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Der Welpe, der nicht ihrer war

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Der Schäferhund hob den Kopf nicht mal, als Katja die Schüssel vor ihm abstellte. Warmes Nassfutter, extra angerührt, wie für die ganz Kleinen. Kira lag seit zwei Tagen so da, die Schnauze in Richtung der Ecke, wo vor drei Tagen noch das Stroh gelegen hatte, auf dem alles passiert war.

Ich hieß Thomas, war siebenundvierzig, und ich war derjenige, der diese Hündin vor acht Wochen an einen Baum gebunden vorgefunden hatte — hinter dem Rewe an der Blumenstraße in Gelsenkirchen, mit Wassernapf, mit Halsband, ordentlich, fast fürsorglich. Nur trächtig. Ich hatte den Tierschutzverein Ruhrpott angerufen, weil ich sonst niemanden kannte, der sich sowas anschaut. Katja war gekommen mit dem alten Kombi vom Verein, hatte die Hündin ins Auto gehievt, ohne zu fragen, ob ich mithelfen wollte oder nicht.

Ich sage das gleich vorweg: Ich bin kein Tierretter. Ich bin Lagerist bei einem Speditionsunternehmen in Herne, geschieden, zwei erwachsene Kinder, die selten anrufen. Ich hatte diese Hündin gefunden, weil ich zufällig meinen Wagen dort geparkt hatte, um Kippen zu holen, und weil ich nicht wegsehen konnte, wie sie mich ansah. Danach bin ich ein paarmal im Tierheim vorbeigefahren, um zu fragen, wie es ihr geht. Mehr nicht. Aber irgendwie war ich seitdem dabei geblieben — nicht als Retter, eher als der, der zufällig immer wieder auftaucht, wenn's brenzlig wird.

Zwei Monate lang hatte Kira sich erholt. Hatte wieder gefressen, war rausgegangen, hatte sich sogar die Knoten im Fell von Katja auskämmen lassen. Vor einer Woche hatte sie nachts zwei Welpen zur Welt gebracht. Beide zu klein, zu schwach. Bis zum Morgen war Kira allein in der Ecke geblieben.

Die Milch kam trotzdem. Das machte alles nur schlimmer.

„Wir müssten ihr einen fremden Welpen unterschieben", hatte Marlene vorgeschlagen — die zweite Frau im Verein, Anfang dreißig, unerschütterlich in ihrem Optimismus. „Sie fängt an zu säugen, schaltet um. Hunde nehmen das an, hab ich gelesen."

Katja hatte sie angesehen wie jemanden, der etwas völlig Richtiges und völlig Unmögliches vorschlägt. Woher sollte man in Gelsenkirchen im Oktober einen neugeborenen Welpen hernehmen? Kein Wurf im Tierheim, in den Dörfern um Herne auch nicht die Saison.

Sie hatten einen Aufruf bei Facebook gepostet, in der Gruppe „Tierschutz Ruhrgebiet". Viermal umformuliert. Um halb sieben abends veröffentlicht. Herzchen kamen, Kommentare kamen — „haltet durch, Mädels", „die arme Hündin" — Welpen kamen keine.

Ich erfuhr das alles erst später, aus Katjas Erzählung, an dem Nachmittag, an dem ich zufällig mit einer Tüte Trockenfutter vorbeikam, das ich im Kaufland im Angebot mitgenommen hatte, weil ich dachte, es könnte gebraucht werden. Vierzehn Euro neunzig, ich hab den Kassenbon noch in der Jackentasche gehabt, als der ganze Rest passierte.

Es war der nächste Tag gegen sechzehn Uhr, als draußen am Zaun ein Kläffen losging, wie ich es im Tierheim noch nie gehört hatte — nicht das übliche Chaos, sondern dieses eine, spezielle Bellen, mit dem die Hunde Fremde am Tor begrüßen. Ich stand gerade neben dem Anhänger, wollte die Säcke abladen, als ich die zwei Kinder sah.

Ein Junge, vielleicht neun, in einer viel zu großen Jacke mit kaputtem Reißverschluss. Ein Mädchen, jünger, mit einer pinken Mütze schief auf dem Kopf. Beide nass, beide mit verheulten Gesichtern. Das Mädchen drückte etwas unter der offenen Jacke an sich.

„Bitte", sagte sie und schluchzte gleich danach. „Bitte nehmen Sie ihn."

Sie zog ein winziges graues Kätzchen unter der Jacke hervor. Handtellergroß, blind, das Fell verklebt, und es piepste so dünn, dass man es im Regen kaum hörte.

„Wir haben ihn bei den Mülltonnen an der Ewaldstraße gefunden", platzte der Junge heraus, als hätte er Angst, nicht zu Ende reden zu dürfen. „Da war ein Karton, er war der Einzige, der übrig war. Wir haben ihn mit heimgenommen, aber Mama hat gesagt, nein. Wir haben die Oma bei uns wohnen, die kriegt von Katzen keine Luft, das stimmt wirklich, ich denk mir das nicht aus."

„Er kann nicht alleine trinken", ergänzte das Mädchen. „Wir haben's mit der Pipette versucht, er nimmt sie nicht."

Der Junge kramte in seiner Hosentasche und legte zerknüllte Scheine und Kleingeld auf seine nasse Hand. „Hier. Für Futter. Ich hab dafür auf einen Fußball gespart, aber der kann warten."

Katja und ich sahen uns an. Beide dachten wir dasselbe. Beide hatten wir Angst, es auszusprechen.

„Steck das Geld weg", sagte Katja zu dem Jungen. „Ehrlich, steck's ein, sonst wird's nass. Gib das Kätzchen her. Euer Findelkind hat großes Glück gehabt. Es kriegt vielleicht sogar eine Mutter."

„Eine echte?", fragte das Mädchen misstrauisch.

„Mal sehen."

Drinnen hatte niemand Gewissheit. Ob Kira ihn annehmen würde. Und ob sie überhaupt noch etwas annehmen konnte, wo doch ihre eigenen Welpen tot waren.

„Dürfen wir wiederkommen?", das Mädchen wischte sich mit dem Handschuh die Nase ab. „Er heißt Krümel. Das hab ich mir ausgedacht."

„Kommt vorbei", nickte Katja. „Aber mit euren Eltern zusammen."

Wir wärmten das Kätzchen zwanzig Minuten lang auf der Heizung im Büro, in ein altes Handtuch gewickelt. Ich hielt es in der hohlen Hand und pustete warme Luft drauf, so wie man's mit klammen Fingern macht. Es hörte auf zu piepsen und fing an, sich zu regen. Das war schon mal was.

Zu zweit gingen wir in den Zwinger. Kira hob den Kopf, blieb liegen.

„Kira, Mädchen", Katja setzte sich mitten ins Stroh, legte ihr die Hand auf den Nacken. „Schau. Schau, was ich dir mitgebracht hab."

Die Hündin spannte sich an, die Ohren gingen nach vorn, dann wieder flach an den Kopf. Katja hielt ihr das Kätzchen unter die Nase, ganz nah an die trockene, warme Zitze, wo vor einer Woche noch zwei Welpen getrunken hatten. Kira schnupperte, zog die Lefzen zurück, und für einen Moment dachte ich, sie würde aufstehen und weggehen.

Dann leckte sie einmal über den nassen kleinen Kopf. Dann noch einmal.

Ich stand am Zauneingang mit dem Kassenbon in der Tasche und dem Regen im Nacken und hab mich nicht bewegt, weil ich Angst hatte, das kaputtzumachen, was da gerade passierte. Marlene fing an zu heulen, leise, ohne ein Wort zu sagen. Katja blieb einfach sitzen, die Hand auf Kiras Rücken, und rührte sich nicht.

Das Kätzchen fand die Zitze von allein, tastend, mit dem blinden Köpfchen wackelnd, bis es ansetzte und zu saugen begann. Kira legte sich flacher hin, den Kopf über den kleinen Körper gebeugt, und ihr Atem wurde ruhiger, als hätte jemand innen einen Schalter umgelegt.

Drei Wochen später kamen der Junge und das Mädchen jeden Samstag mit ihrem Vater vorbei, brachten Katzenstreu und einmal sogar ein selbstgemaltes Bild von Krümel, der an einer Hundezitze trank, mit Kira daneben in Wachsmalstiften ausgemalt. Katja hängte es an die Bürotür.

Ich hab beim Tierschutzverein einen Dauerauftrag eingerichtet, zwanzig Euro im Monat, für das Dach über Block A, das seit dem Herbst durchregnete. Kein großer Betrag. Aber ich hab ihn seitdem nie ausgesetzt, auch nicht in den Monaten, in denen ich selbst knapp bei Kasse war. Kira zog Krümel groß, bis er selbst fressen konnte, und als der Verein ihn im Januar vermittelte — an eine Familie in Bochum, mit Garten —, stand ich neben dem Zwinger und hab zugesehen, wie Kira ihm ein letztes Mal über den Kopf leckte, bevor die Transportbox zuging.

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