Connect with us

З життя

Der Vorratsschrank meiner Schwiegermutter in Bad Kreuznach

Published

on

Ich heiße Jonas, bin vierunddreißig und arbeite als Projektleiter bei einem Bauunternehmen in Mainz. Als ich meine Frau Katharina kennenlernte, war das Erste, was mich an ihrer Familie faszinierte, dieser Vorratsschrank ihrer Mutter Renate. Ein fensterloser Abstellraum neben der Küche, vollgestopft mit Gläsern: Pflaumenmus, eingelegte Gurken, Preiselbeeren aus dem eigenen Garten. Ich fand das damals charmant, fast wie ein Museum. Katharina fand es zum Fürchten.

Ich muss ehrlich sein: Ich habe mich über Renates Vorratshaltung lustig gemacht. Nicht aus Bosheit, das schwöre ich. Ich kam aus einer Familie, in der meine Mutter berufstätig war, wir haben immer beim Rewe um die Ecke eingekauft, und Wochenendarbeit in der Küche kam bei uns nicht vor. Für mich war Einwecken etwas, das meine Großtante in der Eifel machte, eine Frau mit Kittelschürze, die ich als Kind bemitleidet hatte. Als Renate uns im Frühjahr besuchte und mir stolz zwei Gläser selbstgemachte Marmelade mitbrachte, sagte ich zu Katharina, kaum war ihre Mutter zur Tür raus: „Das ist doch von vorgestern. Wer verbringt heute noch sein ganzes Wochenende damit, Gläser abzufüllen?" Katharina lachte mit, ein bisschen zu laut, wie ich später merkte. Sie wollte mir nicht widersprechen.

Renate hat das nie erfahren, jedenfalls glaube ich das bis heute. Aber Katharina hat es ihr wohl irgendwann erzählt, in einer dieser Mutter-Tochter-Telefonate, die stundenlang gehen und bei denen ich nie mithöre. Jedenfalls: Als wir Renate das nächste Mal in ihrem Reihenhaus am Stadtrand von Bad Kreuznach besuchten, war die Vorratskammer verschlossen. Nicht abgesperrt, nur die Tür zu, was bei ihr sonst nie vorkam. Sie bot uns keine Gläser mehr an, obwohl sie es früher immer tat, wenn wir gingen: „Nehmt doch ein Glas Kirschen mit." Diesmal nichts. Ich dachte mir nichts dabei. Ehrlich gesagt fand ich es sogar praktisch – weniger Kram im Kofferraum.

Der Herbst kam, und bei uns wurde es hektisch. Katharina wechselte die Abteilung, plötzlich Schichtdienst im Krankenhaus, ich hatte ein Bauprojekt in Wiesbaden am Laufen und kam kaum vor acht nach Hause. Unsere Tochter Lena, sechs Jahre alt, aß in dieser Zeit mehr Tiefkühlpizza als in ihrem ganzen Leben davor. Ich erinnere mich an einen Dienstagabend im November, an dem ich mit knurrendem Magen vor dem leeren Kühlschrank stand und Katharina anrief, weil sie noch in der Klinik war. Sie fragte mich beiläufig, ob ich wüsste, wo die Gläser von ihrer Mutter geblieben seien – die letzten zwei, Tomatensugo, die wir im Sommer heimlich aus dem Auto genommen hatten, weil Lena partout keine Fertigsoße mehr wollte, nachdem sie einmal das Original probiert hatte.

Das war der Moment, in dem ich zugeben musste: Ich hatte mir insgeheim schon zweimal Nudeln mit Renates Sugo gemacht, während Katharina arbeitete. Es schmeckte nach etwas, an das ich mich aus keiner Küche erinnern konnte – nicht künstlich süß wie das Glas vom Discounter, sondern mit dieser bitteren Tiefe von richtig langsam eingekochten Tomaten. Ich hatte es nicht erwähnt, weil es mir peinlich war, zuzugeben, dass mir das „altmodische Zeug" so gut schmeckte.

Zwei Wochen später fuhren wir zu dritt nach Bad Kreuznach, ohne Ankündigung, eigentlich nur um Lena bei ihrer Oma abzugeben, weil der Kindergarten wegen einer Lehrerfortbildung geschlossen hatte. Katharina hatte eine Stofftasche dabei, in der drei leere Gläser klapperten – die letzten, gespült, aber nicht weggeworfen. Sie stellte sie auf Renates Küchentisch und fragte, ob noch etwas Sugo übrig sei, vielleicht auch Zwetschgenmus, Lena habe neuerdings ständig danach gefragt.

Ich stand daneben und hörte mich sagen: „Das ist doch alles von vorgestern, oder?" Es sollte ein Scherz sein, ein Friedensangebot mit Selbstironie. Renate drehte sich zu mir um, wischte sich die Hände an der Schürze ab und wurde tatsächlich rot im Gesicht. Katharina lachte los, dieses Mal ohne die falsche Note von damals, und irgendwann lachte auch ihre Mutter mit, kopfschüttelnd, während sie den Vorratsschrank aufschloss, der plötzlich wieder ganz normal offenstand.

Was ich dann nicht erwartet hatte: Katharina fragte ihre Mutter, ob sie ihr im nächsten Sommer zeigen könne, wie man einkocht. Nicht vierzig Gläser, das machte sie klar, dafür fehlte ihr mit dem Schichtdienst die Zeit. Aber genug für ein paar Wochen, wenn die Klinik wieder Überstunden verlangte. Renate nickte nur kurz und sagte nichts weiter dazu, aber am nächsten Morgen hatte sie schon Tomaten aus dem Garten in einem Eimer neben der Spüle stehen.

Im August saß ich dann tatsächlich mit im Garten, während die beiden Frauen in der Küche standen, Fenster offen, es roch nach Basilikum und heißem Essig bis zur Terrasse. Katharina fragte ständig nach der Uhr, wollte wissen, wie lange die Soße noch reduzieren muss, ob die Zwiebeln zu dunkel werden. Renate erklärte es ihr mit einer Geduld, die ich bei ihr sonst nicht kannte. Am Ende hatten sie zwölf Gläser, deutlich weniger, als Renate allein produziert hätte, aber beide sahen erschöpft und zufrieden aus.

Beim Abwasch, die Hände noch rot vom Tomatensaft, sagte Katharina zu ihrer Mutter: „Jetzt versteh ich, warum dich das damals so getroffen hat." Renate erwiderte, es habe sie nicht gestört, dass Katharina selbst nichts einkochen wollte – jede Generation richtet sich ihre Küche ein, wie sie mag. Was ihr wehgetan habe, war, dass etwas, das für sie Bedeutung hatte, als reine Zeitverschwendung abgetan wurde. Katharina schwieg einen Moment und gab zu, dass sie „altmodisch" zu oft mit „überflüssig" verwechselt hatte.

Ich stand in der Tür mit einem der noch warmen Gläser in der Hand, das Etikett noch nicht beschriftet, und sagte gar nichts. Es gab nichts hinzuzufügen. Heute kauft Katharina immer noch die meisten Sachen bei Edeka, keine Frage, aus ihr wird keine Einweckkönigin. Aber jeden August reservieren wir samstags einen Vormittag in Bad Kreuznach, Renate bringt die Tomaten aus dem Garten, Katharina die neuen Gläser, und Lena klebt selbstgemalte Etiketten auf die Deckel, damit man Sugo von Mus unterscheiden kann. Ich stehe meistens draußen am Grill und höre die beiden durchs Fenster reden, während der Duft von eingekochten Tomaten bis in die Einfahrt zieht, wo mein Auto steht, im Kofferraum schon die leere Kiste für die Rückfahrt nach Mainz.

Click to comment

Leave a Reply

Ваша e-mail адреса не оприлюднюватиметься. Обов’язкові поля позначені *

4 × чотири =

Також цікаво:

З життя4 секунди ago

Der Vorratsschrank meiner Schwiegermutter in Bad Kreuznach

Ich heiße Jonas, bin vierunddreißig und arbeite als Projektleiter bei einem Bauunternehmen in Mainz. Als ich meine Frau Katharina kennenlernte,...

DE5 хвилин ago

Der Junge mit der Plastiktüte

Ich heiße Jonas Bergmann, bin achtunddreißig und arbeite als Hausmeister an der Grundschule an der Kastanienallee in Duisburg. Zwölf Jahre...

DE6 хвилин ago

Zweiundsiebzig Jahre alt und immer noch stur wie ein Maultier

Ich heiße Rüdiger, bin zweiundsiebzig, und fast ein Jahr lang habe ich mit meiner Schwester kein Wort gewechselt. Wegen einer...

DE2 години ago

Vierundzwanzig Notartermine für die Sanierung des Hinterhauses in Ehrenfeld

Ich bin 71 und heiße Rüdiger. Meine Nachbarin Hannelore wohnt seit einundzwanzig Jahren gegenüber, Kölner Südstadt, drittes Stockwerk, die Wohnung...

DE2 години ago

Peter und die drei Tage ohne Ingrid

Ich hatte einfach genug. Zweiunddreißig Jahre Ehe, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal die Fernbedienung...

DE2 години ago

Der Kompressor, der meinem Schwiegervater gehörte

Ich heiße Matthias Brenner, bin achtundvierzig, und seit sechzehn Jahren betreibe ich die kleine Autowerkstatt in der Bahnhofstraße in Coburg,...

DE4 години ago

Der Welpe, der nicht ihrer war

Der Schäferhund hob den Kopf nicht mal, als Katja die Schüssel vor ihm abstellte. Warmes Nassfutter, extra angerührt, wie für...

DE4 години ago

Der Werkzeugkoffer meines Vaters

Ich heiße Jonas Brechner, bin vierunddreißig und Kfz-Mechatroniker in Bocholt, direkt an der niederländischen Grenze. Mein Vater, Ralf, hatte dort...