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Die Primaballerina von Leipzig

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Es war halb neun Uhr morgens, als Elfriede Brandt die schwere Glastür des Tanzstudios "Ballettatelier Kronos" in der Leipziger Südvorstadt aufstieß.

Sie war einundachtzig Jahre alt, trug ein schwarzes Trikot, rosa Strumpfhosen und abgetragene Spitzenschuhe, die sie seit Jahrzehnten aufbewahrt hatte. Ihre weißen Haare waren zu einem strengen Dutt gebunden. In der Hand hielt sie eine kleine Sporttasche aus braunem Leder, die noch den Geruch von Rosenharz und altem Holzboden trug.

Das Studio galt als das renommierteste in ganz Leipzig. Junge Tänzerinnen aus der gesamten Region bewarben sich jedes Jahr um einen Platz, manche träumten von der Semperoper in Dresden, andere vom Staatsballett Berlin. Geleitet wurde die Einrichtung von Matteo Vogel, sechsunddreißig Jahre alt, ein Choreograf, der sich in nur zehn Jahren einen Namen gemacht hatte — streng, präzise, kompromisslos.

An diesem Morgen lief die übliche Probe. Die Pianistin spielte Chopin, die Tänzer übten an der Stange, Matteo ging zwischen ihnen hin und her.

"Das Bein höher. Den Rücken gerade halten. Nicht aus dem Gleichgewicht kommen. Noch einmal, von vorne."

Dann ging die Tür auf. Alle Köpfe drehten sich.

Matteo runzelte die Stirn und ging auf die alte Frau zu.

"Entschuldigung, Sie haben sich sicher in der Adresse vertan."

"Nein. Ich bin für die Ballettstunde hier."

Ein paar Schülerinnen tuschelten. Jemand lachte leise.

"Ballett ist eine extreme körperliche Belastung", sagte Matteo, bemüht geduldig. "In Ihrem Alter riskieren Sie einen Sturz, einen Bruch. Ich trage die Verantwortung dafür."

"Ich werde mir nichts brechen."

"Trotzdem kann ich Sie nicht aufnehmen."

"Warum nicht?"

"Weil Ballett nicht für solche Leute gedacht ist."

"Für welche Leute genau?"

Er zögerte eine Sekunde. "Für Frauen mit einundachtzig Jahren. Sie würden es nicht einmal auf die Spitzenschuhe schaffen, geschweige denn eine Pirouette drehen."

Gelächter breitete sich im Saal aus. Ein junger Tänzer vor dem Spiegel schüttelte den Kopf. "Hat die sich verlaufen? Vielleicht sucht sie den Seniorentreff im Nachbarhaus."

Eine Schülerin kicherte hinter ihrer Hand. Elfriede hörte alles und stellte wortlos ihre Tasche auf den Boden.

Sie öffnete den Reißverschluss, zog ihre eigenen, abgenutzten Spitzenschuhe heraus und klopfte sie zweimal gegen die Handfläche, wie man es tut, um altes Harzpulver zu lösen. Dann ging sie zur Stereoanlage an der Wand und legte eine CD ein, die sie mitgebracht hatte — "Schwanensee" von Tschaikowski, Aufnahme der Dresdner Philharmonie, 1987, die Hülle an den Ecken schon weich vom vielen Anfassen.

"Das reicht jetzt", sagte Matteo scharf und streckte die Hand nach dem Gerät aus.

"Zwei Minuten", sagte Elfriede. "Geben Sie mir zwei Minuten, dann gehe ich, wenn Sie wollen."

Seine Hand blieb in der Luft hängen, bevor er sie zurückzog.

Die Musik begann. Elfriede setzte sich auf die Bank, zog die Spitzenschuhe über, band die Bänder mit Händen, die trotz des Alters nicht zitterten, zweimal um den Knöchel, straff, wie sie es tausendmal getan hatte. Dann stellte sie sich in die Fünfte Position. Ihre Knie knackten hörbar, als sie sich streckte, und einen Atemzug lang presste sie die Lippen zusammen.

Was dann geschah, ließ den gesamten Saal verstummen.

Der Arm hob sich in einer Linie, sauber bis in die Fingerspitzen. Die Schuhe schabten leise über das Parkett, ein trockenes Geräusch, das sich mit dem Klavier aus der Konserve mischte. Bei der Pirouette, einfach, aber vollkommen kontrolliert, hielt sie den Blick fest auf einen Punkt an der Wand, genau wie man es ihr vor sechzig Jahren beigebracht hatte. Auf ihrer Oberlippe stand Schweiß. Beim Abschluss der Drehung schwankte sie für den Bruchteil einer Sekunde, fing sich aber, bevor es jemand bemerkte — außer ihr selbst.

In der Schlusspose, Kinn oben, Rücken gerade, atmete sie einmal tief durch die Nase ein.

Niemand lachte mehr. Die Pianistin hatte die Hand auf den Mund gelegt. Ein Mädchen in der ersten Reihe wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Matteo stand mit hängenden Armen da. Er griff kurz nach der Fernbedienung der Anlage, ließ die Hand aber wieder sinken und drehte sich halb zur Seite, als müsste er etwas an seinem Ärmel zurechtziehen.

"Wer… wer sind Sie?", fragte er schließlich.

Elfriede band die Schuhe nicht ab. Ihr Atem ging schneller als zuvor, aber ihre Stimme war fest.

"Elfriede Brandt. Primaballerina an der Staatsoper Dresden, von 1962 bis 1981. Danach habe ich zwanzig Jahre unterrichtet, bis mein Mann krank wurde und ich aufhören musste, um ihn zu pflegen. Er ist 2023 gestorben."

Im Saal war es still bis auf das Rauschen der Heizung.

"Ich bin heute nicht hierhergekommen, um mich zu beweisen", fuhr sie fort. "Ich wohne drüben in der Karl-Liebknecht-Straße, dreizehn Minuten mit der Linie 9, Fahrkarte drei Euro zehn. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass dieses Studio das beste der Stadt ist. Ich wollte einfach wieder tanzen, bevor meine Knie es mir nicht mehr erlauben."

Matteo schob die Hände in die Taschen und zog sie gleich wieder heraus. "Frau Brandt", sagte er, "das war… ich hätte Sie nicht so abweisen dürfen."

"Das ist nicht nötig."

"Ich meine es so." Er sah zu den Schülern, die noch immer in der Reihe standen, dann wieder zu ihr, und für einen Moment presste er die Lippen zusammen, als würde er doch lieber nichts sagen. "Dienstag und Donnerstag ist der Saal ab neun frei", sagte er schließlich nur.

Elfriede nickte knapp und begann, die Bänder ihrer Schuhe wieder zu lösen.

Drei Wochen später hing in der Eingangshalle des Studios ein neues Schild: "Seniorenklasse — dienstags und donnerstags, 9:00 bis 10:30 Uhr, Leitung: Elfriede Brandt." Zwölf Frauen zwischen sechzig und fünfundachtzig Jahren hatten sich angemeldet, die Liste war nach einer Woche voll.

Matteo besuchte die Stunden manchmal, lehnte an der Wand neben der kalten Kaffeetasse, die er sich morgens aus der Maschine im Flur holte und dann stehen ließ, und beobachtete, wie Elfriede den Frauen die Fünfte Position zeigte, wie sie mit der gleichen Strenge korrigierte, die er selbst anwandte.

An einem Dienstagabend, nach der Stunde, als die letzte Schülerin gegangen war, setzte sich Elfriede auf die Holzbank am Spiegel und zog langsam die Bänder ihrer Spitzenschuhe auf. Sie klopfte sie noch einmal gegen die Handfläche, legte sie zurück in die braune Tasche — dieselbe, mit der sie vor einem Monat durch diese Tür gekommen war — und zog den Reißverschluss zu.

Sie stand auf, nahm die Tasche und ging durch den Saal zur Tür. Hinter ihr auf dem Parkett blieb eine dünne Spur von Harzpulver zurück, dort, wo sie gestanden hatte.

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