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Der Moment, als Nummer siebzehn aufleuchtete
Markus Brenner wachte um Viertel vor fünf auf, obwohl der Wecker erst auf sechs gestellt war. Er lag im Dunkeln und lauschte auf die Geräusche der Wohnung in der Lindenallee in Freiburg und merkte, dass etwas fehlte. Kein Atmen neben ihm. Keine Decke, die sich hob und senkte.
Sabine war seit drei Wochen anders gewesen. Kurze Antworten beim Abendessen. Das Handy immer mit dem Display nach unten auf dem Nachttisch. Plötzliche Dienstreisen nach Stuttgart, für eine Steuerberaterin, die seit Jahren keine einzige Dienstreise gehabt hatte. Markus hatte es registriert und trotzdem weiter seinen Kaffee getrunken, als wäre nichts.
Diesmal war sie schon vor Sonnenaufgang gegangen. Er hatte es im Halbschlaf gehört, das leise Klicken der Wohnungstür, das Summen des Aufzugs.
Er lag da, die Augen auf die Decke gerichtet, bis das Handy auf dem Nachttisch vibrierte.
Eine Nachricht.
Ein Foto. Sabine in einem Flugzeugsitz, das Fenster hinter ihr blau vom Morgenlicht, daneben ein Mann, jünger, braungebrannt, mit einer Sonnenbrille in den Haaren. Sein Arm lag um ihre Schulter.
Darunter stand:
„Tschüss, Versager. Jetzt fängt mein Leben endlich an. Dir bleibt nichts außer der Wohnung und deinen Teppichen.“
Markus rührte sich nicht. Er zog die Decke zur Seite, auf der sie gelegen hatte, und sein Gesicht lag für einen Moment in dem Kissen, das noch nach ihrem Parfüm roch, süßlich und fremd, als gehörte es schon jemand anderem. Dann setzte er sich auf, griff nach dem Handy auf der Bettdecke und tippte die Nummer von Oliver, obwohl er sie längst auswendig kannte.
Sie wusste etwas nicht. Fünfzehn Minuten bevor sie diese Nachricht abgeschickt hatte, hatte er bereits telefoniert.
Vier Wochen zuvor war ihm aufgefallen, dass auf dem gemeinsamen Konto bei der Sparkasse Freiburg regelmäßig kleine Beträge fehlten — nie viel, immer unter dreihundert Euro, immer an Tagen, an denen Sabine angeblich „mit Kolleginnen essen“ war. Er hatte den Kontoauszug zweimal ausgedruckt und mit einem Textmarker die Posten markiert, bis eine Zeile ihn nicht mehr loslassen wollte: 247,80 €, Buchung Nummer siebzehn auf der Seite, Mittwoch, 14:52 Uhr, ein Fitnessstudio am Augustinerplatz, obwohl Sabine an diesem Tag angeblich in Stuttgart gewesen war. Er hatte die Seite dreimal gelesen, als könnte sich die Zahl noch ändern.
Er war Immobilienmakler, kein Buchhalter, aber er konnte eine Kontoübersicht lesen. Also hatte er seinen alten Studienfreund Oliver angerufen, der bei einer Detektei in Karlsruhe arbeitete. Drei Abende lang, für hundertachtzig Euro die Stunde, schickte Oliver ihm Fotos und einen kurzen Bericht per Mail: ein Mann namens Tim Vollmer, dreißig Jahre alt, Trainer in besagtem Studio, laut Melderegisterauszug ohne eigenen Wohnsitz in Freiburg, zuletzt bei den Eltern in Emmendingen gemeldet. Zwei offene Mahnverfahren einer Bank hingen als Anhang dabei, verpixelte Schnappschüsse von Briefen auf einem Küchentisch, die Oliver "aus Gründen, über die wir besser nicht reden" hatte fotografieren können. Markus hatte die Bilder am Küchentisch durchgesehen, mit kaltem Kaffee neben sich, den er nicht mehr anfasste.
Das Haus in der Lindenallee, dreigeschossig, mit Garten und Doppelgarage, stand seit neunzehn Jahren auf Markus' Namen — er hatte es von seinem Vater geerbt, bevor er Sabine überhaupt kennengelernt hatte. Das wusste sie. Was sie nicht wusste: Beim letzten gemeinsamen Termin bei ihrem Steuerberater in der Kaiser-Joseph-Straße, zwischen Belegordnern und Formularen für die Einkommensteuererklärung, hatte Markus ein zusätzliches Blatt in den Stapel gemischt, das Frau Dr. Heidemann, seine Anwältin, für ihn vorbereitet hatte: eine Vereinbarung, in der Sabine auf etwaige Ausgleichsansprüche am Haus verzichtete. Sabine hatte es eilig gehabt, an jenem Nachmittag. Sie wollte noch zu Tim. Sie hatte quer über den Tisch unterschrieben, ohne aufzuschauen, mitten im Satz über Abschreibungen, während der Steuerberater gerade mit dem Finanzamt telefonierte.
Die Nachricht mit dem Flughafenfoto kam um sechs Uhr zwei. Fünfzehn Minuten davor, um fünf Uhr siebenundvierzig, hatte Markus bei Frau Dr. Heidemann in der Kanzlei am Rotteckring angerufen. Er bekam nicht sie an die Leitung, sondern einen jungen Kollegen, der ihr gerade die Urlaubsvertretung machte und von der ganzen Sache offenbar zum ersten Mal hörte. „Moment, ich muss erst den Aktenordner finden“, sagte der Mann, und Markus stand mit dem Handy am Ohr in der Küche und wartete, während seine freie Hand auf der Arbeitsplatte leicht zitterte, bis der Kollege endlich die richtige Akte gefunden hatte. „Sie ist weg“, sagte Markus dann nur. „Reichen Sie die Scheidung ein. Bitte.“
Sabine landete mit Tim auf Mallorca, in einer Ferienwohnung in Playa de Palma, die sie mit der gemeinsamen Kreditkarte bezahlt hatte — einer Zusatzkarte zu Markus' Konto, die er, aus Bequemlichkeit, nie hatte sperren lassen. An diesem Morgen rief er bei der Sparkasse an, um das nachzuholen. Die Leitung war besetzt, dann kam eine Warteschleife, dann ein Berater, der ihm erklärte, eine Sperrung aus der Ferne brauche "aus Sicherheitsgründen" eine schriftliche Bestätigung per Post, das könne Tage dauern. Erst als Markus persönlich in die Filiale am Bertoldsbrunnen fuhr und seinen Ausweis auf den Tresen legte, ließ sich die Sache sofort erledigen.
Um elf Uhr, Ortszeit Mallorca, wollte Sabine am Pool einen Cocktail bestellen. Die Karte wurde abgelehnt. Tim versuchte es mit seiner eigenen Karte — Limit überschritten, zwei Mahnungen liefen noch. Sabine rief bei der Sparkasse an. Eine Stimme teilte ihr mit, dass die Zusatzkarte auf Antrag des Hauptkarteninhabers gesperrt worden sei.
Am Abend schrieb sie Markus eine zweite Nachricht. Diesmal kein Foto. Nur: „Was soll das? Ich brauche Geld für die Wohnung hier.“
Er antwortete nicht sofort. Er saß zu diesem Zeitpunkt im Garten der Lindenallee, auf der Terrasse, die er selbst vor fünf Jahren gepflastert hatte, und sah sich die Vereinbarung noch einmal in Ruhe an, die Frau Dr. Heidemann ihm per E-Mail geschickt hatte, mit Sabines Unterschrift unten auf der Seite, krakelig, weil sie beim Schreiben wohl nicht richtig hingesehen hatte. Er faltete das Blatt zweimal zusammen und wieder auf, bevor er es in die Mappe zurücklegte.
Drei Tage später, während Tim bereits nach einer günstigeren Unterkunft suchte, weil das Geld für die gebuchte Woche nicht reichte, stand Sabine vor der Tür in der Lindenallee. Sie hatte einen Flug zurück genommen, mit dem letzten Geld, das sie von ihrer Schwester geborgt hatte.
Markus öffnete nicht sofort. Er sah sie durch das Küchenfenster, wie sie klingelte, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Seine Hand lag auf dem Umschlag, der auf dem Esstisch lag — die Scheidungspapiere, bereits beim Amtsgericht Freiburg eingereicht, mit der Vereinbarung als Anlage, die der Kollege von Frau Dr. Heidemann in letzter Minute noch rechtzeitig fertigbekommen hatte. Er stand eine Weile einfach nur da, den Umschlag in der Hand, bevor er zur Tür ging.
Er öffnete nur so weit, dass er den Umschlag durch den Spalt reichen konnte.
„Du hast dreißig Tage Zeit, einen Anwalt zu nehmen, falls du Einwände hast“, sagte er, und seine Stimme klang belegter, als er wollte. „Die Wohnung bleibt, wie sie immer war: meine. Es steht da. Deine Unterschrift auch.“
Sabine starrte auf den Umschlag in ihrer Hand, dann wieder auf ihn. „Das — das kannst du nicht machen. Das war die Steuererklärung, das war —"
„War's nicht“, sagte er. Mehr fiel ihm nicht ein. Er schloss die Tür, ein bisschen zu schnell, und stand dahinter, die Stirn fast an das kalte Holz gelehnt, bis er ihre Schritte auf der Treppe nicht mehr hörte. Durch das Fenster sah er sie noch eine Weile unten stehen, den Umschlag an die Brust gedrückt, bevor sie sich abwandte und zur Straße ging, wo kein Taxi wartete, weil auch dafür das Geld nicht mehr reichte.
