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Werkstatt Bergmann bleibt zu

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Mein Vater hat vierunddreißig Jahre lang jeden Kolben in dieser Werkstatt selbst in der Hand gehabt. Ich, Kevin Bergmann, sechsundvierzig, habe die letzten neun davon neben ihm verbracht, unter demselben Hebebühnenöl, mit derselben Kaffeemaschine, die schon 2003 nicht mehr richtig lief. Und trotzdem stehe ich jetzt vor einem Rolltor in Gelsenkirchen-Ückendorf, an dem ein Blatt Papier klebt, auf dem meine Schwester Yvonne in Druckbuchstaben geschrieben hat: „Betreten verboten. Inhaberwechsel.“

Vielleicht sollte ich erklären, warum ich das nicht einfach als Verrat sehe, auch wenn es sich für die meisten so lesen wird, wenn sie diese Geschichte hören.

Unser Vater, Manfred Bergmann, war ein Mann, der nie über Geld sprach, solange er lebte. Er hat die Werkstatt 1991 von einem Bekannten übernommen, eine Halle mit zwei Gruben und einem Flachdach, das im Winter immer irgendwo tropfte. Er hat mich mit vierzehn zum ersten Mal einen Vergaser zerlegen lassen, meine Hände rochen wochenlang nach Benzin, und meine Mutter hat geschimpft, weil ich die Handtücher ruiniert habe. Yvonne, zwei Jahre älter als ich, ist nie in die Halle gekommen. Sie hat Betriebswirtschaft studiert, ist nach Essen gezogen, hat bei einer Versicherung angefangen. Das war immer okay so. Niemand hat sie dafür verurteilt, dass sie kein Interesse an Auspuffanlagen hatte.

Als unser Vater im März an einem Herzinfarkt starb, war ich derjenige, der um sechs Uhr morgens den Anruf vom Notarzt entgegennahm. Ich war es, der die Kunden absagte, der die Beerdigung mit organisierte, der drei Wochen lang die Werkstatt allein am Laufen hielt, während Yvonne aus Essen anrief und fragte, wie es mir geht. Das meinte sie ernst, das weiß ich. Aber sie hat nicht gefragt, wie es der Werkstatt geht.

Der Notartermin war ein Dienstag im Mai, in einer Kanzlei an der Bahnhofstraße. Ich dachte, es geht um Formalitäten. Stattdessen erfuhr ich, dass unser Vater sein Testament vier Jahre zuvor geändert hatte, ohne mit mir darüber zu sprechen. Die Werkstatt, das Grundstück, die Maschinen — alles ging zu gleichen Teilen an Yvonne und mich. Fünfzig zu fünfzig. Keine Klausel, die mir Vorkaufsrecht einräumte, nichts, was neun Jahre Arbeit irgendwie anerkannte.

Ich habe damals nichts gesagt. Ich habe gedacht, wir regeln das unter uns, wie Geschwister das eben tun.

Was ich nicht wusste: Yvonne hatte längst mit einem Immobilienmakler aus Bochum gesprochen. Das Grundstück, achthundertzwanzig Quadratmeter an der Munckelstraße, war für einen Getränkemarkt-Investor interessant. Angebot: zweihundertelftausend Euro für ihre Hälfte, wenn ich meine mitverkaufe. Sie sagte mir das nicht direkt. Ich habe es von unserem gemeinsamen Steuerberater erfahren, der dachte, ich sei informiert.

Als ich sie anrief, sagte sie einen Satz, den ich nicht vergessen werde: „Kevin, du kannst doch überall als Mechaniker anfangen. Ich habe keine andere Werkstatt, in die ich investieren kann.“ Als hätte ich nicht mein ganzes Erwachsenenleben in diese Hallen gesteckt. Als wäre das austauschbar, wie ein Job bei Aldi.

Ich habe ihr angeboten, ihre Hälfte über fünf Jahre abzubezahlen, mit einem Kredit, den mir die Sparkasse Gelsenkirchen grundsätzlich in Aussicht gestellt hatte, allerdings nur zu einem Zinssatz, der die Werkstatt in den ersten beiden Jahren kaum atmen lassen würde. Ich hätte es versucht. Ich war bereit, es zu versuchen. Yvonne wollte das Geld aber nicht in Raten, sie wollte es auf einmal, weil der Investor eine Frist bis Ende Juli gesetzt hatte.

Und dann, letzten Donnerstag, kam ich um sieben Uhr morgens zur Halle, mit meinem Kaffeebecher aus der Tankstelle an der Wanner Straße, weil die Maschine ja immer noch nicht funktioniert, und sah den Zettel am Tor. Yvonne hatte am Tag zuvor, ohne mich zu informieren, mit dem Notar einen vorläufigen Verkaufsvorvertrag unterschrieben und das Schloss der Halle austauschen lassen, weil, wie sie später am Telefon sagte, „die Übergabe sauber sein muss, bevor der Investor die Halle besichtigt.“

Ich habe fast eine Stunde vor dem Tor gestanden. Ein Kunde, Herr Oskar Temme, der seit zwölf Jahren seinen Passat bei uns warten lässt, kam vorbei, sah mich da stehen und fragte nur: „Alles gut bei euch?“ Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

Ich rufe jetzt nicht Yvonne an, um zu schreien. Ich bin zu meinem eigenen Anwalt gegangen, zu Frau Dr. Aydın in der Kanzlei am Musiktheater, mit dem einzigen Ordner, den ich in neun Jahren konsequent geführt habe: alle Rechnungen, alle Instandhaltungsbelege, jede Überweisung, mit der ich seit Vaters Tod Miete, Strom und Versicherung der Werkstatt allein getragen habe, weil Yvonne sagte, sie könne „gerade nicht", während das Erbe noch nicht endgültig geregelt war. Vierunddreißigtausendsiebenhundert Euro habe ich in vier Monaten vorgestreckt. Das steht schwarz auf weiß in diesem Ordner, mit Kontoauszügen dahinter.

Frau Dr. Aydın hat mir erklärt, was ich eigentlich schon ahnte: Ein Miterbe kann das gemeinsame Eigentum nicht einfach eigenmächtig verkaufen oder blockieren, solange die Erbengemeinschaft nicht auseinandergesetzt ist. Yvonne hatte kein Recht, das Schloss zu wechseln. Und der Vorvertrag mit dem Investor ist ohne meine Zustimmung nichtig.

Zwei Wochen später saßen wir uns gegenüber, in der Kanzlei, nicht am Küchentisch unserer Mutter, wo solche Gespräche früher stattfanden. Yvonne kam im Kostüm, mit einer Aktentasche, als wäre es ein Kundentermin. Der Immobilienmakler aus Bochum war nicht dabei, aber sein Angebot lag zwischen uns auf dem Tisch, ausgedruckt.

„Du hast kein Recht, mich aus meiner eigenen Werkstatt auszusperren“, habe ich gesagt. Kein Schreien, das muss ich betonen, ich habe es ruhig gesagt, weil Frau Dr. Aydın mich vorher gebeten hatte, ruhig zu bleiben, sonst würde alles nur länger dauern.

Yvonne hat nicht geleugnet, sie hat nur gesagt, sie hätte gedacht, ich würde ohnehin nachgeben, wenn die Sache erstmal „durch" sei. Als wäre ein Tatsachenvertrag stärker als das Gesetz, wenn man ihn nur schnell genug unterschreibt.

Frau Dr. Aydın hat dann etwas auf den Tisch gelegt, das Yvonne offensichtlich nicht erwartet hatte: eine Aufstellung der vierunddreißigtausendsiebenhundert Euro, die ich vorgestreckt hatte, mit dem Hinweis, dass diese Summe bei einer Erbauseinandersetzung als Vorleistung angerechnet wird — und dass ich, wenn Yvonne auf einem Verkauf besteht, das Recht habe, meinen Anteil am Grundstück gegen ihren auszulösen, zum Verkehrswert, den ein unabhängiger Gutachter aus Recklinghausen bereits auf achtunddreißigtausend Euro pro Hälfte über dem Investorenangebot geschätzt hatte, weil der Investor natürlich unter Wert kaufen wollte.

Ich habe die Papiere nicht zerrissen, ich habe auch nicht triumphiert. Ich habe nur gesagt: „Ich zahle dich aus, Yvonne. Zu dem Preis, den der Gutachter für fair hält, nicht zu dem, den der Getränkemarkt zahlen will. Und du unterschreibst heute, dass die Halle mir gehört.“

Sie hat lange auf das Papier gestarrt. Dann hat sie unterschrieben, weil ihr Anwalt ihr wohl vorher schon gesagt hatte, dass sie den Vorvertrag mit dem Investor sowieso nicht durchsetzen kann.

Letzten Montag habe ich das neue Schloss selbst eingebaut, das dritte in dieser Halle seit meiner Kindheit. Herr Temme kam mit seinem Passat vorbei, für den fälligen Ölwechsel, und fragte, ob jetzt alles geklärt sei. Ich habe ihm gesagt, die Werkstatt gehört mir, vollständig, seit Donnerstagnachmittag, mit Grundbucheintrag. Er hat genickt und mir seinen Autoschlüssel in die Hand gedrückt, so wie er das seit zwölf Jahren tut, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

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