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Krankenschwester Nr. 5

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Ich arbeite seit elf Jahren in der ambulanten Pflege in Freiburg, und normalerweise erzähle ich niemandem, was ich bei den Familien sehe. Berufsgeheimnis, sagt meine Chefin immer, aber dieser Fall geht mir seit Monaten nicht aus dem Kopf, und ich glaube, ich darf es erzählen, solange ich keine echten Namen nenne.

Ich nenne die Patientin einfach Frau K. Sie war Ende siebzig, hatte sich beim Sturz im Badezimmer den Knöchel gebrochen, nichts Dramatisches, ein Gips, sechs Wochen Schonung, danach Physiotherapie. Ihr Sohn hatte mich über die Pflegevermittlung gebucht, dreimal die Woche, zwei Stunden, Grundpflege und ein bisschen Gesellschaft. Bezahlt hat, das habe ich erst später verstanden, die Schwiegertochter. Von einem Konto, von dem niemand außer mir und der Buchhaltung wusste.

Ich kam immer dienstags, donnerstags, samstags, kurz nach halb zehn, wenn die Straßenbahn Linie 3 am Siegesdenkmal ihre Verspätung eingefahren hatte. Die Wohnung roch nach Kaffee und nach diesem Weichspüler, den alte Leute lieben, Frühlingsfrische stand auf der Flasche. Frau K. saß meistens schon am Küchentisch, den Gips auf einem Hocker abgelegt, und wartete auf mich wie auf eine Verabredung. Sie erzählte gern vom Schwarzwald, von einem Bauernhof, den es nicht mehr gab, und einmal hat sie mir gezeigt, wie man Kartoffelsalat ohne Mayonnaise macht, mit Essig und Brühe, echt schwäbisch, sagte sie, obwohl wir in Baden waren.

Ihr Sohn, nennen wir ihn Herrn B., war fast nie da, wenn ich kam. Ein Mann Mitte fünfzig, Ingenieur bei einem Planungsbüro, immer in derselben beigen Strickjacke. Wenn er doch mal zu Hause war, hörte ich ihn oft am Telefon, laut, fordernd, meistens mit seiner Frau. Einmal stand ich im Flur mit der Tasche voller Verbandsmaterial und hörte durch die Küchentür, wie er sie eine Egoistin nannte, die nur an ihre Firma denke. Ich habe nicht gehört, was sie geantwortet hat. Ihre Stimme war immer leiser als seine.

Was ich wusste, weil die Buchhaltung mir die Rechnungsadresse gab: Die Schwiegertochter, eine Frau namens Susanne, führte ein Logistikunternehmen mit Sitz in Offenburg, ziemlich erfolgreich, wie ich später von der Vermittlung erfuhr. Sie zahlte 2.850 Euro im Monat für meine Einsätze plus eine zweite Kraft für die Nächte, die Herr B. offenbar nicht kannte. Ich fand das seltsam, aber es ist nicht meine Aufgabe, Familienangelegenheiten zu kommentieren. Ich mache Blutdruck, wechsle den Verband, sorge dafür, dass der Gips nicht scheuert.

An einem Donnerstag im März kam ich wie immer, aber die Wohnung war anders. Ein Koffer stand im Flur, gepackt, der Reißverschluss halb offen, eine graue Wolljacke hing über dem Griff. Frau K. saß nicht am Küchentisch. Ich fand sie im Wohnzimmer, sie hielt eine Tasse Kamillentee mit beiden Händen fest, als wäre es kalt im Raum, dabei lief die Heizung.

„Er ist ausgezogen", sagte sie, bevor ich überhaupt fragen konnte. Kein Kommentar dazu, ob das gut oder schlecht war. Nur diese Feststellung, trocken, wie eine Wetterangabe.

Später, beim Verbandwechsel, kam Susanne dazu, das erste Mal, dass ich sie überhaupt persönlich traf, sonst kannte ich sie nur als Name auf der Rechnung. Eine große Frau, dunkler Blazer, offensichtlich direkt aus einem Meeting gekommen, mit einem Aktenordner unter dem Arm, den sie auf die Anrichte legte, ohne ihn zu öffnen. Sie sprach mit ihrer Schwiegermutter über die Physiotherapietermine, ganz sachlich, dann fragte sie mich, ob ich am Wochenende zusätzlich kommen könnte, weil sie selbst geschäftlich nach Stuttgart müsse.

Ich habe gefragt, natürlich vorsichtig, wie es Frau K. denn gehe, jetzt, wo der Sohn nicht mehr im Haus wohne. Sie hat kurz aus dem Fenster geschaut, auf den Parkplatz, wo ihr silberner Kombi stand, und gesagt: „Ihr wird es besser gehen als vorher. Nur ihm nicht."

Was genau passiert war, habe ich aus Bruchstücken zusammengesetzt, wie man das in diesem Beruf lernt. Am Morgen nach dem großen Streit in der Küche hatte Susanne, ohne weitere Diskussion, seinen Koffer gepackt und vor die Tür gestellt. Aber das war nicht die eigentliche Pointe. Die eigentliche Pointe war die zweite Pflegerin, die Nachtschwester, die Herr B. offenbar nie erwähnt worden war – er hatte gedacht, seine Mutter läge nachts allein und hilflos da, während seine Frau angeblich nichts unternahm, und genau darauf hatte er seine ganze Anklage in der Küche aufgebaut. Susanne hatte die Nachtwache längst organisiert und bezahlt, seit dem ersten Tag im Krankenhaus, nur eben ohne es ihm zu sagen, weil sie, wie sie mir später erklärte, keine Lust mehr hatte, sich für etwas Selbstverständliches zu rechtfertigen.

Am Tag nach dem Rauswurf rief Herr B. bei der Vermittlung an und wollte die „geheime Pflegekraft" abbestellen, weil er, wie er sagte, das jetzt selbst regeln würde. Die Dame am Telefon musste ihm erklären, dass der Vertrag nicht auf seinen Namen lief und sie ohne die Zustimmung der Vertragsinhaberin nichts ändern könne. Das habe ich nicht selbst gehört, das hat mir die Kollegin von der Vermittlung erzählt, mit diesem Tonfall, den man benutzt, wenn man eine gute Geschichte weitergibt.

Drei Wochen später, ich kam zum letzten offiziellen Termin, bevor Frau K. wieder allein laufen konnte, saß Herr B. tatsächlich in der Küche, an dem Tisch, an dem ich ihn nie gesehen hatte. Er sah müde aus, die beige Strickjacke fehlte, stattdessen trug er ein zerknittertes Hemd. Susanne war nicht da. Auf dem Tisch lag ein brauner Umschlag, DIN A4, mit der Aufschrift „Notarielle Vollmacht Pflege – Kopie für S.", und daneben, das habe ich beim Vorbeigehen gesehen, ein Kontoauszug mit einer roten Markierung neben einer Zahl: 17.100 Euro. So viel hatte Susanne in den vier Monaten seit dem Sturz für Pflege, Physiotherapie und die zweite Kraft ausgegeben, ohne dass er es wusste.

Frau K. saß neben ihm und aß in aller Ruhe ihren Kartoffelsalat, den ich diesmal ohne Anleitung stehen sah. Sie hat den Umschlag nicht angesehen, nicht einmal, als er ihn zur Seite schob. Ich habe den Verband gewechselt, den Blutdruck gemessen, hundertzwanzig zu achtzig, ganz normal, und bin gegangen, weil meine Schicht zu Ende war und die Straßenbahn um Viertel nach elf fuhr.

Was aus der Ehe geworden ist, weiß ich nicht genau. Ich habe später gehört, über die Vermittlung, dass Susanne die Wohnung, in der sie all die Jahre gewohnt hatten, unverändert auf ihren eigenen Namen laufen ließ, so wie sie es schon vorher war, und dass sie den Vertrag mit der Pflegevermittlung bis zum Ende der Reha weiterführte, ganz gleich, wo Herr B. inzwischen schlief. Frau K. hat mir beim letzten Besuch noch das Rezept für den Kartoffelsalat aufgeschrieben, auf einen Zettel vom Notizblock der Krankenkasse. Ich habe ihn immer noch, in der Innentasche meiner Arbeitstasche, zwischen den Blutdruckprotokollen.

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