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Erinnerung der Nachbarin: Die Dachterrasse in der Elsässer Straße

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Ich bin seit sechzehn Jahren Hausverwalterin für drei Mehrfamilienhäuser in Leipzig-Connewitz, und normalerweise kriege ich nur die Rohrbrüche und die Streitereien wegen der Mülltonnen mit. Aber was in der Elsässer Straße 14 passiert ist, geht mir bis heute nicht aus dem Kopf.

Frau Katharina Brenner wohnt im zweiten Stock, direkt über meinem Büro, das eigentlich nur eine umgebaute Hausmeisterwohnung im Erdgeschoss ist. Sie ist Physiotherapeutin, arbeitet in einer Praxis in der Karl-Liebknecht-Straße, und lebt seit vier Jahren mit ihrem Mann Jonas und ihrer Tochter Mila zusammen, die aus ihrer ersten Ehe stammt. Jonas hat Mila adoptiert, das weiß ich, weil die Adoptionspapiere über unser Hausverwaltungsbüro liefen, als sie den Mietvertrag geändert haben. Zwölf Jahre ist Mila jetzt, geht aufs Gymnasium um die Ecke, und im Treppenhaus riecht es immer nach ihrem Erdbeer-Duschgel, wenn sie morgens zur Schule rennt.

An diesem Dienstag im September war ich gerade dabei, die Nebenkostenabrechnungen in die Briefkästen zu stecken, als Jonas' Mutter, Frau Ingrid Wächter, die Treppe hochstürmte. Ich kenne sie, sie kommt öfter vorbei, immer mit diesem Parfüm, das im ganzen Flur hängen bleibt. Diesmal hatte sie eine braune Aktenmappe unterm Arm und die Tür zur Wohnung Brenner stand einen Spalt offen, weil Mila kurz vorher runtergekommen war, um die Paketbox zu leeren.

Ich hab nicht gelauscht, das muss ich betonen — meine Schicht war eigentlich schon vorbei, ich wollte nur noch die Post fertig machen, bevor ich zur Sparkasse musste, weil die um sechzehn Uhr schließt. Aber die Tür war offen, und Frau Wächters Stimme trägt.

„Stell dich nicht dumm, Katharina!" Ich hörte, wie etwas auf einen Tisch geworfen wurde, wahrscheinlich diese Mappe. „Die Eigentumswohnung deiner verstorbenen Eltern! Die du vor drei Jahren geerbt hast! Jonas und ich haben alles besprochen!"

Ich blieb im Treppenhaus stehen, tat, als würde ich den Sicherungskasten überprüfen. Von drinnen kam Katharinas Stimme, ruhig, aber mit diesem Zittern, das man hört, wenn jemand sich zusammenreißt.

„Ingrid, das ist meine Wohnung. In der Bergstraße. Und ich werde sie nicht verkaufen."

„Deine?" Ein Lachen, kurz und scharf. „Du bist mit meinem Sohn verheiratet! Alles, was dir gehört, gehört der Familie! Und ich bin das Oberhaupt dieser Familie!"

„Sie sind nicht das Oberhaupt unserer Familie. Jonas und ich haben unsere eigene."

Dann hörte ich Milas Schritte im Flur, sie war mit dem Paket in der Hand zurückgekommen, und Frau Wächter schnauzte sie an, sie solle in ihr Zimmer gehen. Katharina sagte etwas Sanftes zu ihrem Kind, schickte sie mit den Hausaufgaben weg. Ich nutzte den Moment, um endlich die letzten Briefe zu verteilen, aber ich ging nicht weit.

Was dann kam, hab ich nur in Fetzen mitbekommen, während ich am Briefkasten im Erdgeschoss stand und so tat, als würde ich Schlüssel suchen. Ingrid Wächter erzählte von einem Haus, das sie in Markkleeberg gefunden hatte, am Ufer des Markkleeberger Sees, groß genug für alle — sie, ihr Mann, Jonas, Katharina und, wie sie sagte, „meine Enkelkinder". Katharina fragte, was mit Mila sei, sie habe doch schon eine Enkelin. Und die Antwort, die durchs Treppenhaus hallte, war so kalt, dass ich die Briefe für einen Moment einfach in der Hand hielt, ohne sie einzustecken.

„Sie ist nicht von unserem Blut. Du hast sie aus deiner ersten Ehe mitgebracht. Jonas hat sie aus Mitleid adoptiert. Ich brauche einen richtigen Enkel."

Ich kenne Mila seit sie fünf war. Sie hat mir mal geholfen, im Hof die Fahrräder zu sortieren, weil ihr unser alter Hausmeister-Hund, ein räudiger Mischling namens Keks, den die Hausgemeinschaft durchfüttert, so gut gefiel. Bei dem Satz musste ich mich am Briefkasten festhalten.

Dann kam das Schlimmste. Ingrid holte ihr Handy raus — das hörte ich am metallischen Klicken der Tasche — und las eine Nachricht vor, angeblich von Jonas: „Mama, du hast recht, Katharina hängt zu sehr an der Wohnung der Eltern. Wir müssen sie überzeugen." Katharinas Stimme brach kurz, dann wurde sie wieder fest. Ich hörte, wie sie die Schwiegermutter zur Tür bat, wie ein Stuhl gerückt wurde, und dann knallte die Wohnungstür so laut, dass unten im Hausflur der Rauchmelder kurz piepte.

Ich musste los, die Sparkasse wartet auf niemanden, und ehrlich gesagt wollte ich mich auch nicht einmischen — das ist nicht mein Haus, das ist ihr Leben. Aber am nächsten Morgen, als ich die Mülltonnen an die Straße stellte, stand Katharina schon draußen, mit einer grauen Aktentasche unterm Arm, in Businesskleidung, obwohl sie um die Uhrzeit sonst nie so früh unterwegs war.

„Alles in Ordnung?", fragte ich, mehr aus Höflichkeit als aus Neugier.

„Ich fahr zum Notar", sagte sie nur. „Termin um neun."

Ich hab erst später, aus den Unterlagen, die über unser Verwaltungsbüro liefen, weil Katharina eine neue Meldeadresse für die Bergstraße-Wohnung eintragen ließ, zusammengesetzt, was passiert war. Sie hatte in der Nacht nicht geschlafen, sagte sie mir Wochen später beim Treppenputz-Turnus, als wir zufällig gleichzeitig im Flur waren. Sie hatte Jonas' Handy nicht angerührt, hatte ihn nicht mal zur Rede gestellt in dem Moment — sie war einfach früh los, zu ihrem eigenen Notar in der Südvorstadt, den sie schon von der Erbschaft her kannte.

Dort ließ sie sich schriftlich bestätigen, was ohnehin im Grundbuch stand: Die Wohnung in der Bergstraße gehörte ihr allein, als Alleinerbin, eingetragen seit dreiundzwanzig Monaten. Sie kündigte den bestehenden Mietvertrag mit den jetzigen Mietern fristgerecht zum Jahresende — nicht um zu verkaufen, sondern um die Wohnung auf ihren eigenen Namen als Rücklage laufen zu lassen, unabhängig von jeder Familienplanung, die andere für sie gemacht hatten. Und sie ließ sich eine Vollmacht ausstellen, die Jonas ausdrücklich ausschloss von jeglicher Verfügung über diese Immobilie — ein Passus, den es beim Erbe noch nicht gegeben hatte.

Am selben Abend, das erzählte sie mir später, saß Jonas wieder müde am Küchentisch, wollte Abendbrot, und sie legte ihm die Kopie der notariellen Urkunde neben den Teller. Kein Vorwurf, keine Anklage — nur das Papier. Er sei bleich geworden, habe gestottert, dass seine Mutter das Haus in Markkleeberg schon fast reserviert habe, mit einer Anzahlung von zwölftausend Euro aus dem gemeinsamen Konto.

Was ich weiß, weil die Marmorplatte im Hausflur seitdem eine Delle hat: Zwei Tage später stand Ingrid Wächter wieder vor der Tür, mit derselben braunen Mappe, aber diesmal ließ Katharina sie gar nicht erst rein. Ich hab's nicht direkt gesehen, ich war im Keller wegen der Heizungsanlage, aber Herr Beltz aus dem ersten Stock hat mir erzählt, wie die alte Dame vor der verschlossenen Tür stand, klingelte, und Katharina von drinnen nur sagte, die zwölftausend Euro würden zurücküberwiesen, sobald die Bank es bearbeitet habe, und das Haus in Markkleeberg sei jetzt ihre eigene Angelegenheit, nicht die der Familie.

Mila hab ich seitdem öfter mit Keks im Hof gesehen, wie früher. Und die Wohnung in der Bergstraße, das hat mir Katharina beim letzten Nebenkostengespräch erzählt, ist inzwischen an ein junges Paar vermietet, ganz regulär, Vertrag läuft über sie allein. Sie hat mir die Kontoauszüge nicht gezeigt, das geht mich auch nichts an — aber sie hat gelacht, als sie's erwähnte, zum ersten Mal seit Wochen richtig gelacht, während sie den Wäschekorb die Treppe hochtrug.

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