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Regen über dem Industrieweg in Augsburg

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Der Regen prasselte auf die Einfahrt in der Lechhauser Siedlung, als Tobias Reinhardt den Koffer seiner schwangeren Frau auf die Straße warf.

Kleidung verteilte sich auf dem nassen Asphalt. Ein kleines Holzkästchen, das Mira seit ihrer Kindheit besaß, rollte in eine Pfütze und blieb dort liegen, halb versunken im Dreck.

Mira stand im siebten Monat schwanger im Regen. Kein Schreien. Kein Flehen. Keine Tränen. Genau das Gegenteil von dem, was Tobias erwartet hatte.

„Wir sind fertig", stieß er aus. „Verschwinde aus meinem Leben."

Neben ihm, unter dem Vordach, grinste Jasmin, seine Geliebte, die seit drei Monaten offen mit ihm in der gemeinsamen Wohnung lebte, als wäre nichts dabei. „Sie nimmt das erstaunlich gut auf", sagte sie, halb zu ihm gewandt, halb zu sich selbst, und zog dabei an einem losen Faden ihres Ärmels.

Dann trat Tobias' Mutter, Hildegard, auf die Haustreppe. Dieselbe Frau, die Mira seit sieben Jahren bei jedem Familienessen hatte spüren lassen, dass sie nicht dazugehörte — die falsche Herkunft, die falsche Schule, die falschen Hände für eine Reinhardt-Schwiegertochter.

„Du hast in dieser Familie nie etwas verloren gehabt", sagte sie kalt.

Bevor irgendjemand reagieren konnte, trat sie einen Schritt vor und spuckte Mira vor die Füße, knapp neben die aufgeplatzte Tasche.

Die Straße verstummte. Ein Nachbar, der gerade seinen Müll rausbrachte, blieb mit der Tonne in der Hand stehen. Sogar Jasmin ließ den Faden fallen.

Mira stand einen Moment reglos, die Hand auf ihrem Bauch. Dann griff sie nach dem Ehering an ihrer Hand, drehte ihn einmal um den Finger, ließ ihn aber dort, wo er war. Erst danach holte sie ihr Handy aus der Jackentasche. Ihre Finger zitterten dabei leicht — kaum sichtbar, aber sie musste zweimal ansetzen, um die richtige Nummer zu treffen.

„Papa", sagte sie leise, die Stimme etwas rauer als sonst. „Ich bin bei der alten Adresse. Es ist vorbei mit Tobias."

Eine Pause. Der Regen trommelte gegen den Gehweg.

„Ich hab's dir letzte Woche schon angekündigt, falls es so weit kommt", fügte sie hinzu. „Jetzt ist es so weit. Hol mich ab. Bring die Kanzlei mit."

Die Stimme, die aus dem Lautsprecher antwortete, ließ Hildegard erstarren. Vollständig erstarren. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihre Hand krallte sich an das nasse Treppengeländer.

Denn sie erkannte diese Stimme sofort.

Tobias lachte nervös. „Soll ich dir ernsthaft glauben, dass dein Vater Konstantin Voss ist?"

Konstantin Voss. Der Mann, dem halb Augsburgs Baubranche etwas schuldete, dessen Anwaltskanzlei am Fuggerplatz drei Stockwerke füllte, dessen Name in jeder Bauakte der Stadt irgendwo auftauchte. Tobias hatte den Namen nur aus der Zeitung gekannt — nie gedacht, dass seine unauffällige Frau, die seit sechs Jahren schweigend seine Familie ertrug, dessen einzige Tochter war.

Mira antwortete nicht. Sie stand einfach da, die nassen Socken in ihren Schuhen längst durchgeweicht, während der Regen ihr die Haare ins Gesicht klebte.

Dann bemerkte Tobias etwas Seltsames. Seine Mutter lachte nicht. Sie sah aus wie gelähmt. Absolut panisch.

Und als die Stimme am Telefon noch einmal sprach, wäre Hildegard fast in die Knie gegangen.

Denn sie wusste genau, wer da kam. Zwanzig Minuten später hörte man die Motoren.

Ein dunkler Wagen bog in die Straße ein, bremste vor dem Haus. Ein Mann stieg aus, in der Hand nur einen Schirm und sein Handy. Konstantin Voss, grauhaarig, im einfachen Anzug ohne Krawatte, als hätte er den Abend eigentlich am Küchentisch verbringen wollen. Er ging zu seiner Tochter, legte ihr den Schirm über den Kopf statt seines Mantels und drückte sie kurz an sich — nur so lange, wie man braucht, um ein Kind zu beruhigen, das sich das Knie aufgeschlagen hat.

„Alles gut?", fragte er leise, nur für sie.

Mira nickte knapp, biss sich auf die Unterlippe und sagte nichts.

Erst dann sah Voss zu Hildegard. „Frau Reinhardt. Vor elf Jahren habe ich der Baufirma Ihres Mannes einen Kredit über vierhundertfünfzigtausend Euro vermittelt, abgesichert über die Werkshalle in Göggingen. Ich habe damals nicht nachgefragt, warum Ihr Sohn meine Tochter heiratet. Jetzt weiß ich es."

Tobias wurde blass. Die Werkshalle, in der seine Firma seit Jahren produzierte, lief über einen Kredit, den sein Vater nie zurückgezahlt hatte — nur verlängert, Jahr für Jahr, auf ein Wort hin, das offenbar nie wirklich eingehalten worden war.

„Das hat nichts mit —", begann er.

„Es hat alles damit zu tun", unterbrach Voss ruhig. Er zog ein zusammengefaltetes Blatt aus der Innentasche seines Jacketts, feuchtete es sich am Rand leicht mit Regen und reichte es Tobias direkt. „Meine Anwältin schickt Ihnen morgen das Original. Darin steht die Fälligkeitsklausel, die ich vor Ihrer Hochzeit einbauen ließ: Bei Nachweis von Untreue oder Misshandlung der Vertragspartnerin wird der gesamte Kreditbetrag binnen dreißig Tagen zur Rückzahlung fällig."

„Dreißig Tage", sagte er. „Oder die Werkshalle gehört der Bank."

Jasmin, die bis dahin stumm unter dem Vordach gestanden hatte, trat einen Schritt zurück und rutschte dabei mit dem Absatz von der nassen Stufe.

Mira sagte nichts von alledem. Sie zog ihren Ehering vom Finger und legte ihn auf das nasse Geländer, dorthin, wo Hildegard gestanden hatte. Dann hob sie ihr Holzkästchen aus der Pfütze, wischte es mit dem Ärmel ab, so vorsichtig, als könnte es zerbrechen, und hielt es einen Moment an die Brust, bevor sie es in die Innentasche ihres Mantels steckte.

„Das Haus in Göggingen, in dem meine Mutter die letzten Jahre verbracht hat, bevor sie starb — das gehört jetzt mir allein", sagte sie zu Tobias, zum ersten Mal an diesem Abend direkt an ihn gerichtet. „Ich habe es vor zwei Monaten auf meinen Namen umschreiben lassen, als ich merkte, dass du länger bei Jasmin bleibst als bei mir. Du wirst dort nicht mehr wohnen."

Ihre Stimme brach bei den letzten Worten kurz ab, nur ein halber Ton, kaum hörbar im Regen.

Dann ging sie zum Auto. An der Tür blieb sie noch einen Atemzug stehen, die Hand auf dem Bauch, und sah zurück zu dem Haus, in dem sie sechs Jahre gewohnt hatte. Kein Wort mehr. Sie stieg ein.

Im Wagen, auf dem Rücksitz, öffnete sie das Holzkästchen. Darin lag, zwischen ein paar Fotos und einer Haarspange ihrer Mutter, ein kleiner silberner Löffel — ihr eigener, aus der Taufe. Sie legte ihn sich in die Handfläche und hielt ihn fest, während ihr Vater sich neben sie setzte und die Tür zuzog.

„Du hast gezittert, als du angerufen hast", sagte Voss und sah sie von der Seite an.

„Ich hab noch gezittert", sagte Mira. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, einmal, schnell. „Jetzt nicht mehr."

Er legte ihr die Hand auf die, in der sie den Löffel hielt, ohne etwas zu sagen. Der Wagen fuhr an. Draußen, im Rückspiegel, wurde das Haus in der Lechhauser Siedlung kleiner, bis es im Regen verschwand.

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