aber die Ohren sind woanders. Der Mann – Julian hieß er, das hab ich vom Fahrer – hat gefragt, wo sie wohnen. Susanne, oder besser die Frau, die er "Kerstin" nannte, hat ihm gesagt, sie hätten für die Nacht keinen Platz. Sie arbeite seit zwei Monaten hier als Küchenhilfe und schlafe mit den Jungen in einem Zimmer über der Kneipe ihrer Cousine in der Au, aber die Cousine habe gerade selbst Ärger mit der Kündigung.
Er hat dann seine Zugangskarte rausgeholt, so eine schwarze Chipkarte, wie man sie für Apartmenthäuser braucht, und sie ihr hingehalten. Für eine Wohnung am Ammersee, das hab ich später von Uschi erfahren, die mit dem Fahrer geraucht hat. Kerstin hat die Karte nicht sofort genommen. Sie hat ihn angeschaut und gesagt, so laut, dass ich es über zwei Tische hinweg gehört hab: "Du kannst nicht sechs Jahre verschwinden und dann glauben, du hättest ein Recht darauf, ihr Vater zu sein."
Er hat geantwortet, er entscheide gar nichts, er wolle nur verstehen, warum vier Kinder sein Gesicht tragen.
Um kurz nach sechs hat er telefoniert, draußen vor der Tür, ich konnte es durchs Glas sehen. Danach kam sein Fahrer rein und hat gesagt, die Verlobungsfeier im Vier Jahreszeiten sei abgesagt. Alles. Dreihundert Gäste, ein Anruf.
Ich hatte an dem Abend eigentlich keine Zeit mehr, mich darum zu kümmern – meine Schicht war fast vorbei, und ich wollte nur noch nach Hause zu meinem Kater Ferdl, der seit Tagen nicht gefressen hatte. Aber ich hab noch einen Kakao für die Jungs rausgebracht, umsonst, weil die Kleinste – Cillian, glaub ich – so müde aussah, dass er fast am Tisch eingeschlafen wäre.
Was ich weiß, weil Susanne es mir Wochen später erzählt hat, als sie mal wieder aushalf: Julians Mutter hatte Kerstin damals, vor sechs Jahren, fünfzigtausend Euro angeboten, damit sie verschwindet, und Julian erzählt, sie habe ihn freiwillig verlassen. Kerstin hatte das Geld nie angerührt – es lag noch auf einem Konto, das sie nie angefasst hatte, aus Stolz, sagt Susanne. Julian hat das erst erfahren, als er selbst bei seiner Mutter die alten Kontoauszüge durchgesehen hat.
Ich hab die beiden noch einmal gesehen, ungefähr drei Wochen später. Julian kam allein in die "Alte Brennerei", setzte sich an die Bar, bestellte einen Kaffee, den er nicht trank. Dann kam Kerstin rein, mit den vier Jungs im Schlepptau, und legte einen Aktenordner auf den Tresen – Vaterschaftstest, hab ich später erfahren, plus ein Schreiben von ihrem Anwalt in der Sonnenstraße. Sie hat ihm die Papiere hingeschoben und gesagt, sie brauche seine Unterschrift für das Sorgerecht, aber die Wohnung am Ammersee wolle sie nicht – sie habe sich selbst eine kleine Wohnung in Sendling gemietet, mit dem Geld, das sechs Jahre lang ungenutzt auf ihrem Konto gelegen hatte, plus dem, was sie sich erarbeitet hat.
Er hat unterschrieben, ohne ein Wort. Die Jungs haben derweil an der Theke gesessen und sich um den letzten Schluck Kakao gestritten, den Uschi ihnen spendiert hatte.
Ich hab dann Feierabend gemacht, bin raus in die kühle Abendluft, hab mir eine Breze vom Stand geholt, der schon zumachte. Drinnen, durchs Fenster, hab ich noch gesehen, wie Kerstin den Ordner wieder einpackte und die Karte für den Ammersee auf den Tresen zurücklegte, ohne sie mitzunehmen.
