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Zweiundsiebzig Jahre alt und immer noch stur wie ein Maultier

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Ich heiße Rüdiger, bin zweiundsiebzig, und fast ein Jahr lang habe ich mit meiner Schwester kein Wort gewechselt. Wegen einer Nähmaschine. Ja, richtig gelesen. Eine Nähmaschine, Marke Pfaff, Baujahr irgendwann in den Sechzigern, die in der Küche unserer Mutter stand und die niemand von uns beiden wirklich brauchte. Aber manchmal geht es bei so einem Streit gar nicht um das Ding selbst, sondern darum, wer am Ende recht behält.

Meine Schwester heißt Brigitte, sie ist vier Jahre älter, und wir sind zusammen in Bielefeld aufgewachsen, zwei Straßen von der alten Sparkasse entfernt, in einem Haus, in dem der Flur immer nach Bohnerwachs roch. Nach dem Tod unserer Mutter im vergangenen Frühjahr mussten wir ihre Wohnung auflösen. Kein Vermögen, keine Immobilie – nur Geschirr, Tischdecken, ein paar Fotoalben und eben diese Nähmaschine. Ich wollte sie haben, weil ich noch weiß, wie Mutter sonntags daran saß und meine Schuluniform flickte. Brigitte sagte, Mutter hätte ihr das Ding versprochen, für ihre Tochter Katharina. Aus dem Streit um ein Möbelstück wurde in einer halben Stunde eine Abrechnung über dreißig Jahre. Ich warf ihr vor, dass sie sich in den letzten Monaten kaum um Mutter gekümmert hatte, während ich fast jeden Tag im Pflegeheim war. Sie konterte, ich würde jede Hilfe, die ich leiste, wie eine Rechnung vor mir hertragen, um sie später einzufordern. Ich bin gegangen und habe die Tür so zugeschlagen, dass die Nachbarin auf dem Flur herauskam.

Von da an: nichts. Kein Anruf, keine SMS, keine Weihnachtskarte. Katharina und mein Sohn Jonas haben versucht zu vermitteln, aber wir beide sagten immer denselben Satz: „Wenn sie reden will, weiß sie, wo ich wohne." Es gab Weihnachten ohne den anderen. Es gab zwei Geburtstage, an denen ich nicht anrief und sie auch nicht. Einmal sah ich sie auf dem Wochenmarkt am Alten Markt zwischen den Käsehändlern, sie mit ihrem karierten Einkaufstrolley, und ich habe mich hinter einem Blumenstand versteckt wie ein Schuljunge.

An einem Dienstagvormittag im März rief mich mein Neffe an, Katharinas Mann eigentlich, weil Katharina selbst zu aufgelöst war. Brigitte war auf der Treppe vor ihrem Reihenhaus gestürzt, hatte sich das Handgelenk gebrochen und musste in der Notaufnahme des Klinikums warten, weil man auch die Hüfte abklären wollte. Katharina war beruflich in Hannover und bat mich, so lange vorbeizuschauen, bis sie zurück sein konnte.

Ich gebe zu, mein erster Gedanke war lächerlich: Vielleicht will sie mich gar nicht sehen. Fünf Minuten später hatte ich trotzdem die Autoschlüssel in der Hand und den Opel aus der Garage geholt. Auf dem Weg zum Klinikum, vorbei an der Sparkasse, an der roten Ampel Ecke Jahnplatz, habe ich mir zurechtgelegt, wie ich mich verhalten würde: reinkommen, fragen, was der Arzt gesagt hat, mich hinsetzen. Mehr nicht.

Auf der Trage lag sie dann mit geschientem Arm, die Haare wirr, ein Verband am Handgelenk. Sie sah mich von der Tür aus. Ich hatte die Jacke noch an, den Autoschlüssel noch in der Hand. Bevor ich überhaupt „Hallo" sagen konnte, hielt sie sich mit der freien Hand das Gesicht und weinte. Ich ging hin und das Einzige, was mir rausrutschte, war: „Jetzt hör aber auf zu heulen, Brigitte." Ein Satz, den unsere Mutter uns beiden ein Leben lang hinterhergerufen hatte, wenn wir als Kinder gestürzt waren. Wir mussten beide lachen, mitten im Weinen.

Sie erzählte, sie habe Angst gehabt – nicht so sehr wegen des Sturzes, sondern weil sie in der Notaufnahme allein gesessen und gedacht hatte: Wenn mir jetzt wirklich etwas Ernstes passiert, reden wir seit fast einem Jahr nicht mehr, wegen einer Nähmaschine. Ich setzte mich auf den Plastikstuhl neben ihr und gab zu, dass auch ich oft am Telefon gestanden und die Nummer wieder aufgelegt hatte. „Und warum hast du dann nicht angerufen?", fragte sie. Ich musste die Wahrheit sagen: aus Stolz.

Wir haben fast sechs Stunden zusammen in diesem Klinikum verbracht. Ich habe ihr aus dem Kiosk unten ein belegtes Brötchen geholt, weil sie seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Wir haben gestritten, weil sie unbedingt allein zur Toilette laufen wollte, und am Ende habe ich ihr geholfen, die Strickjacke anzuziehen, als die Entlassung kam. Katharina traf gegen Abend ein. Als sie uns beide zusammen sah, sagte sie nichts, sie hat nur den Kopf geschüttelt und gegrinst.

Bevor ich ging, fragte Brigitte, was wir mit der Nähmaschine machen sollten. Ich sagte, Katharina könne sie ruhig bekommen. Sie antwortete, mittlerweile wolle die auch keiner mehr. Wir haben so lange gelacht, dass die Schwester vom Pflegepersonal den Kopf durch die Tür steckte, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

Ich will das nicht so hinstellen, als hätte ein Treppensturz alles gelöst. In den Tagen danach haben wir noch mal über das gesprochen, was wir uns damals an den Kopf geworfen hatten, und manches davon tat immer noch weh. Brigitte gab zu, dass sie mir mit der Pflege unrecht getan hatte. Ich gab zu, dass ich das, was ich für andere tue, oft wie eine Waffe benutze, sobald ich sauer bin. Wir sind immer noch zwei Sturköpfe. Aber jetzt telefonieren wir mehrmals die Woche.

Die Nähmaschine steht bis heute bei Brigitte im Flur, niemand benutzt sie. Letzte Woche hat sie mir ein Foto geschickt: Sie hat einen Kaktus draufgestellt. Ich musste an all die Monate denken, die wir verloren haben, weil jeder darauf gewartet hat, dass der andere zuerst zum Hörer greift. Gewonnen hat bei diesem Streit niemand. Verloren haben wir fast ein Jahr, in dem wir nicht am Leben des anderen teilhatten. Wie viele Geschwister, wie viele alte Freundschaften gehen wohl kaputt, nicht weil etwas Unverzeihliches passiert ist, sondern weil zwei Menschen zu lange darauf warten, dass der andere den ersten Schritt macht?

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