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З життя

Kiskunhalas, Késmárki utca

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Der Mann meiner Schwester stand vor mir, die Hände in den Taschen seiner Arbeitshose, und sagte mir, ich hätte für seine Kinder aufzukommen. Nicht leise, nicht als Bitte. Als läse er einen Beschluss vom Amt vor. Ich habe nicht diskutiert. Ich bin in die Küche gegangen, habe die Schublade aufgezogen und den alten Schlüsselbund herausgenommen. Dann habe ich im Internet die Nummer eines Schlüsseldienstes in Kiskunhalas herausgesucht — Andris Kulcscenter, zwölf Jahre auf dem Kecskeméti Platz, hieß es auf der Seite.

Ich heiße Gitta, ich bin zweiundvierzig, und bis vorgestern war ich mit Szabolcs verheiratet. Elf Jahre. Keine Kinder — das war nicht geplant, aber so gekommen. Wir wohnten in einer Dreizimmerwohnung in der Késmárki utca, vierter Stock, Altbau mit hohen Decken und einem Balkon zum Hof, auf dem ich im Sommer Tomaten zog. Im September waren die Stöcke noch da, die Blätter schon braun vom Regen.

Szabolcs' Schwester heißt Renáta. Sie ist zehn Jahre älter als ich, geschieden, zwei Kinder — Hannácska ist sieben, Árpi neun. Sie wohnte bisher in Kiskőrös, in einer Einzimmerwohnung im Plattenbau neben der Bushaltestelle. Dass sie nach Kiskunhalas ziehen will, wusste ich. Dass sie in unsere Wohnung ziehen will, erfuhr ich an jenem Abend.

Ich kam um sechs von der Arbeit. Ich arbeite in der Buchhaltung der Stadtgärtnerei, ein ruhiger Posten, aber im Herbst stapeln sich die Abrechnungen. Ich schloss die Tür auf und hörte schon im Flur eine fremde Stimme. Renáta stand im Wohnzimmer, den blauen Anorak hatte sie nicht ausgezogen, am Ärmel ein Fleck, grau und abgewetzt. Die Kinder saßen auf dem Sofa, beide mit denselben Turnschuhen, die Schnürsenkel unterschiedlich verknotet.

Hannácska hatte ein zerknittertes Heft auf dem Schoß, Árpi schaute auf den Teppich. Szabolcs lehnte am Türrahmen, die Schultern hochgezogen, und betrachtete seine Socken.

— Da bist du ja, — sagte Renáta statt einer Begrüßung. — Wir sind gekommen.

— Fürs Wochenende?, — fragte ich.

— Für immer.

Sie schaute dabei nicht mich an, sondern ihren Bruder. Szabolcs murmelte etwas von „dachte, du redest mit ihr”. Ich stellte meine Tasche auf die Kommode. Neben der Heizung lag noch das Hundespielzeug von Boldi, dem Foxterrier der Nachbarin aus dem zweiten Stock. Die Nachbarin bringt ihn jeden Morgen um acht nach unten, und Boldi wartet dann vor der Eingangstür, die Leine im Maul, bis jemand aufmacht. Ein dummer, treuer Hund.

— Die Kinder nehmen das Gästezimmer, — fuhr Renáta fort. — Das Sofa ist breit genug für zwei. Ich schlafe erst mal bei Mama in Baja, aber das ist ein Loch, das verstehst du ja. Bei euch ist Platz. Ihr seid eine Familie, du bist jetzt in der Familie. Also: für die Kinder sorgen — das ist deine Pflicht.

Das Wort kam heraus wie der Stempel auf einem Formular. Pflicht. Ich sah zu Szabolcs. Er zupfte am Etikett an der Innenseite seiner Socke. Er hätte jetzt irgendetwas sagen können. Er schwieg.

Ich spürte, wie mir der Kragen der Bluse am Hals klebte. Ich hatte den Tag über Kaffee aus dem Automaten getrunken, der in der Buchhaltung nach allen möglichen Dingen schmeckt, nur nicht nach Kaffee. Der Geschmack lag mir noch auf der Zunge, als Renáta begann, die Küchenzeile zu begutachten. Sie zog den Wasserhahn auf, hielt den Finger in den Strahl, nickte, als hätte sie ein Gutachten erstellt. Dann öffnete sie den Kühlschrank und zog die Salatschublade heraus.

— Wer kauft denn den Joghurt ohne Deckel, — sagte sie. — Der trocknet aus.

Ich habe nichts erklärt. Ich bin durch das Wohnzimmer gegangen, durch den Flur, ins Schlafzimmer. Dort stand die kleine Nachttischlampe, der Schirm war seit dem Umzug ein wenig schief, ich habe ihn immer zurechtgerückt, bevor ich las. An diesem Abend rückte ich ihn nicht zurecht. Ich setzte mich auf die Bettkante, griff nach dem Telefon auf dem Kissen und rief den Schlüsseldienst an. Andris Kulcscenter. Der Mann nahm nach dem zweiten Klingeln ab.

— Guten Abend. Ich hätte gern einen neuen Zylinder für die Wohnungstür. Morgen früh. Gegen halb zehn.

— Passt. Adresse?

Ich nannte die Straße und die Hausnummer. Draußen klapperte in der Küche der Geschirrspüler, den ich am Morgen angestellt hatte. Er zog Wasser, ein vertrautes Geräusch, und kurz darauf hörte ich Renátas Stimme, zu Szabolcs gewandt, aber laut genug für die ganze Etage:

— Der Besteckkasten ist dreckig. Das ist diese Fettlauge, die sich unten sammelt. So eine Frau, die das nicht putzt, will Kinder großziehen?

Ich legte das Handy nicht weg. Ich saß mit dem Rücken zur Tür, das Display immer noch hell, und dachte daran, wie Szabolcs vor elf Jahren meine Hand gehalten hatte, als wir die Wohnung zum ersten Mal besichtigten. Der Gutachter damals lobte die Eichenfenster. Szabolcs hatte gesagt: „Die Mutter wird sie mögen.” Schon damals hatte er bei jedem Satz, in dem es um unser Leben ging, ihre Meinung mitgedacht. Ich hatte gelächelt. Ich dachte, das ist Liebe zu der Frau, die ihn allein großgezogen hat, nachdem der Vater abgehauen war, als Szabolcs zwölf war, nach Kaposvár oder Schweden, das wusste niemand genau. Renáta war damals schon ausgezogen, mit siebzehn, in die Einzimmerwohnung, und die Mutter hatte Szabolcs jeden Morgen zur Schule begleitet, obwohl der Weg nur drei Straßen weit war. Jeden Morgen. Einmal hatte er mir erzählt, dass sie am Schultor auf ihn wartete, bis die Pausenglocke klingelte. Er sagte das mit so einer schiefen Zärtlichkeit, dass ich nicht nachgefragt habe.

Um halb sieben, nachdem Renáta die Kinder ins Bad geschickt und die Wäscheleine auf dem Balkon begutachtet hatte, kam Szabolcs ins Schlafzimmer. Er setzte sich auf den Cordsessel neben dem Schrank, der unter seinem Gewicht ein leises Geräusch machte, und sagte:

— Du hast ja gehört. Sie hat sonst niemanden. Wir müssen was tun.

— Nein, — sagte ich.

— Was heißt nein.

— Sie hat in Kiskőrös gewohnt. Sie kann weiter in Kiskőrös wohnen. Hier ist kein Platz.

— Platz ist genug da. Sie braucht Unterstützung. Wir schaffen das.

— Ich schaffe das nicht, — sagte ich. — Ich will das nicht schaffen.

Er hob die Hand und ließ sie auf den Sessel sinken, auf die Armlehne, zweimal, als klopfte er dort einen Takt. Dann:

— Du hast keine Kinder. Du verstehst das nicht.

Das war der Punkt, an dem ich aufstand. Ich zog die Reisetasche vom Schrank, die alte aus grünem Nylon, die ich seit dem Studium in Sopron nicht mehr benutzt hatte. Ich legte zwei Blusen hinein, die schwarze Stoffhose, in der ich zum Gespräch bei der Stadtgärtnerei gegangen war, Unterwäsche für drei Tage, das Ladegerät. Dann das Sparbuch, das ich bei der Takarékszövetkezet führte, und eine Mappe mit den Versicherungsunterlagen der Wohnung. Az első házassági évben még közös volt a lakás, de amikor Szabolcs' Mutter zu einer Operation musste, hatten wir umgeschrieben. Mein Anteil blieb im Grundbuch.

Szabolcs stand nicht auf. Er sah mir zu. Zwischendurch fragte er:

— Was soll ich Renáta sagen?

— Sag ihr, was du willst.

— Sie wird toben.

— Das tut sie sowieso.

Um acht kam Renáta ins Schlafzimmer, ohne zu klopfen. Hannácska stand hinter ihr im Türrahmen, das nasse Haar zu einem Zopf gedreht. Renáta verschränkte die Arme und sagte:

— Das Zimmer der Kinder ist noch nicht fertig. Da liegen Bettwäsche und irgendwelche Kartons mit bizarren Dingen. Porzellanfiguren. Wer sammelt denn sowas?

— Ich, — sagte ich.

— Die kannst du zu deiner Mutter bringen. Für die Kinder brauchen wir Platz.

— Bring sie selber weg.

Da geschah etwas mit ihrem Gesicht. Einen Moment lang war es weich, fast traurig, wie bei einer Frau, die man gebeten hatte, einen schweren Eimer zu tragen, und die spürte, dass ihre Arme nicht stark genug sind. Dann wurde es wieder hart.

— Du hast in diese Familie eingeheiratet, — sagte sie. — Für meine Kinder bist du jetzt verantwortlich. Wenn dir das nicht passt, dann pack deine Koffer, aber dann steh auch für nichts mehr ein.

Ich packte nicht. Ich hatte schon gepackt.

Am nächsten Morgen fuhr Szabolcs um Viertel vor sieben zur Arbeit, er arbeitet bei der MOL-Tankstelle an der Szegedi út, Frühschicht. Renáta schlief mit den Kindern im Gästezimmer. Ich hörte durch die Wand, wie Árpi im Traum irgendetwas vor sich hin murmelte, ein Wort vielleicht, nicht zu verstehen.

Der Schlüsseldienst kam um halb zehn. Ein Mann in einem grauen Arbeitspullover, die Plastikkiste unterm Arm. Er nahm den alten Zylinder heraus, legte ihn in die Innenschale der Kiste, dann baute er den neuen ein. Die Tür stand offen, der Treppenhausflur roch nach Bohnerwachs und ein wenig nach Zigarettenrauch, der von unten heraufzog. Vor der Nachbarstür standen zwei Paar Hausschuhe, ordentlich nebeneinander. Der Mann drehte den Schlüssel, zog ihn heraus, drehte ihn wieder. Dann legte er drei neue Schlüssel auf die Kommode neben den Briefumschlag.

— Fünfundzwanzigtausend Forint, — sagte er. — Das ist im Preis drin, das neue Schloss, die Montage, Anfahrt.

Ich zahlte bar. Er gab mir einen Zettel als Quittung.

Als ich die Tasche nahm, ging die Tür des Gästezimmers auf. Renáta stand da, im Flur, die Kinder halb hinter ihr. Sie schaute auf die Reisetasche, auf die Schlüssel, die ich in die Jackentasche steckte, auf die Quittung in meiner Hand.

— Was ist das, — fragte sie, noch ruhig, fast neugierig.

— Ich habe das Schloss getauscht.

— Du hast was?

— Die Tür lässt sich mit den alten Schlüsseln nicht mehr öffnen. Deine und die von Szabolcs funktionieren nicht mehr.

Sie lachte. Kurz, hell, ganz und gar nicht fröhlich.

— Das ist seine Wohnung. Du wirst schon sehen. Ich rufe die Polizei.

— Ruf an, — sagte ich. — Ich habe hier den Grundbuchauszug. Mein Anteil an der Wohnung beträgt einundfünfzig Prozent. Elf Jahre habe ich die Kreditzinsen mitgetragen, als dein Bruder beim Aufbau der Werkstatt kein Geld nach Hause brachte. Weißt du, wie viel das war? Sieben Millionen Forint. Sieben Millionen, Renáta. Ich habe jeden Monat den Vertrag vom Küchentisch genommen und die Überweisung selbst zur Post gebracht. Die Quittungen liegen im Schuhkarton unter dem Bett. Willst du sie sehen?

Sie sah mich an. Dann drehte sie sich nicht um, sondern ging rückwärts einen Schritt, als wiche sie vor einer Kante zurück. Árpi fing an, leise mit dem Reißverschluss seiner Jacke zu spielen, der immer wieder hängen blieb. Hannácska presste das Heft an die Brust.

— Wir haben nichts, — sagte Renáta. — Kiskőrös ist feucht, im Winter schimmelt die Fensterbank. Die Kinder husten. Árpi hatte im März eine Bronchitis. Die Fassade bröckelt. Du warst nie dort, du weißt ja nicht, wie es ist.

— Ich war zweimal dort. Beim ersten Mal hast du mir deine alte Nähmaschine gezeigt und gesagt, ich solle sie nicht anfassen, sie sei noch von Großmutter. Beim zweiten Mal haben wir zusammen Paprikás' Krumpli gegessen. Du hast mir die Schuhe an der Tür ausgezogen, und Árpi hat uns mit einer Kassette Musik gemacht, aus einem Recorder, der halb zerbrochen war.

— Und jetzt? Was sollen wir jetzt machen?

Ich schloss die Tür einen Spalt, damit ihr Blick nicht in den Flur fiel. Ich zog die Reisetasche höher auf die Schulter und sagte:

— Ich fahre zu Lídia. Du erinnerst dich an Lídia, meine Kollegin aus der Kanzlei. Aber erst gehe ich ins Büro und lasse meine Bankberaterin zwei Sachen einrichten. Erstens: Der Dauerauftrag, mit dem ich bisher jeden Monat hundertachzigtausend Forint für die Nebenkosten auf das gemeinsame Konto überwiesen habe, wird storniert. Zweitens: Mein Anteil an der Wohnung wird zum Verkauf ausgeschrieben. Wer die Wohnung haben will, muss sie mir zum Marktwert abkaufen. Wenn dein Bruder das nicht kann, wird die Wohnung geteilt oder versteigert.

— Und wir? Was wird aus den Kindern?

— Frag ihren Onkel, — sagte ich. — Der stand gestern Abend da und hat deinen Kindern zugesehen, wie sie mit nassen Haaren und müden Augen auf einem fremden Sofa saßen, und hat kein Wort gesagt. Frag ihn, was aus seinen Neffen wird, wenn er schon deine Schwägerin für ihre Versorgung für zuständig erklärt.

Ich ging. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Nicht zu fest. Auf der Treppe hörte ich noch, wie Hannácska hinter der Tür rief: „Mama, der Schlüssel passt nicht.” Dann Renátas Stimme, die keine Antwort gab, sondern irgendetwas Schweres über den Boden schob, vermutlich einen Stuhl. Er scharrte dumpf. Bis zum zweiten Stock hinunter hörte ich dieses Geräusch.

Draußen stand Boldi an der Hauswand, die Leine im Maul. Er wedelte, als er mich kommen sah, ganz kurz. Der Regen, der am Morgen aufgehört hatte, begann wieder. Die Bürgersteige in der Késmárki utca glänzten. Vor dem Haus stand der graue Opel Astra von Frau Kosáry, der bei Regen immer schlecht ansprang. Ich ging daran vorbei, zum Parkplatz an der Ecke, und dachte daran, dass ich am Nachmittag ins Büro gehen musste. Aber der Weg dorthin war kurz. Ich hatte ein Ziel.

Den Schlüssel zum neuen Zylinder stieß ich in der Jackentasche tiefer. Er war kalt und klein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb eine Frau mit Einkaufstasche stehen und schaute zu unserer Haustür hoch. Wahrscheinlich hatte sie den Stuhl gehört. Ich zog den Kapuzenrand meiner Regenjacke fester und ging die Straße hinunter, in Richtung Kossuth Park, wo um diese Zeit die Linienbusse nach Kecskemét halten. Ich hatte noch siebentausend Forint im Portemonnaie und den Grundbuchauszug in der Innentasche, knisternd, als wäre er neu.

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