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Peter und die drei Tage ohne Ingrid

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Ich hatte einfach genug. Zweiunddreißig Jahre Ehe, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal die Fernbedienung in der Hand hatte, ohne dass Ingrid dazwischenquatscht. An dem Donnerstag im September packte sie gerade ihre Tasche, wollte zu unserer Tochter nach Rostock fahren, und ich sagte es einfach heraus: "Fahr doch, Ingrid. Vielleicht erhole ich mich mal ein bisschen von dir."

Ich weiß, wie das klingt. Aber man muss verstehen: Ich bin einundsiebzig, hab vierzig Jahre bei der Deutschen Bahn geschraubt, und die letzten Jahre in unserem Reihenhaus in Schwerin fühlten sich an wie ein Dauerprogramm, bei dem ich nie das Programm wählen durfte. Sie tippte sich an die Stirn, als hätte ich einen Sonnenstich, packte ihre Plätzchendose für die Enkel ein und rief sich noch ein Taxi zum Bahnhof. Ich stand am Gartentor, sah dem Wagen hinterher und dachte: Endlich. Drei Tage nur ich, das Sofa und die Bundesliga-Konferenz.

Was keiner sagt: Die ersten zwei Stunden waren tatsächlich großartig. Ich hab die Katze, die eigentlich nur Ingrids Katze ist, von der Fensterbank verscheucht, ihren Wollkorb hinters Sofa geschoben und mir ein Bier aus dem Kühlschrank geholt, das ich mir sonst nicht "vor sechs" gönnen durfte. Ich hab durch alle Kanäle gezappt. Nichts. Ausgeschaltet. Bin durchs Haus gelaufen – Wohnzimmer, Flur, Küche – und irgendwie war jeder Raum größer und leerer, als ich es kannte.

Gegen Mittag hab ich mir die Erbsensuppe von gestern aufgewärmt, mir dabei die Finger verbrannt, weil ich nicht wusste, wie heiß der Topf schon war, und aus reiner Gewohnheit in die Küche gerufen: "Ingrid, gibst du mir mal das Brot rüber?" Keine Antwort. Nur das Ticken von der Wanduhr, die ich seit Jahren mal neu einstellen wollte, weil sie fünf Minuten vorgeht.

Die Tagesschau um acht war komplett witzlos ohne jemanden, der mir erzählt, dass die da oben in Berlin sowieso keine Ahnung haben. Ich hab die Skatkarten rausgeholt, so aus Reflex, und dann gemerkt: Mit wem denn spielen? Ingrid gewinnt sowieso fast jeden Abend, und wir lachen dabei wie zwei Teenager, die beim Falschspielen erwischt wurden. Ohne sie war das Kartenspiel nur ein Stapel Pappe auf dem Tisch.

Nachts hab ich gemerkt, wie laut die Stille sein kann. Kein Schnarchen neben mir, kein Topfgeklapper am nächsten Morgen um Viertel nach sechs, weil sie schon Kaffee macht, bevor ich überhaupt die Augen aufhabe. Ich lag da und starrte an die Decke und konnte einfach nicht einschlafen.

Am zweiten Tag war ich nur noch gereizt. Alles im Haus fühlte sich an wie kalter Haferbrei – fad, klebrig, ohne Geschmack. Ich hab die Nachbarn beim Rasenmähen beneidet, weil wenigstens sie was zu tun hatten. Am Abend hab ich's nicht mehr ausgehalten, meinen Stolz runtergeschluckt und meine Tochter angerufen. "Kannst du mir mal die Mama geben?", hab ich gefragt, und meine Stimme klang kläglicher, als mir lieb war. Als Ingrid dran war, hab ich nur leise gesagt: "Es ist nicht schön, allein zu sein."

Sie kam am nächsten Nachmittag zurück, eine Stunde bevor sie eigentlich geplant hatte – ihre Tochter hatte sie zum Bahnhof gefahren, kaum dass sie aufgelegt hatte. Sie stellte die Tasche im Flur ab, warf einen Blick in die Küche, wo noch der verbrannte Topf stand, und schimpfte los, bevor sie überhaupt die Jacke ausgezogen hatte. Dann streichelte sie die Katze, zog den Wollkorb unter dem Sofa hervor und fing an, als wäre nichts gewesen, den nächsten Pullover für unseren Enkel zu stricken.

Abends saßen wir wieder am Küchentisch, Tee, Skatkarten, das übliche Gelächter. Ich verlor natürlich, wie immer, und knurrte: "Mit dir hat man ja keine Ruhe… vielleicht solltest du wirklich mal wieder ein paar Tage wegfahren." Sie lachte nur und schüttelte den Kopf, während sie die Karten neu mischte.

Was ich ihr nie gesagt hab, weil man solche Sachen mit einundsiebzig einfach nicht laut ausspricht: Ich hab in diesen drei Tagen mehr über mich selbst gelernt als in den letzten zehn Jahren. Ich weiß jetzt, dass ich keine drei Tage ohne sie schaffe, und ich glaube, sie wusste das die ganze Zeit schon, noch bevor sie überhaupt in dieses Taxi gestiegen ist.

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