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Wanda und Bettina: ein Geheimnis nach elf Jahren

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Wenn die Wahrheit nach Jahren ans Licht kommt, verlierst du nicht nur das Vertrauen in die Menschen um dich herum, sondern auch in deine eigene Erinnerung. Denn es stellt sich heraus: Während du jemanden wirklich geliebt hast, ging diese Person neben dir her und trug ein Geheimnis mit sich, das dein ganzes Leben zerstören konnte.

Bettina und ich kannten uns seit der siebten Klasse in Görlitz. Wir saßen in derselben Bankreihe, teilten uns Käsebrote, gingen freitags zusammen zum Aerobic-Kurs im Jugendzentrum. Als ihre Eltern sich scheiden ließen, schlief sie drei Monate lang bei mir auf der Schlafcouch — ich erinnere mich noch, dass sie immer ihr Kissen mit den Entchen mitbrachte, weil sie ohne es nicht einschlafen konnte. Unsere Mütter machten Witze, wir seien eher Schwestern als Freundinnen.

Ich heiratete Torsten, als ich vierundzwanzig war. Bettina kam in einem geliehenen Kleid zur Hochzeit und weinte mehr als meine eigene Mutter. Ein paar Jahre später heiratete sie selbst, doch diese Ehe zerbrach nach knapp vier Jahren. Während ihrer Scheidung saß ich bis drei Uhr morgens am Telefon, wenn sie anrief und weinte. Torsten behandelte sie wie ein Familienmitglied — sie wusste, wo wir die Espressotassen aufbewahrten, welchen Tee mein Mann abends trank, sie hatte sogar einen Zweitschlüssel für unsere Wohnung in der Südstadt, falls jemand den Klempner reinlassen musste, während wir nicht zu Hause waren.

Ich fand daran nie etwas Merkwürdiges. Das war Bettina. Meine engste Freundin seit einunddreißig Jahren.

Deshalb sagte ich ohne zu zögern zu, als sie mir jenen Sommer vorschlug, gemeinsam eine Woche nach Usedom zu fahren. Torsten war vierzehn Monate zuvor gestorben — ein stiller, schneller Herzinfarkt, mitten an einem gewöhnlichen Dienstag. Seitdem verließ ich das Haus kaum noch, außer für die Arbeit und den Supermarkt um die Ecke.

„Wandi, du brauchst ein paar Tage, um einfach mal durchzuatmen", sagte sie mir damals am Telefon, wenn sie jeden Abend um neun anrief, um zu fragen, ob ich zu Abend gegessen hatte.

Wir mieteten ein kleines Ferienhaus hundert Meter vom Strand entfernt, es roch nach feuchtem Holz und Salz. Morgens tranken wir Instantkaffee aus der Thermoskanne, weil in der Küche keine Kaffeemaschine stand, und abends spielten wir Karten auf der Terrasse und hörten, wie beim Nachbarn im Fernseher eine Serienwiederholung lief.

Am letzten Urlaubstag lagen wir auf den Liegestühlen in der Sonne, als Bettina mich bat, mein Handy herauszuholen.

„Lass uns noch ein letztes Foto zusammen machen."

Ich lachte.

„Letztes? Letztes wovon?"

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, sah mich lange an und lächelte wieder.

„Unser letztes Foto als Freundinnen."

Ich dachte, sie scherzt.

„Bettina, du machst mir Angst."

Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter. Ich machte das Foto. Wir lächelten beide. Aber dann bemerkte ich, dass ihre Hand zitterte, als sie den Rand des Handtuchs festhielt.

„Was ist los?"

Sie schwieg sehr lange. Dann sagte sie einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen kann.

„Morgen erfährst du, wer ich wirklich in deinem Leben war."

Ich schlief in dieser Nacht nicht. Ich lag im quietschenden Bett, hörte die Wellen gegen den Steg schlagen und versuchte, mich an jeden merkwürdigen Moment der letzten Jahre zu erinnern, den ich damals mit einem Achselzucken abgetan hatte. Dass Bettina immer einen Vorwand fand, vorbeizukommen, wenn Torsten allein zu Hause war. Dass sie nach seinem Tod eine Woche lang nicht ans Telefon ging und es später mit einer Dienstreise erklärte, obwohl sie nirgendwo hingefahren war — ich hatte sie zufällig auf dem Marktplatz gesehen.

Am Morgen, noch bevor ich Kaffee getrunken hatte, legte Bettina einen grauen Umschlag vor mich auf den Küchentisch.

„Versprich mir, dass du das erst liest, wenn ich wieder in Dresden bin. Ich sitze dann schon im Zug, du wirst mir nichts mehr sagen können."

Ich versprach es nicht. Ich öffnete den Umschlag, sobald sie in den Bus zum Bahnhof Zinnowitz gestiegen war.

Darin lag ein Brief — drei handgeschriebene Seiten — und ein Ausdruck eines Vaterschaftstests. Der Test betraf meinen Sohn Markus, der damals sechsundzwanzig war. In dem Brief schrieb Bettina, dass sie vor siebenundzwanzig Jahren, während der drei Monate, in denen ich schwanger war und wegen Risikoschwangerschaft im Klinikum lag, mit Torsten eine Affäre gehabt hatte. Dass sie von der Schwangerschaft erst erfuhr, als es für alles schon zu spät war, und dass sie all die Jahre geschwiegen hatte, weil — wie sie schrieb — „ich Angst hatte, euch beide zu verlieren, und ich habe euch trotzdem verloren, nur langsamer."

Der Gentest, den sie heimlich ein Jahr zuvor mit Markus' Zahnbürste gemacht hatte, die er nach einem Familienessen bei ihr im Bad vergessen hatte, bestätigte: Markus war nicht Torstens Sohn.

Ich rief sie an diesem Tag vielleicht zwanzigmal an. Sie ging kein einziges Mal ran.

Drei Wochen lang verließ ich die Wohnung nur, wenn es unbedingt sein musste. Markus sagte ich noch nichts. Stattdessen tat ich etwas, wozu ich mich vorher nie getraut hätte: Ich ging zu dem Notar in der Berliner Straße, bei dem Torsten alle seine Angelegenheiten geregelt hatte, und bat um Einsicht in das Testament und den Grundbucheintrag unserer Wohnung. Bettina war dort seit Jahren als bevollmächtigte Person eingetragen, die in unserem Namen Dokumente entgegennehmen durfte — eine Formalität aus der Zeit, als Torsten krank war und keine Kraft hatte, Behördengänge zu erledigen, und ich in zwei Schichten arbeitete. Niemand hatte das je widerrufen.

Ich widerrief diese Vollmacht noch am selben Nachmittag. Ich unterschrieb das Dokument im Beisein des Notars, zahlte hundertzwanzig Euro und verließ das Büro mit einer Kopie in der Mappe.

Danach rief ich Markus an und bat ihn, sonntags zum Mittagessen zu kommen. Ich erzählte ihm die Wahrheit und zeigte ihm den Ausdruck des Tests — ich ersparte ihm nichts, fügte aber auch nichts von mir aus hinzu. Er weinte. Ich nicht. Er fragte, ob sich dadurch ändere, wer ich für ihn sei. Ich antwortete, dass sich nichts ändere und dass das die einzige Sache sei, an der ich nie gezweifelt hatte.

Bettina schrieb mir erst nach einem Monat eine SMS. Sie fragte, ob wir uns treffen könnten, sie wolle mehr erklären. Ich antwortete mit einem einzigen Satz: „Alles, was du mir zu sagen hattest, hast du auf diesem Liegestuhl auf Usedom gesagt." Dann blockierte ich ihre Nummer.

Drei Monate später stand sie vor unserem Haus in der Südstadt — laut der Aufnahme der Kamera, die ich an der Tür hatte anbringen lassen, stand sie fast zwanzig Minuten an der Gegensprechanlage. Ich ließ sie nicht hinein. Das Türschloss hatte ich schon vorher austauschen lassen, zusammen mit dem Widerruf der Vollmacht, auch wenn ich mir das damals nur mit Vorsicht erklärte.

Markus ist heute neunundzwanzig. Er kennt den Namen seines leiblichen Vaters nicht und hat nie danach gefragt. Er sagt, er habe eine Mutter, und das reiche ihm. Ich wohne noch immer in derselben Wohnung in der Südstadt, trinke Kaffee aus derselben Maschine, die Torsten uns zur silbernen Hochzeit geschenkt hatte. Der Umschlag mit Bettinas Brief liegt in einem Ordner zusammen mit der Kopie der widerrufenen Vollmacht — nicht, um darauf zurückzukommen, sondern weil manche Papiere einfach griffbereit sein müssen, für alle Fälle.

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